Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Ein letztes Wort zur Judenfrage
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 651 - 652 (sequence 6)
- Language
- German
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651 S. Lublinski: Ein letztes Wort zur Judenfrage. 652 redende Kelten? Trotzdem aber ganz und gar Deutsche ihrer Kultur nach! Und die Kultur ist mehr als das Blut. Diese Erkenntnis giebt uns das gute Gewissen und beruhigt unsere Psyche, ohne dass dadurch die grossen objektiven Schwierigkeiten unserer Lage überwunden werden. Der Antisemitismus ist nun eben doch vorhanden und nicht weniger die Rassentheorie, die zwar keine wissenschaftliche Thatsache ist, wohl aber ein religiöses Wahngebilde und als solches eine objektive Macht Wie soll sich der deutsche Jude, der, ohne sich taufen zu lassen, als Deutscher empfindet, dazu verhalten? Das Schlimmste ist, dass ihm durch diesen Antisemitismus ein Solidaritätsgefühl mit den Juden anderer Länder und Nationen geradezu aufgezwungen wird. Natürlich, dass ihm die Gegner daraus wieder einen Strick drehen: er habe kein deutsches, sondern eben ein jüdisches Nationalgefühl, und so ganz ähnlich argumentiert ja wohl auch der Zionismus. Vielleicht giebt es aber eine viel einfachere Erklärung: Notwehr. Wenn der Antisemitismus in einem Lande siegt, so werden dadurch die Antisemiten anderer Länder zu erneuerten Angriffen ermutigt. Der deutsche Jude muss zittern, dass der Antisemitismus in Russland, Oesterreich oder Frankreich Erfolge gewinnt, weil das für seine Feinde in Deutschland die Ermutigung zu erneuerter Judenhetze wäre. Dieser Vorgang hat nichts Mystisches an sich, und den heimtückischen Adolf Bartels möchte ich daran erinnern, dass im 16. und 17. Jahrhundert die deutschen Protestanten in viel bedenklicherer Weise über die Grenze hinübergeschielt haben. Für den deutschen Juden ist dieser Konflikt freilich unsäglich schwerer zu ertragen, als er seinerzeit für die deutschen Protestanten zu ertragen war. Er fühlt sich ja doch eben als Deutscher, er hält fest däran trotz aller Rassentheorien: es ist eine Qual, dass er dennoch, um seine Bürgerrechte zu behaupten, oft mit Menschen jenseits der Grenze solidarisch empfinden muss gegen seine eigenen Landsleute. Während er mit der einen Hand am nationalen Kulturbau mitzuschaffen sucht, muss er in der anderen Hand die Waffe schwingen — gegen Deutsche. Es ist eine tragische Konstellation und nur, wer diesen Zwiespalt mit voller Wucht durchempfindet und dennoch sich kurzweg entscheidet: trotz alledem! — der allein hat das Recht, sich einen Assimilierten zu nennen. Denn der allein hat bewiesen, dass die Liebe zu seiner Kulturnation als stärkste Lebensmacht in seiner Seele wirkt. Aber eben deshalb muss ich bekennen, dass ich einen Ekel empfinde vor gewissen seichten und oberflächlichen Bundesgenossen, die sich gleichfalls Assimilierte nennen und vor dem Ernst der Lage die Augen verschliessem Mit der Thatsache des Antisemitismus finden sie sich durch sentimentalisches Moralisieren und durch Prophezeiungen vom baldigen Ende schlecht und recht ab und bilden sich allen Ernstes ein, die wuchtigen Argumentationen eines Benediktus Levita durch das Gewäsche eines Rabbiners Vogelstein widerlegt zu haben. Solche Seichtlinge haben über die Judenfrage überhaupt nicht mitzureden, weil sie sie gar nicht durchempfinden. Da schätze ich meine einstigen Freunde, die Zionisten, mit denen ich kurze Zeit zusammenging, denn doch beträchtlich höher ein. Für jeden, der die Schwere der Lage nicht zu ertragen vermag und sich nicht taufen lassen will, ist der Zionismus die einzige Auskunft. Ein kleines jüdisches Gemeinwesen, etwa in der Grösse der Schweiz, würde vier bis fünf Millionen Menschen eine ganz direkte Hilfe bieten und auch die wahrhaft Assimilierten seelisch entlasten, indem es sie von der Sorge für die verfolgten Juden anderer Länder befreit und dadurch den ungeheuren Zwiespalt zwischen Solidaritäts- und Nationalgefühl von Grund aus heilt. Nur müssten dann die Zionisten die Berechtigung der Assimilation für gewisse Kulturen und Naturen unbedingt anerkennen und sie als Gewissenssache und forum internum jedes einzelnen gelten lassen. Das thun. aber nur die wenigsten von ihnen, weil auch sie das Nationalgefühl nur in physiologisch-romantischer Weise durchzuempfinden vermögen und die ganze noch so wenig geklärte Rassenfrage aufrollen. Von diesem Standpunkt aus muss die Möglichkeit der Assimilation natürlich geleugnet werden. Das Blut ist alles, und die Kultur, die Kindheit, die sonstigen Traditionen einer Familie — das ist alles ein Nichts, ein Hauch für das Empfinden eines fanatischen Zionisten, wie eines fanatischen Antisemiten. Ich beklage diesen Zustand der Dinge, weil ich meine, dass Zionismus und Assimilation nicht durchaus Gegner zu sein brauchten, sondern auf verschiedenen Gebieten an einer gemeinsamen Aufgabe mitarbeiten könnten. Als ich noch Zionist war, da wurde ein von mir in der „Neuen deutschen Rundschau" publizierter Aufsatz über den Antisemitismus von einem neuhebräischen Blatt kurzerhand also interpretiert: Zionismus im Namen der Assimilation! Das traf den Nagel auf den Kopf; und auch heute, wo ich längst im anderen Lager stehe, hätte ich noch immer nichts gegen diese Formulierung einzuwenden: Zionismus im Namen der Assimilation. Wenn nämlich die Zionisten wollen! Das sind drei Wege nicht zur Lösung, wohl aber zur Linderung der Judenfrage. Endgültig wird sie erst von der Bildfläche verschwinden, wenn auch die revolutionäre Frage verschwunden sein wird. Das aber hängt am wenigsten von den Juden ab, sondern wird bedingt durch die allgemeine Entwickelung Europas und der Weltgeschichte. *>^*-