Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Blütenfall
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 687 - 688 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2583875-2583876-2583886-2584377--00839-2584464- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
687 Israel Abrahamsolln: Blütenfall. 688 brennende Schiff sank, steigt die Morgenröte aus dem Meere auf." Der Erzähler schilderte dann in derselben derben Weise, wie sie fünf Tage auf dem Meere herumvagabondierten, wie die Juden vom ♦Corned Beef nichts gemessen wollten und nur Rum und Zwieback zu sich nahmen, wie allen die Nahrung bald ausging, wie sie vom andern Boot nichts erspähten und wie sie schliesslich gänzlich erschöpft von einem englischen Schiff aufgenommen wurden. Die beiden alten Knasterbärte schauten versonnen vor sich hin. Das Grässliche, das sie vernommen hatten, mochte ihnen eigene Erlebnisse wieder vor die Seele führen. Der Lakai, der das Lied des Juden sang, dessen Brot er ass, hatte ein heiteres und ein nasses Auge, dies war das seinem Herrn zugekehrte. Der Jude hatte den Kopf tief auf sein Buch gesenkt, eine flammende Röte bedeckte seine Wangen, und sein gelähmter Arm zitterte. Das deutsche Mädchen zeichnete mit dem Sonnenschirm Figuren in den Sand und sah unter gesenkten Lidern verstohlen nach dem interessantenFremden. Der trinkfeste Jüngling, der den Blick bemerkte, begann eifersüchtig wieder zu versichern, man merke ihm am nächsten Morgen wirklich nichts •an, und wenn er 30 Glas getrunken habe. Ich stand aut und ging davon, wohin, achtete ich nicht. In meinen Ohren gellte der Jammerruf verlorener Wesen, dröhnten und donnerten die Wogen des dunklen Meeres, prasselten die Flammen des versinkenden, blutbespritzten, leichenbedeckten Schiffes. Ehe ich mich dessen versah, war ich am Goldfischteich. Auf dem trüben, gelben Wasser schwammen wie blutige Thränen unzählige rote Blüten, und immer neue glitten von den alten Kastanienbäumen hernieder, am Ufer aber, am weinumrankten Standbild der Göttin der Liebe, die mit ausgestreckten Armen winkt: Kommt, lebet, freuet Euch der Schönheit! deren Händen die klingende Leier entfallen ist, klang Vogelgezwitscher und Gelächter und Jauchzen aus hundert und aberhundert Kinderkehlen. Hunderte herrlicher, entzückender jüdischer Kinder spielten und jagten in überschäumender Kraft und Jugendlust, und in ihren dunklen Augen spiegelte sich die Sonne wieder, die von der Siegessäule herübergleisste. Hoch auf dem ragenden Postament des trophäengeschmückten dunklen Säulenschafts weilte der schwebende Engel des Lichtes, in den segnenden Händen einen Lorbeerkranz; seine ausgebreiteten Flügel bewegten sich, seine Lippen waren geöffnet, und durch Vogelsang und Kinderjubel, über fallenden Blüten und trübem Gewässer schauert es wie ein sphärischer Ruf. A. van Diepenbeeck. Abraham bewirtet die drei Engel.