Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Eleazar, "Shylock" und "Nathan der Weise"
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 665 - 666 (sequence 3)
- Language
- German
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665 Leo Winz: „Eleazar", „Shylock" und „Nathan dei Weise", 666 — Psychologe. Lessing's Drama ist ein Teadenzstück, in dem eine bestimmte Richtung zum Ausdruck kommen soll. Shakespeare's Schauspiel entbehrt ebenso jeder Tendenz wie alle seine anderen Dramen. Jener stellt die Kunst in den Dienst der Moral. Bei diesem ist sie Selbstzweck, dem die Moral , untergeordnet ist. Nathan ist bloss ein Vorbild, welches den Menschen lehren soll, wie er den Forderungen der Moral und Sitte gemäss handeln soll. Shakespeare zeigt uns an seinen Gestalten, wie der Mensch unter dem Drucke der V erhältnisse nach den psychologischen Gesetzen handeln muss. Beide Dichter haben den Juden zum Mittelpunkt ihres Stückes gemacht. Das ist aber alles, was sie miteinander gemein haben. Grundverschieden ist das, was ihnen die Anregung zu diesen Schöpfungen gegeben, und was sie mit ihnen bezwecken. Eine mit allen Waffen des Geistes ausgerüstete, mit den reinsten ethischen Grundsätzen geschmückte Persönlichkeit, die nach Herkunft, Stand und Erziehung berufen wäre, Duldung, Brüderlichkeit und Liebe zu predigen, eine Persönlichkeit, die solchen Idealen nachstrebte, war es, deren Lessing, der so arg befehdete Vorkämpfer der Humanität, bedurfte. WTelches Volk anders als das jüdiscllie sollte aber eine solche Persönlichkeit sein eigen nennen? Wo sonst sollte-man einen so würdigen Vertreter jener Ideale wie Nathan finden, als in dem Volke, aus dessen Mitte die Gesetzgeber und die Propheten hervorgegangen sind? Lessing war der Sohn eines Pastors, und er selbst war für den Stand des Geistlichen bestimmt, deshalb Richard Kahle als Nathan'^der Weise. hatte er schon in seiner frühesten Jugend sich mit der Bibel bekannt gemacht und wusste, in welchem Verhältnis diese zu anderen Glaubenslehren steht. Grössere Vertrautheit mit dem Inhalte der Bibel und dem Wesen des Judentums erwarb er später im freundschaftlichen Verkehre mit Moses Mendelsohn, in dessen Wirken wir praktische Lebensweisheit und die rein jüdische Sittenlehre harmonisch vereint sehen. Er gewann dadurch die feste Ueberzeugung, dass die jüdischen Lehren von Toleranz und Liebe nicht nur leere Worte sind, sondern dass sie immer, auch in den schwersten Zeiten, von ihren Anhängern treu befolgt wurden. Er erkannte deutlicher als je zuvor, dass diese Lehren wirklich stets eine wesentliche Rolle gespielt haben im Leben des Volkes, das ihretwegen so oft verfolgt wurde. Dasjüdische Volk ist mit der Fahne der Humanität aller Welt vora n ge gan gen, und deswegen wurde es so stark befehdet, wie es Lessing selbst und alle anderen Prediger der wahren Liebe an sich selbst erfahren mussten. — Wenn indess Lessing seine Lehren einem Sohne des von ihm besonders geschätzten Volkes in den Mund legt, so ist das nicht nur dem Einfluss seines jüdischen Freundes zu verdanken, sondern auch der Erkenntnis, dass diese Lehren dem Geiste des Judentums ganz entsprechen und dass daher auch ihr Ursprung bei diesem Volke zu suchen sei. Nathan's Reden tragen vielfach den Charakter der Aussprüche, welche die jüdischen Volksweisen zu verschiedenen Zeiten gethan haben. Es kann dies ein Zufall sein, es ist aber auch wohl denkbar, dass Lessing es mit Absicht geschehen Hess. Hat er ja auch Nathan die Fabel von den drei Ringen erfinden lassen, obwohl, Friedrich Haase als Shylock.