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Ost und West · 1901-09-01 · Heft 9 (September 1901) · p. Seite 647 - 648

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 9 (September 1901)
Article
Ein letztes Wort zur Judenfrage
Date
1901-09-01
Page
Seite 647 - 648 (sequence 4)
Language
German
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647 S. Lublinski: Ein hUtes Wort zur Judenfrage. 648 vorschwebte, warg keine Forderung ihres Verstandes, sondern ein Gebilde ihrer Phantasie und ein tiefes Bedürfnis ihres Herzens. Und als nun ihr vollendetes Werk befehdet, angefeindet und gefährdet wurde, da brüteten sie mit Ingrimm über .die Ursachen dieser Erscheinung und gelangtenzu einer Erklärung, die ihrem Künstlertemperament entsprach und eben deshalb allgemeinen Beifall fand und vor dem Forum der Wissenschaft auch nicht einen Schuss Pulver wert erscheint. Es war eben keine Wissenschaft und Methode in diesen Erklärungsversuchen: keine" Soziologie und Psychologie. Denn dann hätte man erkannt, class der Ursprung, die „Erbsünde" einer neuen Institution, in diesem Fall das revolutionäre Prinzip, niemals von heute auf morgen zu überwinden und umzubilden ist. Die Menschennatur ist zugleich zu primitiv und zu verwickelt, um schnell aus einer Richtung ganz und gar heraus- und in die entgegengesetzt2 Richtung hineingeschleudert zu werden. Voi urteile, Dogmen, Glaubenssätze und Instinkte müssen in einem gewissen Sinne zu Ende gedacht und zu Ende gefühlt werden, bevor sie sich zu ihrem Gegensatz herumbiegen. Das gilt vom einzelnen und noch mehr von ganzen Völkern und ist ein Grundgesetz der Menschennatur überhaupt, ganz unabhängig von Rasse, Zeit, Milieu, und so wird es bleiben, so lange es einen Menschensinn und eine Menschenerde giebt. Es war also iür jeden, der die Krankheit der Zeit in wissenschaftlichem Sinne erklären wollte, gar keine Frage, wie er vorzugehen hatte. Er musste alle psychologischen Bedingungen sorgsam aufsuchen, die das revolutionäre Prinzip, nachdem es einmal erweckt war, noch nicht zur Ruhe kommen liessen: psychologische Bedingungen allgemein menschlicher Art. Damit wäre aber nur einer Forderung des Verstandes genügt gewesen, und man hätte - dann allerdings eine Fülle von Einzelursachen gefunden, die in ihrer Summe das Resultat ergaben. Weiter in den Erklärungen menschlicher Phänomene kommt niemals ein Sterblicher, wie jeder Theoretiker der Erkenntnis mir ohne weiteres zugeben wird. Eine erste Ursache, aus der alles erschöpfend herzuleiten wäre, eine causa prima, giebt es nicht, sie ist nur eine Fiktion, ein menschlicher Notbehelf, eine künstliche und willkürliche Kategorie, weil man zu einer ungefähren Uebersicht gelangen will. Gegen diese unbestreitbare Wahrheit werden sich immer wieder temperamentvolle und schöpferische Naturen leidenschaftlich auflehnen, und in ihnen lebt, um mit Nietzsche zu reden, der philosophische Wille zur Macht, der Wille zur causa prima. Man hat also gar kein£ Veranlassung, sich bass zu verwundern, wenn sich jene Männer, die den nationalen Staat getürmt haben, mit einer besonnenen und wissenschaftlichen Diagnose nicht abgaben. Sie wollten ein Prinzip haben, eine erste Ursache, gemäss ihrem philosophischen Machtwillen. Und da sie zugleich Künstlernaturen waren, so wollten sie auch noch fühlen und schauen. Nicht nur das böse Prinzip an sich sollte da sein, sondern der „Böse" ganz leibhaftig, mit Hörnern und Klauen und Pferdefuss in all seiner teuflichen Scheusslichkeit. Und man mächte die Entdeckung, die man machen wollte. Die Entdeckung von der Mensch- und Fleischwerdung des Bösen. Und siehe, der Teufel wurde — Jude. Wie man auf die Juden verfiel, ist ja erklärlich. Religiöse Vorurteile vergangener Jahrhunderte lebten als Instinkte noch fort, gemäss einem bekannten psychologischen Gesetz, auch als die Grundlagen und Bedingungen dieser Vorurteile längst zerstört waren. Man suchte also hinterdrein nach neuen Begründungen und Bedingungen für den uralten Instinkt, und auch dieser Vorfall, der alle Tage vorkommt, wird keinen Psychologen und Psychiater überraschen. Kein Zweifel, die Juden, nachdem sie am politischen Kampf erst einmal teilnehmen lernten, strömten massenhaft in das revolutionäre Lager hinüber, und auch die Besonneneren unter ihnen hielten fast alle zu den links stehenden, radikalbürgerlichen Parteien, die wohl auch Patriotismus nicht vermissen liessen, wohl aber das tiefere Verständnis für die Bedingungen eines modernen Staates und einer modernen Grossmacht: sie bewilligten keine Soldaten, keine Flotte, keinen Groschen. Es ist keine Frage, die Juden stellten ein beträchtliches Kontingent zu diesen Parteien, nicht etwa aus namenlos teuflischer Bosheit, sondern aus politischem Unverstand. Aus dem gleichen Grund, aus dem auch die Arbeiter es thun. Man versteht nichts von Staatsnotwendigkeiten und betrachtet die Politik .lediglich aus dem Gesichtswinkel des naiven Privatlebens: man hat noch keine Herreninstinkte und keinen weiten Blick. Wo sollten denn auch die Juden Verständnis für die Politik und das geschichtliche Leben erlernen: im Ghetto? Natürlich sind die antirevolutionär gearteten Naturen empört ob dieser Parteinahme der Juden. Und ausserdem, es ist keine Frage, haben die Juden auch Fehler und bedenkliche Eigenschaften m Hülle und Fülle. Das ist schmutzige Wäsche, die freilich in jeder Gruppe und Gemeinschaft vorzufinden ist, aber dennoch gerade auch die Juden selbst nicht von der Pflicht entbindet, dagegen energisch einzuschreiten und an das Geschwür das Messer anzusetzen, wenn es sein muss. Mit der „Judenfrage" als solcher hat das alles nicht das geringste zu schaffen. Sie wird auch nicht durch Rassenabneigung bedingt — das ist erst ein späterer Vorwand —, sondern lediglich durch den noch nicht überwundenen Gegensatz zwischen revolutionären und erhaltenden Parteien. Dieser Gegensatz, das muss mit Schärfe betont werden, bestände aber auch dann

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