Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Ein letztes Wort zur Judenfrage
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 649 - 650 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583876-2583886-2584361--00796-2584445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
649 S. Lublinski: Ein letztes Wort zur Judenfrage. 650 noch, wenn es keine Juden und kein Judentum geben würde und nie gegeben hätte. Auch dann würde das moderne Europa die Entwickelung genommen haben, die es genommen hat, und die immer noch nicht überwunden ist. Die Juden sind höchstens ein paar Farbentöne mehr in diesem Gemälde, dessen Umriss und Zeichnung auch ohne sie nicht anders ausgefallen wäre. Mit dieser Erkenntnis ist die „Judenfrage" beseitigt, ganz gleichgültig, ob die Juden voller Tugenden sind oder voller Laster, ob sie minderwertige oder gute Rasse repräsentieren — Dinge, um die sich sonst nur die Nächstbeieiligten bekümmert hätten. Eine vernünftige Abwehrpolitik sollte vor allem immer wieder diese Erkenntnis zu wecken suchen, anstatt sich von gewissenlosen antisemitischen Agitatoren in jeden Busch und Hinterhalt und Sumpf der Polemik hinein verlocken zu lassen. Freilich, es wird ungeheure Mühe kosten, dieser besonnenen und wissenschaftlichen und einzig richtigen Anschauung zum Sieg zu verhelfen. Und es wird immer nur ein teilweiser Sieg sein, so lange das revolutionäre Ideal ' lebendig bleibt. Im Kampf der Parteien und Leidenschaften haben gerade die schöpferischen und führenden Naturen keine Zeit zu ruhiger Betrachtung: ihre Stärke liegt nicht in der Kritik, sondern im raschen Vorstoss, und da müssen sie sich oft genug impulsiven und unklaren Instinkten überlassen. So lange das revolutionäre Prinzip bei gewissen Parteien nicht von der Tagesordnung verschwindet, so lange auch nicht die Judenfrage: darüber darf man sich nicht täuschen. Es kann aber noch sehr lange dauern: wie sollen sich die Juden inzwischen verhalten? * * * Die Juden haben sich darauf eingerichtet, dass sie von allen Seiten mit Kanonen beschossen werden, und für absehbare Zeit ist das Ende dieser Metzelei nicht anzunehmen. So ist man auf drei Aushilfen verfallen, die ihre leidenschaftlichen Anhänger haben und sich wechselweis befehden: Taufe, Assimilation, Zionismus. Ich halte jede dieser Aushilfen für berechtigt, es ist das alles forum internum, inneres individuelles Bedürfnis — mehr nicht, am wenigsten eine Lösung der „Judenfrage". Ich vermag mich schlechterdings nicht über die „Apostaten" moralisch zu entrüsten. Zum mindesten soll und muss man sich die Leute genau ansehen, einen jeden solchen Fall ganz individuell beurteilen. Zuweilen sind es skrupellose Streber oder eitle Ehrgeizlinge, die sich taufen lassen, oft genug aber auch sensible und werkthätige Naturen, die durch ihre ganze Erziehung vom Judentum innerlich losgelöst sind und die ewige gehässige Spannung länger nicht vertragen. Keine Kampfnaturen, gewiss nicht. Aber es giebt noch etwas Höheres als Kampf: positives Ausleben der Persönlichkeit und dadurch die Schöpfung von seelischen und kulturellen Werten in einem kleinen oder grossen Umkreis. Eine edle, aber sensible Natur nützt mehr, wenn sie' sich seelisch entfaltet, als wenn sie im Kampf zerbrochen wird. Und sie kann reiner und vornehmer sein, als mancher wütige und unbeugsame Fanatiker. Nun aber die Assimilation. Dieses Kapitel ist voller Schwierigkeiten und Dornen, und für den Mann der Logik ohne Psychologie auch voller Widersprüche. Immerhin, ich bekenne mich zur Assimilation, von der vor Jahren mein Schiff abstiess, um nach langer Irrfahrt wieder bei ihr zu landen. Es sind freilich zwei Klippen zu umschiffen, die Rassenfrage und die Frage der Solidarität. Dieses letzte Problem ist für den Wissenden bedeutsamer als das erste. Mit der Rassentheorie kann man nur den Unwissenden zur Verzweiflung bringen, der den wirklichen Grund der Judenfrage, den Kampf zwischen revolutionären und erhaltenden Kräften, nicht kennt und auch nicht weiss, wie wenig Sicheres die Wissenschaft bisher über den Rassenbegriff ausgemacht hat, wie da das meiste noch Mythologie ist und subjektive Vermutung. Nun gut: Gefühl denn gegen Gefühl. Ein einzelner kann sehr wohl herausfühlen, dass die Kultur, die Kindheitseindrücke und die Umgebung ihn stärker und dauernder und tiefer beeinflussten als die dunklen Mächte des Temperamentes und der Rasse. Das ist ganz und gar sein Innenerlebnis, und die Bannflüche der Fanatiker und. ihre unwissenschaftlichen Theorien können ihn in dieser Empfindung nicht beirren. Und wenn die Herren Adolf Bartels und Konsorten die innere Wahrhaftigkeit unserer Empfindung zu verdächtigen wagen, so hat man dafür nur eines übrig: Ekel und Verachtung. Aus seiner inneren Erfahrung, sowie auch aus historischer und psychologischer Beobachtung heraus gelangt ein solcher Jude zu der Erkenntnis, dass Rasse und Nation, Blut und Kultur nicht Begriffe sind, die sich decken, sondern höchstens schneiden. Wer deutsche Kultur ganz und gar in seiner Seele trägt, der ist auch ein Deutscher und hat ein völliges Recht dazu, durch sein „angemasstes Deutschtum" irgend einen rüden und ungebildeten brutalen Gesellen zu ärgern, der seiner Bildung nach noch lange kein Deutscher ist, obgleich er in gerader Linie von Hermann dem Cherusker abzustammen sich einbildet. Ueberdies ist und soll es eine Aufgabe des nationalen Staates sein, die verschiedenen Klassen, Religionen und Temperamente und Stämme zu einem höheren Ganzen organisch zusammenzufassen. Der Jude kann innerhalb dieses grossen Umkreises und dieser Gesamtseele ebenso gut seine Eigentümlichkeiten geltend machen wie der Katholik oder der Bajuvare. Wer könnte sich nicht mit einigem Recht den Scherz erlauben, dass die Süddeutschen und. ein Teil der Rheinländer gar keine Germanen wären, sondern nur deutsch