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Ost und West · 1901-09-01 · Heft 9 (September 1901) · p. Seite 671 - 672

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 9 (September 1901)
Article
Eleazar, "Shylock" und "Nathan der Weise"
Date
1901-09-01
Page
Seite 671 - 672 (sequence 6)
Language
German
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671 Leo Winz: „Eleazar", „Shylock" und „Nathan der Weise". 672 Tod in den Flammen gefunden haben. Aehnliches erzählt Eleazar. Gereiztheit und glühender Hass. sind es, die Shylock's Charakter ein eigentümliches Gepräge verleihen. Sie sind aber auch bei Eleazar in hohem Maasse vorhanden. Die Reden dieser beiden atmen vielfach denselben Geist, so mancher Ansschauung und Empfindung, die in den Worten des einen zum Ausdruck kommt, begegnet man auch in dem Gespräche des andern. Trotz alledem gleicht Eleazar weder Nathan noch Shylock. Im Gegensatz zu Nathan schwur er am Tage, als. seine Kinder im Feuer umkamen, der christlichen Kirche ewigen Hass. Nathan erzählt, dass er zwar am Tage, wo seine Frau und seine Kinder durch Christenhand umkamen, der Christenheit den unversöhnlichsten Hass zugeschworen hatte, dass jedoch die Vernunft ihn bald zur Besonnenheit brachte. Sie sprach mit sanfter Stimme: ..Und doch ist Gott! Doch war auch Gottes Ratschluss das! Wohlan! Komm! Uebe, was Du längt begriffen hast.44 (Akt IV, Auftritt VII.) Eleazar aber ruft erbittert: „Soll vielleicht ich sie lieben? Zum Flammentod verdammt, sah schuldlos angeklagt ich meine Söhne sterben." Er vergisst keinen Augenblick seines Volkes und seines Glaubens. Wie er seinem tiefen Hass gegen die Christen die volle Wucht seiner Sprache leiht, so weiss er auch erhabene Worte des Mitleids zu finden für sein gehetztes und geplagtes Volk. Rache schwört er seinen Bedrängern nicht nur seinetwegen, sondern auch um seines Volkes und seines Glaubens willen. Nathan der Weise aber denkt und empfindet ganz anders. Er sagt zum Tempelherrn: „Kommt, wir müssen Freunde sein! Verachtet mein Volk so viel Ihr wollt, wir haben beide unser Volk nicht auserlesen." . . . (Akt II, Auftr. V.) Nathan liebt seine Pflegetochter nicht weniger als Eleazar die seine, und doch will Nathan sie leichten Herzens ihren christlichen Verwandten anvertrauen, bevor er noch diese näher kennen gelernt hat, während der andere sich auf keine Weise zur Trennung von seinem Pflegekinde entschliessen kann. Nathan ist den Christen gegenüber freigebig bis zum Leichtsinn (Akt III, Auftritt VII). Eleazar ist dessen nicht lähig. Gewisse Unterschiede finden sich aber auch zwischen Shylock und Eleazar. Gleich Shylock liebt Eleazar das Geld, aber er steht nicht wie dieser gänzlich in dessen Banne. Er liebt das Geld,, weil er dessen bedarf, weil es ihm als Schutzmittel dient in Zeiten der Not und der Gefahr, aber er ist nicht geizig, wie Shylock es ist. Eleazar verhehlt nicht seinen Durst nach Rache, als er in die Versuchung gerät, am Kardinal Brogni furchtbare Vergeltung zu üben. Allein wie ganz verschieden von den brutalen Rachegefühlen Shylock's ist die Art, wie in ihm das Verlangen nach Rache sich äussert. Er ist kein „toleranter Schwätzer", wie Nathan vom. Tempelherrn mit Recht genannt wird, er kann seinem Feinde das ihm zugefügte Unrecht nicht verzeihen. Er muss sich rächen. Allein sein Verhalten als Rächer ist über alle Kritik erhaben. Mit dem Augenblicke, wo er siegesgewiss dem Erzbischof v. Brogni die Worte entgegenschleudert: „Kardinal, das ist .Deine Tochter!" schwindet all sein Hass aus seinem Herzen und ruhig besteigt er den Scheiterhaufen, um als Märtyrer seines Glaubens sein Leben hinzugeben. Eleazar stirbt und hinterlässt den Eindruck, als hätte der Racheakt sich ohne sein Zuthun vollzogen. Eleazar liebt wie ein Jude und hasst wie ein Mensch. Er vermag nicht, wie Nathan, seine Gefühle zu beherrschen, aber auch nicht so grausam zu sein,, wie Shylock in seinem Hass. Ein Jude, der im Geiste des Judentums durchs Leben wandelt und der die Perlen der jüdischen Ethik wie ein Kleinod in seinem Herzen trägt, sollte der sich je in einen blutgierigen Mordgesellen verwandeln, sollte der Freude am Blutvergiessen empfinden, wie Shylock? Shakespeare lässt Shylock über die elementarsten Forderungen der jedem brutalen Empfinden abholden jüdischen Ethik leichten Herzens hinweggehen. Lässt er doch auch seinen Shylock nicht rituell zubereitete Speisen im Hause Bassanio's gemessen und damit einem religiösen Verbote öffentlich zuwiderhandeln, dessen Uebertretung in damaliger Zeit kein Jude gewagt hätte. Die litterarische Kritik verwendet dreierlei Maassstäbe in ihrer Behandlung der Frage, wie dramatische Gestalten sich zum' wirklichen Leben verhalten: so müssen sie sein, so können sie sein, so sind sie. Wollen wir an Shylock, Nathan und Eleazar diese drei Maassstäbe anlegen, so können wir, ohne fehlzugehen, behaupten: Der Jude nur als Mensch musste wie Shylock handeln, der Jude bloss als Jude könnte zu einem Nathan werden, der Jude als Mensch und. Jude ist und bleibt ein Eleazar. T

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