Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1915-1926
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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- 4 - ihm später die wohlverdiente Auszeichnung durch das Verdienstkreuz für Kriegshilfe eintrug. Auch unser Direktor Dr. G. Lange und unser Turnlehrer R. Braun wurden in gleicher Weise ausgezeichnet. Neben diesem „Sammelhilfsdienst" entfalteten unsere Kinder ihre wenn auch nur schwachen Kräfte bei der Sammlung von Knochen, Laubheu, Bucheckern, Obstkernen, Brennesseln, bei der Vernichtung von Raupen auf den Feldern und bei der übrigen Landarbeit, wie Jäten und Umgraben behufs Anpflanzung von Gemüsen. Diese Arbeiten auf benachbarten Gutshöfen geschahen unter Beteiligung der meisten Lehrkräfte; besonders verdient machte sich hierbei Herr Studie nra t M. Baer, der vom 6. Mai 1915 ab zum Militär eingezogen war und am 31. März 1916 auf Reklamation dem Schuldienste zurückgegeben wurde. So kehrten auch Herr Turnlehrer Braun und Herr Hausmeister Klarmann vqr Beendigung des Krieges wieder zu uns zurück, während Herr Studienrat Münk, nach schwerer Verwundung im Felde mit dem eisernen Kreuze ausgezeichnet, erst zum Herbste 1917' den Unterricht wieder aufnehmen konnte. Mit dem Sommer 1916, wo die Fliegerangriffe auch unsere Stadt zu bedrohen begannen, traten an unsere Kinder eigenartige Anforderungen auch hinsichtlich ihrer seelischen Einstellung heran; denn mitten im Unterrichte, der ihnen die ideellen Güter der Menschheit vermitteln sollte, wurden sie durch Kanonendonner an 'die Gefahren jener Kriegswaffe gemahnt, die rücksichtslos auch ihr junges, unschuldiges Leben der Todesgefahr aussetzte. Gottes gnädiger Schutz hat. sie alle heil am Leben erhalten. Sie mußten öfters unsere Kellerräume als Zufluchtsstätte aufsuchen, was sich trotz der großen Zahl von kleinen Kindern jedesmal in musterhafter Ordnung vollzog. Auch anderen, minder bedrohlichen Eingriffen seelischer Art haben sie sich willig gefügt. Als die Brenn- und Heizstoffe knapper wurden, nahmen sie in stummer Ergebung die dadurch notwendig gewordenen Maßnahmen auf sich: statt in der ungeheizten Turnhalle,. vollführten sie die Leibesübungen im Freien, ihre Schulfeiern wurden erheblich eingeschränkt und gekürzt, ihre Unterrichtsräume wurden weniger lange durchlüftet, denn sie wurden von der benachbarten jüdischen Volksschule mitbenutzt und dienten teilweise auch einer für ausländische Kinder eingerichteten Flüchtlingsschule. Unsere Kinder waren, als weiterhin der Verbrauch auch anderer Rohstoffe eingeschränkt werden mußte, schon zufrieden, wenn sie nicht barfuß zur Schule zu kommen brauchten und wenigstens Holzschuhe oder Sandalen bekamen, wenn sie beim Uebergang in eine höhere Klasse statt neuer die gebrauchten Schulbücher ihrer Vorgänger benutzen durften, ihr* Schreibhefte sogar in mehreren aufeinanderfolgenden Klassen ihnen dienten. Ja, sie entledigten sich opferbereit und gerne ihrer Lieblingsbücher und spendeten sie in vaterländischer Begeisterung für die Verwundeten in den Lazaretten. Schaudernd gedenken wir endlich der stillen Hingabe, mit der diese zarten Menschenblüten eine Hungerblockade über sich haben ergehen lassen, wie sie in der Geschichte an Grausamkeit einzig dasteht. Ihre bleichen, abgezehrten Wangen haben eindringlicher als manche Klagerede die unerhörte Ruchlosigkeit eines solchen Vorgehens uns klar vor Augen geführt, ihr leider nur allzu oft stierer Blick hat alle jenen Männer zu ewiger Verdammnis verurteilt, die für ein so schändliches Verbrechen an schuldlosen Kindern die Verantwortung tragen. Wir ziehen es vor, über dieses so überaus traurige Kapitel moderner Kulturgeschichte hinwegzueilen, um uns den Geschehnissen zuzuwenden, die unseren Lehrkörper betreffen. Bei einem Vergleiche seines jetzigen Bestandes mit dem vom letzten Jahresberichte (1914/15) erscheinen etliche neue Namen, während viele liebe alte geschwunden sind.