Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Eleazar, "Shylock" und "Nathan der Weise"
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 661 - 662 (sequence 1)
- Language
- German
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66t 662 „ELEAZAR", „SHYLOCK" UND „NATHAN DER WEISE". Von Leo Winz. Vor einigen Jahren wurde aus- Anlass der Erstaufführung ■■■ r^J/K/^B^ ■ derrJüdin" von Halevy im ^^HpM^^^: Berliner Opernhause, die vor viM menr a*s '50 Jahren stattgefunden •^^|^^^K|yB^^ hat, eine Jubiläumsfeier veranfl EHPl " staltet. Ludwig Pietsch ver- ■■' "^SlJyPS!!. ' öffehtlichte bei dieser Gelegen- . ' ^:X:r-' - heit in der „Vossischen Zeitung" einen Artikel, in weichern er jene Erstaufführung ungefähr folgenderweise charakterisiert: „Keiner anderen Oper war bis dahin eine solche Ehre zuteil geworden, wie die, welcher „Die Jüdin" sich erfreuen durfte, denn die Erstaufführung dieser Oper aut der königlichen Bühne zu Berlin geschah auf höchsteigenen Befehl des Königs. Die szenische Ausstattung des Stückes, namentlich im ersten Akte, war blendend und von geradezu yersch wenderisch er Pracht. Der ungeheure Erfolg, den die Oper bei ihrer ersten Aufführung hatte, ist freilich nicht nur dem dekorativen Elemente beizumessen; das Stück wirkte an und für sich durch seinen dramatischen und musikalischen Gehalt. Den Eleazar sang der berühmte Tenor Kraus, vorzüglich. Nach dem Schlüsse des letzten Aktes begegnete ich zufällig dem damals in Berlin weilenden russischen Dichter Turgenjeff, der mir folgende Worte zurief: „Eleazar ist unübertrefflich. Sein Gesang erschütterte meine Seele und übte auf mich einen gewaltigen Eindruck aus." Eleazar-Kraus — der schon seit vielen Jahren tot ist — lebt noch in meinem Gedächtnisse fort, als hätte ich ihn eben heute gesehen und seinem Gesänge soeben gelauscht. Die berühmte Arie: „Recha, als Gott Dich einst zur Tochter mir gegeben Und zitternd diese Hand dem Kinde Nahrung bot, That ich den heiFgetf Eid, zu wachen für Dein Leben, Und ich gebe selbst Dir nun den Tod." die mein Herz so tief bewegte und schmerzliche Wehegefühle in mir hervorrief, hallt mir noch heute mit unwiderstehlichem Zauber entgegen. Nie, nie werde ich sie vergessen." Pietsch giebt seinen Erinnerungen einen satirischen Schluss: „Ich hoffe," schliesst er, „dass die Jüdin noch sehr lange ihren Ehrenplatz auf unserer Bühne behaupten wird. Gefällt sie doch Judenfreunden wie Judenieinden. Jene freuen sich über die Öper, weil die darin .vorkommenden jüdischen Gestalten durch ihre guten Eigenschaften, so sympathisch' wirken. Die anderen haben wiederum Ursache entzückt zu sein über das herrliche Schauspiel, in welchem eine Jüdin vor den Augen des Publikums lebend in einen Kessel siedenden Oeles hineingeworfen wird." In dieser Satire ist ein grosser Teil Wahrheit. Man wird nicht allen Judenfeinden ein solches Empfinden zumuten dürfen; für die Besseren unter ihnen bleibt aber die Genugthuung, dass sie in dem Juden Eleazar, der in seinem Hass gegen die Christen sich so unmenschlich zeigt, einen Glaubensgenossen des Sbakespeare'schen Juden Shylock entdecken. Ihre Abneigung gegen Eleazar wird um so grösser und entschiedener, wenn sie erfahren, dass Recha, die Eleazar's grausamem Trotze zum Opfer fällt, eine geborene Christin und die Tochter des Kardinals Brogni ist. Die Erfahrung lehrt, dass Nichtjuden, die den Judenhass schon mit der Muttermilch eingesogen haben, von Stücken, in denen ein Jude auftritt, schon im voraus annehmen, dass dieser entweder eine lächerliche oder abscheuerregende Erscheinung sein müsse. Ihr Urteil ist eben nicht die Frucht reiflicher, objektiver Erwägungen, sondern lediglich durch vorgefasste Meinungen und äussere Eindrücke hervorgerufen. In ihrem blinden Hasse gegen die Juden gehen sie an den psychologischen und historischen Voraussetzungen unseres Lebens blind vorbei. Daher ist Eleazar in ihren Augen wirklich ein grausamer Rächer, ein mit Hass und Groll gegen die Christen erfüllter Bösewicht. Man sieht im ersten Akte, wie der Kardinal Brogni Eleazar und seine Tochter vor den Ausschreitungen des Pöbels schützt. Man hört den Kardinal freundliche Worte des Friedens an sie richten. Eleazar aber denkt auch in diesem Momente an das Unheil, das ihm Brogni ehedem als Statthalter von Rom zugefügt hatte und meint es nie vergessen zu können. Brogni: Und doch erlasse beiden ich die Strafe. Sei frei, Eleazar, und sei mein Freund, mein Bruder! Hab' ich Dieb je gekränkt, nun, so verzeih'. Eleazar: Nimmermehr! Brogni betet zu Gott für Eleazar, er möge diesem verzeihen, dass er mit seinem Hasse die Christenpflicht, den Feinden zu vergeben, unerfüllt lasse. Recha: Gross ist die Huld, Duldung und Güte, Die Israels Stamm er beweist! Minder verhasst sind mir die Christen, Wenn dies Greisenhaupt Friede -verheisst. Aber Eleazar erwidert, darauf: Eleazar: Nicht seine Duldung, seine Güte Versöhnet meinen Rachegeist, Hass und Verderben jedem Christen, Wenn er auch Duldung uns verheisst. Allein was die Judengegner in ihrer Verblendung nicht sehen oder sehen wollen, ist eine gewisse seelische Gemeinschaft zwischen dem Helden der „Jüdin" und Lessing's „Nathan der Weise". Wie dieser besitzt Eleazar eine Reihe edler Charakterzüge, die ihn aus dem Rahmen einer echt antisemitischen Be- und Verurteilung vollständig heraus-