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Ost und West · 1901-09-01 · Heft 9 (September 1901) · p. Seite 669 - 670

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 9 (September 1901)
Article
Eleazar, "Shylock" und "Nathan der Weise"
Date
1901-09-01
Page
Seite 669 - 670 (sequence 5)
Language
German
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669 Leo Winz: „Eleazar", „Shylock" und „Nathan der Weise" 670 moch in Streit geraten. Er konnte ihn daher bloss als Juden verachten und ihm den üblichen Hass entgegenbringen, nicht aber ein so grässliches subjektives Rachegefühl gegen ihn hegen. Der grösste psychologische Dichter aller Zeiten Tiatte eine genaue Vorstellung von jenen tiefen und unauslöschlichen Spuren, die Schmach und Verfolgungen, Groll und Erbitterung in das Herz der Juden gegraben haben. Aus dieser Vorstellung heraus ist die 'Gestalt Shylock's entstanden. Und das Bild, welches -er mit den höchsten Mitteln seiner Kunst vom Seelenleben Shylock's entwirft, ist so vollkommen, dass uns •des Helden Denk- und Handlungsweise, dass uns sogar der unmenschliche Racheakt, zu dem das glühendste Verlangen ihn treibt, menschlich nahegeführt wird. Hätte der Dichter selbst unter Juden gelebt und wäre -er ein Zeitgenosse Heinrich III., nntgr dem die Judenverfolgungen bis zum Wahnwitz ausarteten, er könnte "Shylock wahrlich nicht andere Worte in den Mund legen als die, welche er ihn zur Rechtfertigung seines Hasses gegen die Christen sagen lässt. „Signor Antonio," so spricht Shylock vorwurfstoII, „viel und oftermals habt Ihr auf dem Rialto mich rgeschmäht, um meine Gelder und um meine Zinsen; stets trug ich's mit geduld'gem Achselzucken, denn Dulden ist das Erbteil unsres Stammes. Ihr scheltet mich abtrünnig, einen Bluthund, und speit auf meinen jüdischen Rockelor . . .u (Akt I, Auftritt III.) Shylock begründet seinen bitteren Hass gegen Antonio mit folgenden treflenden Worten: „Er hat mich beschimpft, mir 'ne halbe Million gehindert, meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gesetzt. Und was hat er für Grund? Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmassen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? mit derselben .'Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekäitet von eben dem Winter rund Sommer, als ein Christ? Wenn Ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn Ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn Ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn" Ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir Euch in allen Dingen ähnlich, so "wollen wir's Euch auch darin gleichthun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Hache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muss seine Geduld sein nach, christlichem Vorbild? Nu, Rache." (Akt III.) Er schliesst seine bitteren Worte mit dem wohlberechtigten Vorwurfe: „Die Bosheit, die Ihr mich lehrt, die will ich ausüben, und es muss schlimm hergehen, oder ich will es meinen Meistern zuvorthun." Dieser Schrei der Verzweiflung, der sich nur einem zerrissenen Herzen entringen konnte, zeigt uns, inwieweit Shakespeare sich Mühe gegeben hat, Shylock's Rachegefühl darzustellen als einen natürlichen Ausfluss unerhörter Leiden und dessen Hass als den Reflex jener feindseligen Stimmung, welche die Christen ihn im Verkehr immerfort merken Hessen. Der Dichter lässt uns keinen Augenblick im Zweifel darüber, dass Hass und Rache nicht die wesentlichsten Merkmale Shylock's Charakter bilden, sondern dass sie erst später unter dem Drucke der Verhältnisse in seiner Seele platzgegriffen haben. Shylock empfindet es selbst mit Grausen, dass die Rachegefühle, die er im Herzen trägt, verabscheuungswürdig sind. Gegen seine Dränger ist er doppelt erbittert, einmal weil sie ihm materiell geschadet, und dann, was noch viel schlimmer ist, weil sie seine Seele vergiftet haben. Indem also Shakespeare vornehmlich darauf bedacht war, zu zeigen, wie Shylock der in der eben beschriebenen Weise materiell und seelisch leidet, nach den psychologischen Gesetzen handeln muss, begeht er den Fehler, dass er in ihm lediglich den Menschen vor Augen hat, den Juden aber ganz aus dem Spiele lässt, dass ihn also das im rein Menschlichen bedingte Müssen interessiert, ohne dass er beachtet, wie die jüdische ethische Lehre das Thun ihrer Anhänger zu beeinflussen vermag. Indes dieser Irrtum ist begreiflich; hatte doch Shakespeare von den sittlichen Lehren der jüdischen Religion und ihrem mächtigen Einüuss auf die Juden keine Ahnung; hatte er doch nicht die geringste Vorstellung von der Duldekrait der Juden, die sie seit Jahrtausenden daran gewöhnt hat, so manches Leid über sich ergehen zu lassen, ohne dass Wut und Verzweiflung sie zu blutdürstigen Raubtieren gemacht hätten. Da nun nach dem Gesagten der Dichter nicht den Juden Shylock geschaffen hat, so ist es kein Wunder, dass in diesem das Böse als der Grundzug seines Charakters erscheint, und dass infolgedessen so geringe Aehnlichkeit besteht zwischen der Schöpfung des grossen Britten und dem echt jüdischen Typus, in welchem das Gute überwiegt. Ein Volk, zu dessen charakteristischen Merkmalen Barmherzigkeit, Mitleid und Güte gehören, kann nie einen Shylock hervorbringen. So kann denn Shylock ebensowenig wie Nathan für den vollkommenen Typus eines Juden gelten. Die Vorstellung des echt Jüdischen muss gewonnen werden durch Zusammensetzung von Merkmalen, die teils der einen, teils der anderen von den beiden dichterischen Gestalten zu entlehnen sind. Einen solchen Juden par excellence bietet uns Scribe. Es ist vielleicht mehr als Zufall, dass einerseits inEleazar's Leben Ereignisse eingreifen, die manche Aehnlichkeit mit den Lebensschicksalen Nathan's haben, und dass andererseits mancher Zug in Eleazar's Persönlichkeit an Shylock erinnert. Gleich Nathan hat Eleazar ein verwaistes, heimatloses Christenmädchen an Kindesstatt angenommen (übrigens tragen beide Mädchen auch den gleichen Namen Recha). Aus Nathan's Mund erfahren wir, dass seine Frau und seine Kinder schuldlos den

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