Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1915-1926
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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- 29 - So erscheint uns Kant als Herold im Kreise der Menschen, der das Göttliche und Menschliche in unserer Brust zu zeitigen versteht, der das Gemüt zu entflammen weiß für das Reine, Wahre, Göttliche, der uns emporhebt aus dem Staube und uns unsere Wurde und unsern Adel begreifen lehrt. Wahrlich, unsere o-osn hätten beim Anblick dieses Weisen ihn mit dem weihevollen Spruche begrüßt, du "ttwb'vösn \nw "jVo ,,Segen und Preis dem, der von seiner Weisheit dem Sterblichen verliehen hat." Denn es ist etwas Großes, Herrliches und Beglückendes, wodurch dieser Mann sich den Dank und das Ehrengedächtnis einer ganzen Welt gesichert hat, ohne daß er sie gelehrt hat, bessere Geschäfte zu machen, die Dampfkraft und die elektrischen Wellen in den Dienst ihrer materiellen Wohlfahrt zu stellen. Er hat ihr geschenkt, was noch wertvoller ist als Geld und Gut, was irdischen Besitztümern erst ihre Würdigung für die Ewigkeit verleiht; er hat sie gelehrt, den Wert der geistigen Güter zu schätzen, deren Besitz den Menschen gesitteter macht und ihn in jeder Lage freudig und vergnügt sein läßt, auch wenn er verzichten muß auf das, was der Wechsel der Zeiten bringt und der Wechsel der Zeiten nimmt. Und so möget Ihr, meine lieben jungen Freunde und Freundinnen, im Hinblick auf diesen Riesen unter den vaterländischen Denkern beherzigen, wieviel e i n Mensch vermag, wenn er dem Geistigen und Sittlichen seine Gedanken und Kräfte zuwendet, und wie selbst ein einzelner Mensch nur durch seine geistige Begabung und den sittlichen Adel seiher Seele eine ganze Welt so erfreuen und beglücken kann, daß noch nach zwei Jahrhunderten die Menschheit dessen froh ist, daß ein solcher Weiser gelebt und gelehrt hat. Aber auch einem jeden von uns in dem engen Kreise, in dem wir leben und dem wir mit unserem ganzen Denken, Fühlen und Wollen angehören, ist ein großes Feld für sittlich hohes Streben geöffnet, an dem wir alle teilnehmen sollen, auch wenn uns die Machwelt keinen Lorbeerkranz windet wie einem Kant. Den schönen Kranz eines pflichtgetreuen Lebens und Wirkens, Schaffens und Strebens kann sich aber jeder verdienen, und die Schule reicht ihn in dieser Abschiedsstunde einer Lehrerin und einem Lehrer, die heute aus ihrem Dienste scheiden. Im Beginne des Herbstes sind zwei unserer jungen Amtsgenossinnen in den Ehestand übergetreten, und ihnen folgen nunmehr auch Sie, verehrtes Fräulein Bock. Sie verlassen heute die Stätte Ihrer mehrjährigen erfolgreichen Tätigkeit als Lehrerin für Nadelarbeit und Turnen an unserem Lyzeum, um an der Seite Ihres Erkorenen einem neuen Glücke entgegenzugehen. Die Schule begleitet Ihr Vorhaben mit den aufrichtigsten Wünschen für eine schöne, - von Frohsinn und Heiterkeit erfüllte Zukunft. Sie, hochverehrter Herr Dr. Gantter, haben mehr als ein ganzes Menschenalter hindurch der Realschule sowohl als dem Lyzeum durch Ihre eben so anmutige wie nützliche Kunst in Treue gedient. Sie haben es verstanden, in unsern Kindern das feine Empfinden für das Schöne mit Eifer zu wecken und es mit dem Sinn für das Nützliche in harmonischem Ausgleich zu vereinen. Ihnen, mein sehr verehrter Herr Kollege, spricht die Schule bei Ihrem Scheiden aus dem Dienste die wärmste Anerkennung und tiefst gefühlten Dank aus. Sie dürfen in dem otium cum dignitate, in dem wohlverdienten Ruhestande, in den Sie jetzt eintreten, von dem unvergleichlich erhebenden Bewußtsein sich getragen fühlen, stets das Beste gewollt und ganz im Sinne des von Kant gekennzeichneten kategorischen Imperativs den höchsten Forderungen der Pflicht gegen die Schule nicht minder wie gegen das Vaterland vollauf genügt zu haben. Wir werden Ihrer stets in hohen Ehren gedenken und bleiben Ihnen verbunden, auch wenn die gemeinsame Arbeit uns fortab nicht mehr zusammenführt.