Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1903
- Date
- 1903-01-01
- Page
- – (sequence 192)
- Language
- German
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2 Erziehungsweisheit wissen, konnte seiner Natur nach für die Kinder des Volkes gar nicht von Wert sein. Unser Schiller2) legt der weinenden Andromache in ihrem Schmerze über den drohenden Verlust ihres Gatten und des Vaters ihres Knaben die verzweifelnde Frage in den Mund, wer seinen Kleinen lehren solle, „Speere werfen und die Götter ehren"? 2. Mit diesen wenigen Worten stehen die beiden Hauptseiten der ältesten griechischen Pädagogik scharf umrissen vor uns da. Und die Reihenfolge in jenem Verse scheint uns auch — nicht zufällig — die Rangfolge in der praktischen Wertschätzung jener beiden pädagogischen Ziele treffend zu bezeichnen. Es war eine Erziehung für Fürstensöhne und angehende Heerführer, eine Pädagogik für die Aristokratie. Und diesen Charakter einer Erziehung für die höheren Klassen hat das öffentliche Erziehungswesen bei den Griechen auch in den späteren Zeiten nicht verleugnet- Die häusliche Erziehung in den reichen Familien Athens beispiels" weise lag vielfach in den Händen von Sklaven. Das höhere Bildungswesen, wie es ausserhalb des Hauses durch Veranstaltungen mehr privater Natur — auch bei den Athenern kann man von einem staatlichen Erzieh ungswesen in unserem Sinne nicht sprechen — sich gestaltet hatte, hatte seinem Gehalte und Ziele nach nur Wert für die Söhne der führenden Klassen und war auch wegen seiner Kostspieligkeit nur diesen zugänglich. 3 Vergleichen wir mit diesem Ergebnis die entsprechenden Verhältnisse bei dem alten Volke Israel! Dem heroischen Zeitalter der Griechen würde bei den Juden etwa die Epoche ihres Auszuges aus Ägypten an die Seite zu setzen sein, wobei wir uns allerdings verschiedener Momente bewusst sind, die diesen Vergleich als wenig treffend erscheinen lassen. Jener Zeitpunkt bezeichnet aber jedenfalls die Geburtsstunde des jüdischen Volkes. Es ist dies zugleich die Zeit der dekalogischen und der ganzen pentateuchischen Gesetzgebung. Die Offenbarung am Sinai wendete sich nicht an eine aristokratische Klasse des Volkes Israel, sie galt vielmehr dem ganzen Volke, den Geringen nicht weniger als den Vornehmen, den Fürsten und Stammeshäuptern nicht mehr als „den Holzfällern und Wasser Schöpfern". Das ge- 2) „Hektars Abschied". VI