Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1926
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2580773-2580852--2626-2583106- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
26 nur zu unterscheiden zwischen dem Wesentlichen und dem Unwesentlichen. Vergeudet nicht die Zeit für das Unwesentliche, dann werdet Ihr für das Wesentliche stets Zeit haben. Denn in dieser Neila-Scheidestunde beginnt für Euch ein neues Leben. Vom heutigen Tage an werdet Ihr angeredet werden wie große Menschen, mit „Sie*. Das ist für Euch ein freudiger Moment, und ich gönne Euch diese Freude; aber bedenkt: noblesse uhüge, jedes Recht bedingt Pflicht. Freut Euch-solange Freunde der Jugend Euch mit der Vertraulichkeit des Du behandeln. Ich habe es stets bedauert, wenn wieder einer derjenigen Menschen aus unserer Reihe treten mußte, der mir gegenüber diese vertrauliche Anrede benutzte. Die Anrede „Sie" bedeutet Distanz, bedeutet eine Pluralität der Verpflichtungen, bedeutet die Behandlung des Gegenüber als getrennte Persönlichkeit. Wenn Euch gegenüber diese Anrede jetzt benutzt wird, so soll damit — und das mochte ich unterstreichen — keineswegs zum Ausdruck gebracht werden, daß Ihr schon Persönlichkeiten seid, sondern daß jetzt es an E u c h selbst ist, s o an Euch zu arbeiten, daß Ihr zu Persönlichkeiten werdet: und ich darf vielleicht anfügen: hütet Euch im eigensten Interesse zu glauben, daß Ihr jetzt schon Persönlichkeiten seid: denn unleugbar färbt das „Sie* auf den inneren Menschen ab und läßt ihn an eine Reifheit glauben. Nein, leider ist es schlechterdings unmöglich, daß die heiligen Hallen dieser Schule in diesem Lebensalter schon bis zur Höhe einer abgeklärten Welt- und Lebensanschauung führen können. Die Schule kann bis zu dieser Scheidestunde keine Persönlichkeiten inachen, sie kann nur die Grundlage schaffen. An Euch ist es, sie auszubilden, denn ein neues Ziel ist Euch heute gestellt: Mensch und Jude zu werden, — ein hohes, ein schweres Ziel: desto stärker muß der Wille sein. Bisher war Euer Weg vorgezeichnet. Und wenn Ihr auch manchmal geglaubt habt, daß Ihr für den Lehrer lernt, daß Lernen ein Zwang sei, wenn Ihr oh Witze über - Eure Lehrerinnen und Lehrer machtet. den Höhepunkt in dieser Richtung werdet Ihr sicher am heutigen Abend Eurer Schlußfeier erreichen : — das sind Jugendgedanken, das ist das Anrecht der Jugend. Aber von jetzt an gibt es für Euch keinen zwingend vorgezeichneten Weg mehr. Mit dem heutigen Tag beginnt für Euch die Freiheit. Im ersten Semester meiner Studentenzeit hörte ich bei einem bedeutenden Münchener Psychologen „die Einführung in die Philosophie" und ich kann Euch bezeugen, daß keiner seiner Gedanken fester in mir haften blieb als seine Darlegungen über das Wort Freiheit. Er bezeichnete dasjenige, was man gemeinhin unter Freiheit versteht, als recht nahe dem Begriif der Willkür. Er sagte, Freiheit ist ein reiner Negationsbegriff. Er verneint jeden Zwang, aber er enthält nichts Positives. Ich möchte ihn fast vergleichen mit dem Wort ö'Öv?{*, mit den verneinten Göttern, mit den Götzen. Hütet Euch vor diesen D^"6»s\ vor diesen Götzen, die ja im Wandel der Zeit stets der schwankenden Mode unterworfen waren. Hütet Euch vor den Götzen der Moden, insbesondere auf geistigem Gebiet, und wenn Euch je der Unverstand scheel ansehen sollte, weil Ihr nicht diesen Weg angetreten habt, sondern angetreten habt das große Vermächtnis Eurer Väter und Mütter, dann denkt, daß stets die Welt es geliebt hat und lieben wird, das Erhabene in den Staub zu ziehen. Eure Freiheit rttpl n3"D DY»n DD^D^ JHJ n*n, sie liegt vor Euch, Eure Freiheit ist eine 'ZTS'Sn mva eine freie Wahl. Wahl ist keine Negation, sondern setzt die Existenz von zwei Wegen voraus. nnn >\Ss nnn jopn \s* Den richtigen Weg zu wählen, das ist Fure Aufgabe. Wohl gibt es Menschen, deren Wunsch es ist, es im Leben sich bequem zu machen; am Leben vorbeizuleben: das mag bequem sein, aber das heißt nicht Erfüllung der Lebensaufgabe. Nein» das Leben erleben, Freude und Leid in aller Tiefe öurchkosten, das erst heißt Leben, und der kennt* es* nicht, der nie sein Brot mit Tränen aß. nttQDl J-HNm : die Welt in ihrer Fülle zu erfassen*