Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1915-1926
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2580773-2580866--2589-2583468- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
- 28 - Dank bewahren auch dann noch, wenn Ihr die Stätte Eurer Jugendbildung längst verlassen haben werdet. Wenn solche Mahnung den scheidenden Schülern auch jede Entlassungsstunde zuruft, so ist sie diesmal besonders eindringlich, denn sie führt Euch vor die Seele den bisherigen Leiter unserer Schule, der mitten im abgelaufenen Schuljahre nach einem arbeitsreichen, unter rastlosem Mühen und Schaffen im heiligen Dienste der Jugendbildung verbrachten Leben durch einen frühzeitigen Tod uns leider so jäh entrissen worden ist. Zweimal hat das verflossene Jahr uns auch au die Bahre von Zöglingen gerufen, die noch kurz vor ihrem in zarter Jugend erfolgten Hinscheiden zu den Unsrigen gezählt haben. Bei solchen Anlässen wird uns so recht klar zum Bewußtsein gebracht, wie innig sich jeder von uns in Geist und Gemüt, in Denken und Streben dem großen Ganzen verbunden wissen soll, dem wir angehören, daß aber auch das Größte und Herrlichste, was unser Auge schaut, dem Gesetze der Vergänglichkeit verfällt, auch der beste auf Erden hier keine dauernde Stäite hat. Aber eben deshalb sollen wir uns ewige Güter zu eigen machen. Wenn diesen unser Leben geweiht ist, dann mündet sein La.;f in eine unvergängliche höhere Welt. Mit solchen Schätzen von immerdauerndem unverwüstlichem Werte ist das deutsche Volk beschenkt worden durch einen Mann, dessen 200. Geburtstag von Millionen Seelen auf weitem Erdenrunde in diesen Tagen gefeiert wird. Immanuel Kant, der weltberühmte Weise von Königsberg, ist Euch, meine jungen Freunde und Freundinnen, wohl schwerlich im Unterrichte begegnet, denn er ist ein Fürst im Reiche der Philosophie, das in Euren jungen Jahren nicht betreten werden kann. Dort regiert er unter dem bezeichnenden Namen „der Alleszermalmer", weil er in seinem tiefgründigen Hauptwerke die unvermeidlichen Irrtümer und Täuschungen aufgedeckt, hat, denen seine Vorgänger haben erliegen' müssen, bei dem immer wieder unternommenen Versuche, das Unergründliche erkennen, das Unbegreifliche begreifen zu wollen. Seine Zeitgenossen vermochten den an Tiefe unübertroffenen Gedanken . nicht zu folgen, mit denen der unerschrockene Denker ein scheinbar ewiges Reich des Irrtums und der Einbildung in seinem wahren Lichte gezeigt hat. Und auch heutzutage wird mancher die Kritik der reinen Vernunft, das bereits erwähnte Hauptwerk Kants, bescheiden zur Seite legen und offen bekennen, daß er dem Königsberger Denker in seinen abgrundtiefen Gedanken nicht zu folgen vermag, es sei denn, daß er sich der Führung eines jener Männer anvertraut, die durch jahrelang fortgesetztes Mühen und Arbeiten in diesem vielfach verschlungenen Gedankenbau heimisch geworden sind. Ich kann es mir nicht versagen, hier aus einem „die Kritik der reinen Vernunft" genannten Werke wenigstens einen Satz anzuführen, der uns gesetzestreue Juden wie ein Hymnus auf die nijcö anmutet. „Pflicht! Du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst, doch auch nichts drohest, was natürliche Abneigung im Gemüte erregte und schreckte, um den Willen zu bewegen, sondern bloß ein Gesetz aufstellst, welches von selbst im Gemüte Eingang findet, und doch sich selbst wider Willen Verehrung (wenn gleich nicht immer Befolgung) erwirbt, vor dem' alle .Neigungen verstummen, wenn sie gleich insgeheim ihm entgegenwirken, welches ist der deiner würdige Ursprung und wo findet man die Wurzel deiner edlen Abkunft, welche alle Verwandtschaft mit Neigung stolz ausschlägt, und von welcher Wurzel abzustammen die unnachläßliche Bedingung desjenigen Werts ist, den sich Menschen allein selbst geben können?"