Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Blütenfall
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 681 - 682 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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681 Israel Abrahamsolm: Blütenfall. 682 „Du Bummelfritze! Dich holt noch gewiss «der Teufel." Sie zupft ihn verliebt am Ohr; er schnappt nach ihrem Finger wie ein Pudel nach •einem Stück Kalbfleisch. Sie stellt sich sehr entrüstet, denkt aber, ein tüchtiger Bursche, der einen Stiebel vertragen und sein Glück wagen kann. An der rechten Bankecke starrt ein glattrasiertes Bedientengesicht gedankenlos geradeaus, neben der Bank steht ein Krankenstuhl, in dem ein alter, halbgelähmter Jude sitzt; sein linker Arm ruht steif auf dem Plaid, das die Beine und •den Unterkörper bedeckt; in der rechten Hand hält er ein aufgeschlagenes Buch, in das er zuweilen mit traurigem, blinzelndem Ausdruck hineinsieht. Sein Hut hängt an der Rücklehne des Rollstuhls, sein Kopf ist kahl und spitz, an der Seite und hinten ein paar weisse Haare, das Gesicht gelb und von bläulichen Adern durchzogen, ■das bartlose Kinn hängt herab, ein buschiger weisser Schnurrbart bedeckt die Oberlippe. Die Schläfen der geturchten Stirn sind tief eingesunken und die Lippen des geöffneten Mundes bleich und schlaff. Ab und zu bewegt er den Kopf hin und her, lehnt ihn auch tief zurück und trinkt mit halbgeschlossenen Lidern und tiefatmender Brust Luft und Sonnenschein mit der Gier eines Verschmachteten. Mein Nachbar zur Rechten ist ein grosser, kräftiger deutscher Landbewohner, Gutsbesitzer oder Inspektor, dessen Atem wie das Knarren einer schlechtgeölten Thüre rasselt und ein Parfüm von Grogk und Tabak verbreitet. Auf seinem dicken Bauch, der sich hebt und senkt wie der Busen eines fetten Frauenzimmers, baumelt an einer gewaltigen Uhrkette eine Kollektion von Petschaften, Pfeifen, Eberzähnen und ähnlichen Chosen; von seinem roten, aufgedunsenen Gesicht, das eine faustbreite Nase nicht gerade verschönt, fällt ihm ein pfauenschweifförmiger, strohfarbiger Bart, dessen Ausläufer dicht unterhalb der runden, hartblickenden Augen beginnen, bis über die Brust herab. In der Rechten, an deren klobigen Fingern mit schwarzen Nägeln mehrere Ringe prangen, hält er einen Knüppel, an dessen Hirsch griff eine weisse Mütze baumelt, mit der Linken führt er fleissig eine Meerschaumspitze zum Munde, um einem stinkenden Cigarrenstümpfchen Wolken von Dampf zu entziehen. Den dicken Kopf, dessen Stirn von des Gedankens Blässe nicht angekränkelt ist, bedecken einige Strähnen angeklatschter Haare, die vom Genick und. vom linken behaarten Ohre aus über die glänzende Platte arrangiert sind. Der Herr hört interessiert seinem Nebenmanne zu und zieht zu dessen Seemannsgeschichten die Nase in vergnügte Falten. „Ja," sagt der Seemann, und die Betonung dieses einen Wortes charakterisiert ihn als Nordwestdeutschen, „ja, so'n Seefahrer erlebt eben Angenehmes und Unangenehmes. Einmal brachten wir von Südamerika Pferde nach England. Sobald wir Montevideo verlassen haben, kommen wir in den Sturm rein und kommen acht Tage da nicht mehr raus, Es war ein Wetter, dass wir vom Schiff uns die Seele aus dem Leibe spuckten. Drei Tage konnten wir nicht zu den Pferden ran. War das ein Gestank! Die Hälfte hatte sich die Beine oder das Genick gebrochen, und wir konnten keines rauswerfen. Alles war losgerissen, ging drunter und drüber, und wären wir den Tieren, die wie Löwen brüllten, vor die Mäuler gefallen, so wären wir nicht ganz aufgestanden." Ein scharfgeschnittener Seemannskopf. Kurzer, blonder Knebelbart am energischen Kinn, zerzauster Schnurrbart, schmale Lippen, kühn vorspringende Nase, braune Wangen, und unter dunklen Brauen, zwischen denen eine tiefe Falte, helle Geieraugen. Seine mittelgrosse Gestalt war fast knabenhaft schlank. Er war höchstens 35 Jahre alt, schien aber schon einen ganzen Posten erlebt zu haben. „Das tollste, Avas ich aber mitgemacht habe, passierte mir vor drei Jahren. Ich war zweiter Steuermann auf einem holländischen Schiff, das zwischen Rotterdam und Buenos Aires hin- und herging. Als wir damals, es war im Herbst, von Holland in wSee gingen, hatten wir 500 Passagiere an Bord, darunter im Zwischendeck gut 200 Juden — diese polnischen Juden mit langen Barten und langen Locken, ein Lumpengesindel, von denen jeder mehr Flöhe haben mochte als zwei Schäferhunde. Die Bande war mit Sack und Pack grün und gelb vor Seekrankheit mit einem dänischen Segler von Libau gekommen und wollte nach Argentinien auf die Kolonie von dem reichen Gauner Hirsch oder was beisst mich da?" „Hahaha," die Uhrkette mit sämtlichen Berloques auf dem Bauche des Schlots tanzte. „Die übrigen Zwischendeckpassagiere waren Deutsche, Schweizer, Italiener, Franzosen und Böhmen. In der ersten Kajüte hatten wir eine französische Operettengesellschaft mit Kapellmeister und Orchester, im ganzen 60 Köpfe, darunter paar allerliebste Weiberchen, die einem den Kopf verdrehen konnten. Die Leute hatten Europa abgegrast und wollten nun eine Tournee durch Südamerika machen. Ich war von der Mannschaft der einzige Deutsche und wurde deshalb von den Juden als so eine Art Oberrabbiner verehrt, denn holländisch oder englisch verstanden die Luders natürlich nicht, und so musste ich Dolmetsch spielen. Also gut. Wir haben die Kap Yerdischen Inseln umschifft und die Hälfte der Fahrt hinter uns. Ich hatte eben von zwölf bis zwei Nacht-