Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Blütenfall
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 679 - 680 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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679 680 BLUETENFALL Von Israel Abrahamsohn. Ein Frühsommertag im Berliner Tiergarten. — Der herrliche Park prangt in dunklem Grün; in den Linden-, Ahorn- und Ellernwipfeln singen Finken und Drosseln; über die zitternden Rasen- *Mchen streichen flügelschlagend und . lockend Amseln und Ringeltauben; Wildenten erheben sich schnatternd aus schwäneglänzenden Teichen und Flüsschen, und auf allen Wegen spielen und zanken piepsende Sperlinge und ergehen sich plaudernde oder einsame Menschen in hellen Kleidern oder schmierigen Lumpen. In der Siegesallee führen alte Damen ihre asthmatischenMöpseoderkeifendenSpitzespazieren, und schnaufende, schwitzende, bierdunstende Philister aus der Provinz trapsen, Regenschirm, Hut, Bädeker unterm Arm und das Taschentuch in der Hand, von einem Denkmal zum andern und beglotzen kritisch den gespreizten Lohengrin mit der Gänsebrust oder den Markgrafen mit den Waden eines Weltmeisters im Radfahren. Am Floraplatz, dem weiten Rondel in der Nähe der Via triumphalis von Charlottenburg zum Brandenburger Thor sitzen auf sonnendurchwärmten Bänken Bürger und Studenten, Bonnen, Frauen und Jungfräulein, passen auf kleine Schützlinge auf, lesen eine furchtbar interessante Liebesgeschichte oder agieren eine Szene einer nicht mehr neuen, aber immer wieder reizvollen Komödie. Um die so friedlich Sinnenden und Minnenden geht's: Hop! hop! Offiziere, Damen der Halbwelt, jüdische Handelsherren nähern und entfernen sich trabend, galoppierend von rechts und von links und tänzeln ein Stück auf dem von hohen Linden beschatteten Reitweg einher, der das Rondel umzieht. In der Mitte des Rasenplatzes steht auf schlankem, von Vergissmeinnicht und Tulpen umgebenem Sockel Flora und schüttet lächelnd aus ihrem Füllhorn Blumen und Schmetterlinge herab, deren wirbelndem Niedergleiten sie schalkhaft nachblickt. Schon hat der Tod mit unsichtbarer Hand dies hastende Spiel gestreift. Auf den Wegen liegen mit zerknitterten Käferflügeln und zertretenen Schmetterlingsleibern tausend und abertausend wreisse Faulbaumblüten, dem Flieder, dessen süsser Duft die bläulich wallende Luft erfüllt, entsinkt der welkende Schmuck, und aus einer ganz kleinen Bodenspalte quillt ein endloses Heer winziger Ameisen hervor und bemüht sich eifrig, eine im Staube liegende Libelle fortzuschleifen. Ich suche einen Platz. Alles besetzt! Da, auf einer Bank in der Nähe der ruhenden Auerochsen, deren widerlicher Protzenausdruck von einem antisemitische Scherze liebenden Künstler entworfen scheint, steht ein alter Mann auf. Er hält den Hut in der Hand und geht humpelnd und das lange weisse Haar hin- und herschüttelnd, davon. Sein Gesicht kann ich nicht sehen. Wie er die Hände im Selbstgespräch bewegend mit eingezogenem Rücken langsam und: doch plötzlich im Dickicht verschwendet, gemahnt er an den menschlich und doch gespenstisch wandelnden Ahasver. Schnell, ehe ein anderer mir zuvorkommt, nehme ich den freigewordenen Platz ein. Die Bank ist nun wieder ganz gefüllt. Mir zur Linken sitzen zunächst zwei alte Knasterbärte mit Orden auf dem schwarzen Gehrock, langausgestreckten steifen Beinen, mit altmodischen Stiefeln an den Füssen und einem feierlichenKrückstock in den runzligen, zusammengefalteten Händen. Die Wackeren schwelgen in Kriegserinnerungen. In breitem Ostpreussisch, dessen Worte langsam und bedächtig und in höchstem Falset empordringen, tauschen sie Rede und Gegenrede aus. Beide scheinen vom Lande zu stammen, alte Unteroffiziere und Söhne von Soldaten zu sein. Der Vater des einen hat, wie ich höre, unter Blücher an der Katzbach mitgekämpft, die Mutter hat als Mädchen die verhungerten Franzosen, die aus Russland zurückkamen und immer „quel malheur, quel malheur!" schrien, gepflegt. „Wie alt waren denn Ihre Eltern, als Sie ankamen?" fragt der andere. „Na, der Vater 64 und die Mutterchen 49." „Donnerschlag! Ja, ja die alten Zeiten!" „Ja, so war der Vaterchen! Immer Soldat. 14 Jahre bei der Fahne gewesen, und nachher, wenn einer auf unsern Hof kam, fragt ihn der Vater: ,Bist Soldat gewesen?' Wenn ja, war alles gut, könnt er essen und trinken so viel er wollte, wenn nicht, dann war er mit ihm böse." „Ganz wie meiner. Der Hess sich mit dem silbernen Portepee begraben. Anno 48 fragt ihn der Oberst: ,Ebernickel,' sagt er t zum Vater, ,wollen Sie Geld oder das silberne Portepee?' ,Ich bitte um das silberne Portepee!' sagt er." — An der linken Ecke der Bank sitzt ein näselnder junger Mann, dessen nachdrückliche Beredsamkeit ein rotbäckiges deutsches Mädchen in die heiterste Stimmung versetzt. „Aber Du kannst mir glauben, Anna! Das merkt mir niemand an. Vorgestern, ja, Sonnabend, bin ich um 3/44 nach Hause gekommen. Wieviel ich intus hatte, wusste ich nicht, wusste überhaupt von nichts. Na, und Sonntag um 9 kam ich zu Frühstück, Mama und Clara sind noch nicht da, als sie angetanzt kommen, fragt Mama, wann ich nach Hause bin. Ich sage, nach elf, hähä. Wieviel ich getrunken habe? — Ungefähr fünf Glas und paar Cognacs. — Dabei hatte ich einen Brand, sage ich Dir, dass ich ein Dutzend Heringe lebendig hätte fressen mögen. Hat aber keiner was gemerkt. Abends war ich im Theater und bin erst um 2 in die Klappe gegangen."