Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1903
- Date
- 1903-01-01
- Page
- – (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2580773-2580832--1487-2582286- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 keine äusseren Einflüsse gehindert zu werden, lebte er fern vom störenden Lärm der Stadt ausserhalb derselben. Nur einmal, im Alter von zwanzig Jahren, zog er, vielleicht um berühmte Rabbiner kennen zu lernen, in die Fremde nach Polen und Preussen, kehrte nach fünf Jahren zurück und lebte von da ab zu Wilna in ärmlichen Verhältnissen, ausschliesslich dem Studium ergeben, wobei die Gemeinde ihm in wöchentlichen Gaben den Lebensunterhalt spendete. Im Jahre 1791 fing seine Gesundheit, die bis an die Schwelle des Greisenalters ausgezeichnet gewesen war, an zu schwanken, und sechs Jahre später, am 19. Tischri 5558 (1797) hauchte er seine reine Seele aus. Die geistige Bedeutung des Wilnaer Gaons kann eigentlich nur derjenige voll erfassen, der das grosse, weit verzweigte Gebiet der biblisch-talmudischen Literatur kennt denn in allen diesen Wissenszweigen war er zu Hause und durchforschte sie als ein Kritiker ersten Ranges mit den sicheren Hilfsmitteln seines scharfen Verstandes und seines fabelhaften Gedächtnisses. Wie schon im 10. Jahrhundert Hai Gaon, so strebte auch Eliah danach, die wahre Meinung von Mischna und Talmud zu finden, w obei er zum Verständnisse seiner Vorgänger eine Art kritischer Methode anwandte. Wir stossen hier auf eine gewisse geistige Verwandtschaft zwischen ihm und dem Alleszermalmer, der ihm ja auch räumlich nahe war. Wie nämlich Kant das Verständnis der Welt dadurch zu erreichen suchte, dass er die bis zu ihm anerkannte Grundvoraussetzung verwarf, derzufolge unsere Erkenntnis sich nach den Dingen richte, und lieber den entgegengesetzten Standpunkt vertrat, dass die Dinge den uns einmal verliehenen Erkenntniskräften sich unterordnen müssen; so wahrte sich auch der Wilnaer Gaon eine kritische Unabhängigkeit gegenüber den Auswüchsen blinden Autoritätsglaubens, der es nicht fassen kann, dass auch ein Grosser zuweilen irrt, für den deshalb jeder Ausspruch eines solchen ohne weiteres Gesetz ist. Diese seine Unabhängigkeit gegenüber anerkannten Autoritäten auf exegetischem Gebiete kann gar nicht hoch genug angeschlagen werden. Ihm galt, wie einem Kant die reine Vernunft, das unverfälschte Bibelwort als unumstössliche Quelle der Wahrheit, vor deren Richterstuhl jeder nicht auf Überlieferung beruhende Ausspruch des Talmuds und erst recht der Späteren sich rechtfertigen musste; und hierin