Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1873
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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einzige Grundgedanke, aus welchem die Institution des Judenthums die Jugend wie die Mannesreife die ganze Fülle ihrer Lehren von Gott und dem Menschen eonstruiren lehrt. Gott als den freischaffenden Erzeuger der Welt, und den Menschen als den freischaffenden Erzeuger seiner Thaten, das sind die Cardinalpunkte, an welche das Judenthum das Bewußtsein seiner Bekenner sicher lehnt. Wenn die übrige Jugendbildung dem erwachenden Sinnen und Denken des Kindes die lam Himmel und auf Erden sich entfaltende Welt zu erschließen sich bemüht und Stufe nach Stufe die Wesen und ihre Erscheinungen in ihren Formen, in ihren gemeinsamen und besonderen Merkmalen mit den ihnen innewohnenden Kräften und Wirkungen, mit den sie alle beherrschenden Gesetzen und Ordnungen, und endlich sich selbst, den Menschen in dem ganzen Adel seiner geistig sittlichen Natur inmitten dieser Welt, dem Kinde, dem Knaben, dem zum Manne reifenden Jünglinge zu immer bewußtvollerer Einsicht und Erkenntniß zu bringen strebt: so tritt ja das Judenthum nur harmonisch ein in den Kreis dieses ganzen pädagogischen Bemühens und lehrt in Gott den freien Schöpfer, Bildner, Ordner und Gesetzgeber, aus dessen freiem, gedankenvollem Schaffen diese ganze Welt von seienden und lebenden Wesen, von strebenden und wirkenden Kräften, von waltenden und herrschenden Gesetzen, und der Mensch in -dem ganzen Adel seines Wesens hervorgegangen, lehrt in Gott Denjenigen, dessen Denken und Wollen noch diese seine Welt erhält und leitet. Durch diesen, den Weltgedanken ergänzenden GotLesgedanken, erhält ja erst die Weltanschauung und Erkenntniß ihren eigentlichen, Geist und Herz pädagogisch bildenden Werth. Durch ihn lernt das Kind, lernt der Knabe und der zum Manne reifende Jüngling die Welt im Ganzen als eine Fülle verwirklichter Gottesgedanken begreifen und in dem kleinsten Wesen, in dem zartesten Gebilde des kleinsten Wesens, und in der leisesten Kraft des zartesten Gebildes einen sich verwirklichenden Gottesgedanken, einen getreuen Herold und Diener eines Gottesgesetzes erblicken und achten, lernt vor Allem auch in sich das nur zum freien Gehorsam des göttlichen Gesetzes berufene und eben durch diesen Beruf des freien Gesetzesgehorsams geadelte Gottesgeschöpf erkennen und würdigen, lernt nach dem Ausdrucke jüdischer Weisen vor der Mücke erröthen, wenn sie in ihrem ephemeren Dasein die ihr durch das Gesetz ihres Schöpfers ertheilte Bestimmung treu erfüllt und ihn sein Bewußtsein einer in Ungehorsam verfehlten Daseinsbestimmung zeiht. Das Judenthum meidet nicht eine denkende Naturanschauung, es ruft sie geradezu hervor und pflegt sie durch seine Institutionen, mit welchen es seine Bekenner durch's Leben geleitet und in welche es seine Jugend früh einführt. „Wollt ihr denn nie erkennen, nie vernehmen, ist's euch nicht von früh an gesagt worden, habt ihr nie selber Einsicht gesucht in die Gründe der Erde?" (Jesaias 40, 21) „Wer hat mit seinem Schritt das Wasser gemessen, wer mit der Spanne die Himmel begränzt, wer im Maß den Staub der Erde gefaßt und hat im Gleichmaß abgewogen die Berge und mit der Wage die Hügel? (Das. 12) Hebet zur Höhe eure Augen und sehet, wer hat diese geschaffen, wer ist's, der in Zahl ihre Heere hinausführt? Alle ruft er mit Namen sie hin; aus eigener Machtfülle, wie auch mächtig an Kraft, hat Keines sich von selbst in die Heerde gefügt." (Das. 26) Dieser Anforderung ein offenes Auge und einen offenen Sinn für die Offenbarung Gottes in den Naturerscheinungen und den Naturgesetzen zu haben, begegnen wir auf allen Blättern der jüdischen Bekenntnißschriften. Sie