Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Blütenfall
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 683 - 684 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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683 Israel Abrahamsohn: Blütenfall. 684 dienst geschafft, um sechs kam ich wieder ran; ich lag nun angezogen in meiner Kajüte und schlief wie ein Murmeltier. Mit einemmale würgt mich was am Halse, presst mir die Brust und leuchtet mir. ins Gesicht. Es saust mir in den Ohren, es dröhnt mir im Kopf, es kratzt mir in der Kehle, ich muss ♦husten, ich schreie, oder wer schreit da? Schreit da nicht eine ganze Rotte? Was ist das für ein Geheul und ein Gestampfe? Ich schlage die Augen auf, die ganze Kajüte voll Qualm, und an Deck ein Getrappel wie von einem Regiment Dragoner, und ein Gekreisch und Geschrei, als ob die ganze Hölle Jagd mache. Ich nach oben! Ich taumele mehr wie ich gehe, denn ich war vom Dunst schon halb beduselt. Ich kriege einen Anblick, den ich nicht vergessen werde. Das Schiff brennt! Hui, hast du nicht gesehen! Ballen von Tuch und Seide, die wir mitführten, flogen wie Raketen durch die Luft; das Achterdeck, die Kommandobrücke, das Kartenhaus, die Takellage, die Masten, die Segel, alles brennt lichterloh. Das knistert und prasselt an allen Ecken und Enden! Die Feuer springen wie Kobolde von Raae zu Raae, der Wind pfeift, und die Balken ächzen; die Maschine steht still; an die Pumpen kann niemand an; es würde auch nichts mehr nützen; das Schiff ist verlorern. Aus dem Kesselräume stürzt eine rote Flamme und eine schwarze Rauchsäule zum ausgestirnten Tropenhimmel, die Wellen leuchten wie Blut, und wenn ein paar Spritzer an Bord kommen, giebt's ein Gezisch, als ob sich Bestien um Beute streiten. Ist das ein Gewüte und Getobe! Alles will zu den Booten. Dabei brennt ein Boot lichterloh! Der Kapitän, der erste Steuermann, die Maschinisten, die Matrosen stehen auf Tauen und Tonnen, gestikulieren und schreien. Der Kapitän droht mit dem Revolver und brüllt auf Holländisch Englisch und Französisch: Geduld, Geduld/ Hu, ist das ein Gezeter und Gejammer. Niemand hört, was der andere schreit, keiner versteht, was der andere will. Die Italiener haben blank gezogen und stossen um sich. Kinder und Frauen werden zertrampelt wie Maikäfer, Männer beissen wie wilde Tiere, und schon fliesst Blut in Strömen und liegen Tote und Verwundete und werden Lebende unter Leichen erstickt. Die Juden stehen abseits. Sie sind natürlich die Schwächsten, Kerle wie ausgenommene Heringe, dazu die Seekrankheit, ausserdem frassen sie nur, was sie in ihren Töpfen mit hatten, solche Männerchen können natürlich nicht mit einem wilden Italiener oder Czechen ringen. Sie stehen im Kreise zusammengedrängt wie eine Herde Schafe, die laut weinenden Weiber und piependen Kinder in der Mitte, die Männer ringsherum. Sie murmeln und schaukeln sich hin und her, pressen die Augen zusammen und wackeln mit den Köpfen. Sie beten offenbar. Wie das Feuer ausgebrochen ist, darüber mache ich mir keine Gedanken, ich sehe nur, dass wir alle geliefert sind, wenn es nicht gelingt, Ordnung in die Sache zu bringen. Eine Sängerin kommt mir, nur im Hemde steckend, einen Fächer in der Hand, entgegengerannt, umklammert mich mit ihren bepuderten Armen, küsst mich wie wahnsinnig und gellt wie ein übergeschnapptes Hühnchen. Ich schüttele sie ab, packe einen Bootshaken, haue damit rechts und links um mich und bahne mir glücklich einen Weg zum Kapitän. Nun schreie ich, was ich kann und fuchtele mit beiden Armen wie ein Auktionator. „Alle werden gerettet, alle, alle. Aber nur einer nach dem andern darf in die Boote. Wer Gewalt braucht, wird niedergeschossen oder niedergeschlagen. " Allmählich trat nun doch so 'ne Art Ruhe ein. Wir hatten noch drei Boote. Darin konnten wir an 600 Menschen aufnehmen. Es war also keine Not. Der Kapitän übernahm das kleinste Boot, das zuletzt abgehen sollte, das zweite Boot nimmt der Obermaschinist und das grösste Boot der erste Steuermann. Ich stand im zweiten Boot. Ins grosse Boot kam die Operettengesellschaft und die Deutschen, Schweizer und Franzosen vom Zwischendeck. Im Nu war das Boot voll und setzte die Segel auf, um abzufahren. Wir wollten so schnell wie möglich vom Schiff fort, um nicht vom Strudel erfasst zu werden, da der Kasten höchtens noch eine Stunde über Wasser bleiben konnte. Das zweite Boot ist runtergelassen. Die Italiener und Böhmaken sind wie der Blitz drin. Da, ein Gewinsel wie von einem kranken Tier, das grosse Boot ist 30 m vom Schiff umgeschlagen und 250 Menschen kämpfen mit den Wellen, aber nicht lange; die meisten gehen unter, 20 Stück aber werden an unser Boot rangetrieben, klammern sich an und kriechen herein. Der erste Steuermann ist auch dabei, spuckt wie ein Seehund, ist nass wie eine Katze, übernimmt aber sofort das Kommando. Noch 30 Juden sind zugekommen, das Boot ist mit 200 Menschen voll. Das dritte Boot hat Platz für höchstens 150 Menschen, es sind aber noch 170 jfaden an Bord. Der Kapitän befiehlt mir auszusteigen und übergiebt mir das Kommando des letzten Bootes. Er sagt mir auf Holländisch, dass er auf dem Schiff bleiben werde. Ich sehe, dass sein Entschluss gefasst ist, drücke ihm die Hand und denke: Nun kalt Blut! Vor allem nichts merken lassen, wie die Sache steht. Da hätten Sie sehen sollen, wie die Juden umständlich runterzottelten. Erst gaben sie die Kinder, dann die Weiber, dann ihre Bündel, dann kamen sie selbst.