Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Eleazar, "Shylock" und "Nathan der Weise"
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 663 - 664 (sequence 2)
- Language
- German
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663 Leo Winz: „Eleazar", „Shylock" und „Nathan der Weise" 664 heben, die ihn in einem viel besseren Lichte als alle anderen Personen der Oper erscheinen lassen, und die ihn nie dem Shylock'schen Typus an die Seite stellen, der — wenn auch fälschlicherweise — zu einem Scheusal gestempelt ist. Es steht ausser allem Zweifel, dass Charakter und Handlungsweise Eleasar's in vielen Beziehungen an Shylock erinnern. Allein er verdient trotzdem nach wie vor unsere vplle Sympathie, weil eben Shylock selbst nicht das ist, wofür man ihn jahrhundertelang böswillig oder aus Unwissenheit gehalten hat. Er ist nicht „ein Auswurf der Menschheit", für den er bei solchen gilt, die in seiner Seele nicht zu lesen vermögen, sondern ein . Produkt der Lebensverhältnisse, die ihn mit Naturnotwendigkeit zu dem machen mussten, was er wirklich ist. Schon in der Gestalt, in welcher Shakespeare ihn uns vorführt, ist Shylock hoch erhaben über die anderen Personen des Stückes, über die Christen, die ihn grausam verfolgen und mit Schimpf und Schmach überhäufen, und zwar nur aus dem Grunde, weil er Jude ist. Shylock erregt nicht nur als Märtyrer unser Mitleid, sondern seine ganze Persönlichkeit beansprucht unser Interesse und verdient unsere Sympathie in hohem Maasse. Wir lernen bewundernd seine Charakterstärke und sein Selbstgefühl kennen. Wir sehen, wie mutvoll er seine Ehre verteidigt, ohne Ueberhebung, aber auch ohne Unterschätzung seines Wertes. Ja, sogar das Rachegefühl, das ihn ganz und gar beherrscht, erscheint uns berechtigt in Anbetracht der gehässigen Angriffe seiner Gegner, unter denen er und seine Glaubensgenossen so viel zu leiden haben. Auch Eleasar in der „Jüdin" dürstet nach Rache. Auch seine Sprache ist hasserfüllt. Auch aus seinem Wesen spricht Erbitterung und Groll. Allein sein innerer Wert wird dadurch nicht geschmälert. Im Gegenteil, er erscheint umso erhabener, sympathischer, je stärker in ihm das Gefühl der Rache zum Ausdruck kommt, weil diese Empfindung nicht im Wesen seiner Person liegt, sondern die natürliche Folge äusserer Einflüsse ist. Sie bildet den energischen Protest eines starken Geistes gegen schmähliche Ungerechtigkeit, sie ist nichts anderes als die sittliche Entrüstung einer grossen Seele. Sie giebt ihm erst die Kraft, die ihm von gegnerischer Seite zugefügte Unbill zu ertragen, ohne dass dadurch sein Ehrgefühl und sein Selbstbewusstsein Einbusse erfahren. Shylock's Hass gegen den Christen Antonio und dessen Freunde entspringt ebenfalls der berechtigten Auflehnung einer noch nicht im Schlamme dauernder Knechtschaft verkümmerten Seele. Sein unbesiegliches Rachegefühl lebt in einem Herzen, das noch von Wunden blutet, die ihm von feindlicher Hand geschlagen worden. Sehr treffend ist Heinrich Heine's Urteil über Shylock (Shakespeare's Mädchen und Frauen: Jessika): „Wahrlich, mit Ausnahme Porzia's ist Shylock die respektabelste Person im ganzen Stücke. Er liebt das Geld, er verschweigt nicht diese Liebe ... Aber es giebt etwas, das er dennoch hoher schätzt als Geld, nämlich die Genugthuung für sein beleidigtes Herz, die gerechte Wieder Vergeltung unsäglicher Schmähungen." Und weiter heisst es dort: „Nein, Shylok liebt zwar das Geld, aber es giebt Dinge, die er noch weit mehr Hebt, unter anderen auch seine. Tochter, Jessika, mein Kind/ tt Berthold Auerbach findet in Shylock die tragische Sympathie des Judenschmerzes (Dramaturgische Aufzeichnungen 1856). Gleich Heine erscheint ihm Shylok „grösser als die ganze maskenspielende, leichtfertige Christenheit des Stückes". Bei aller Achtung für Shylock kann ich ihn dennoch nicht als den vollkommenen Typus eines Juden ansehen, und zwar aus demselben Grunde, aus welchem auch Nathan dem Weisen das typisch Jüdische, wie es sich uns in der Wirklichkeit darbietet, abgesprochen werden muss. Man behauptet gewöhnlich, diese beiden Gestalten seien aus zwei diametral entgegengesetzten Anschauungen über den jüdischen Volkscharakter hervorgegangen. Nathan der Weise sei eine Schöpfung des judenfreundlichen Standpunktes, Shylock dagegen die Frucht der judenfeindlichen Richtung. Bei oberflächlicher Betrachtung scheint vieles zu Gunsten dieser Ansicht zu sprechen. Bei tieferem Nachdenken aber findet man bei Nathan ebenso wie bei Shylock gar manchen dem echt jüdischen Typus fremden Zug. Wie weit ist die Kluft zwischen Nathan und Shylock! Was dem einen völlig zu eigen ist, das wird dem andern gänzlich abgesprochen. In der Wirklichkeit aber existiert weder der eine noch der andere, denn das Leben kennt solche Extreme nicht. Lessing hat seinen Nathan mit dem absolut Guten ausgestattet und ihn jenseits aller auf den Charakter einwirkenden äusseren Lebensbedingungen gestellt. Shylock dagegen steht dem absolut Guten gänzlich fern, und sein ganzes Denken und Fühlen steht unter der völligen Herrschaft des durch die Verhältnisse bedingten Bösen. Gestaltet sich aber je das Leben eines Menschen (und sei er auch Jude, dessen Lebensbedingungen ganz andere sind als die eines Nichtjuden) so einseitig? In Nathan's Persönlichkeit strahlt uns übermässige Toleranz und Liebe entgegen. Shylock's Charakter ist durch Unduldsamkeit und Hass zum Zerrbilde geworden. Nur Eleazar ist auf realem Boden gewachsen, er hält die Mitte zwischen beiden Polen, denn er besitzt ebenso die Eigenschaften, die uns bei Nathan so erhaben erscheinen, wie diejenigen die aui uns bei Shylock so versöhnend wirken. * * * Den Grund dieser Erscheinung finden wir in der dichterischen Veranlagung der Verfasser. Lessing ist in erster Reihe Moralphilosoph, Shakespeare dagegen