Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Eleazar, "Shylock" und "Nathan der Weise"
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 667 - 668 (sequence 4)
- Language
- German
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667 Leo Winz: „Eleazar", „Shylock" und „Nathan der Weise" 668 wie ihm bekannt sein musste, bei Boccaccio der Jude Malkizedek dem Sultan während einer Disputation jene Fabel erzählt und dadurch dessen Freundschaft gewinnt. Lessing war es hauptsächlich darum zu thun, in seinem Nathan die jüdische Lehre zu verkörpern, womit er seine Mission, die Predigt der Toleranz, der Liebe und der Brüderlichkeit am schönsten zu erfüllen meinte. Er behandelte daher nur die ethische Seite des Judentums, schenkte aber dem kausalen Zusammenhang der Dinge, dem naturnotwendigen Geschehen, keine Beachtung. Er giebt daher dem Leben eine Gestalt, wie sie die Lehre erheischt. Nathan verkörpert bloss das theoretische Judentum. Das wirkliche, durch die Verhältnisse bedingte Leben der Juden, die natürlichen Neigungen des menschlichen Herzens, die zuweilen stärker sind als die Gebote der Sittlichkeit, und die Forderungen der philosophischen Systeme bleiben einfach, was Nathan betrifft, bei Lessing unberücksichtigt. Die übrigen Personen des Stückes hingegen (die mit Ausnahme des Kardinals zu den Guten dieser Welt gehören) sind im wesentlichen dem Leben entnommen. Wenn ihr Gemütsleben durch Erziehung oder durch besondere Ereignisse beeinflusst wird, so sind sie gezwungen, in ihrem Handeln und Denken von den Grundsätzen der Weltanschauung, die sie sich zu eigen gemacht haben, abzuweichen. Selbst Lessing sagt: „Doch was man ist und was man sein muss in der Welt, das passt ja wohl nicht immer'4 (Nathan der Weise. Akt V, Auftritt IV). Wie ganz anders Nathan? Nichts kann sein Blut schneller üiessen, nichts sein Herz stärker pochen machen. Er wurde wie ein "Wild verfolgt und gehetzt, seine Frau und seine sieben Kinder, seine Freunde und Gemeindebrüder wurden vor seinen Augen schuldlos niedergemetzelt oder den Flammen übergeben. Und diesem so arg heimgesuchten Manne leiht Lessing die Kraft, Toleranz zu üben. Ja, selbst in dem Augenblicke, wo äusserste Erbitterung, Wut und Verzweiflung einen Sturm von Leidenschaften in Nathan's Herzen hätten entfachen müssen, bleibt er ruhig und spricht gelassen die bemerkenswerten Worte: „Die Patriarchen und Tempelherren vermögen des Bösen nicht so viel zu thun, dass irgend was mich reuen könnte." Bei Nathan äussert sich die Toleranz und die Liebe in einer unnatürlichen Uebertreibung, denn er soll bloss den Juden darstellen, der die biblische Lehre in ihrer vollkommensten und reinsten Gestalt ins öffentliche Leben hinauszutragen berufen sei. Der Mensch aber tritt bei ihm gänzlich in den Hintergrund. Bei Shylock überschreiten die Intoleranz und der Hass alle Grenzen, da Shakespeare im Gegensatz zu Lessing vom Judentum keine Ahnung hatte. In Shylock wird daher das rein menschliche Triebleben zu sehr hervorgekehrt. "Wir sehen in ihm lediglich eine physiologische Erscheinung, ein Wesen, in dem der unwiderstehliche Einfluss der Verhältnisse sich im höchsten Grade wirksam zeigt. Seine Handlungen sind ausschliesslich nach psychologischen Gesetzen bestimmt, deren Herrschaft kein Mensch, so lange er im vollen Besitze seiner Sinne und seiner Empfindungen ist, sich entziehen kann. Shakespeare hat nie unter Juden gelebt und höchst wahrscheinlich nie einen Juden gesehen, denn es war ihnen seit dem Jahre 1290 (also ungefähr 300 Jahre vor Shakespeare's litterarischem Wirken) bei Strafe verboten gewesen, sich in England niederzulassen, und dieses Verbot ist erst nach Tode des Dichters aufgehoben worden. Gleichwohl dürften ihm das Leben der Juden, ihre Leiden, die Verfolgungen, denen sie seitens der Christen überall ausgesetzt waren, nicht unbekannt geblieben sein. In seiner Zeit wurde das Urteil viel besprochen, das der Papst Sixtus V. (1585—1590) im Prozesse des Christen Paulo Maria Secchi aus Rom gegen den Juden Simson gefällt hatte. Es handelte sich um eine von Simson im Scherze unterzeichnete schriftliche Verpflichtung, ein Pfund von seinem eigenen Fleische dem Christen Secchi zur Verfügung zu stellen. Der Prozess hatte grosses Aufsehen erregt, und die Kunde davon hatte sich in verschiedensten Modifikationen allerorten verbreitet. Die Literaturhistoriker sind darin einig, dass Shakespeare's erste Anregung zu seinem Stücke „Der Kaufmann von Venedig" (zuerst aufgeführt 1594, veröffentlicht 1600) dem erwähnten Vorfalle zuzuschreiben sei. Der Dichter hat aber einen Rollenwechsel vollzogen. Der Christ Secchi wurde bei ihm zum Juden Shylock und der Jude Simson verwandelte sich in den Christen Antonio. Das geschah aber nicht in böswilliger Absicht, sondern im Interesse der Kunst, da die Handlungsweise des Christen Secchi ihm nicht psychologisch notwendig, mithin auch nicht ein passendes Kunstobjekt zu sein schien. Er fand die Gier Secchi's nach Jadenblut abnorm, denn psychologisch betrachtet, kann der Starke, in dessen Macht es steht, den Schwachen nach Herzenslust zu drücken, sich nie zu einer so grausamen That, die nur als Racheakt möglich ist, erniedrigen. "Wohl kann der Christ den ihm gegenüber ohnmächtigen Juden verachten und verfolgen, er würde aber eine so schimpfliche Rache verschmähen. Ganz besonders schwerwiegende Verhältnisse sind erforderlich, um einen Menschen, wenn er nicht von Natur ein Scheusal ist, zu solcher That zu veranlassen. In dem von ohnmächtigem Hass gequälten Herzen des Schwächeren kann ein so unüberwindliches Rachegefühl gegen den Starken, von dem er unverdienterweise viel grausames Unrecht erlitten hat, erzeugt werden. Secchi hatte gar keinen Grund, sich an Simson zu rächen, denn sie waren nie miteinander verfeindet,