Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1870
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 12)
- Language
- German
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11 O^- lud. Ja, es genügte selbst das olunuek im engeren Sinne, das bloße liebend ernste praktische Einführen und Eingewöhnen des jungen Menschen in die Thätigkeitsspähre des vom Pflichtbegriff getragenen jüdischen Lebensheiligthums, um die ganze zu Gott erwachende Seele für immer mit einer Lebensrichtung zu vermählen, deren Segnungen in Aller Bewußtsein lebten. Die Zeiten sind anders geworden. Die Ghettimauern sind gefallen. Das ganze Culturleben der europäischen Völker mit seinen, natürlich nicht mit Rücksicht auf jüdische Lebenspflichtbestimmungen sich gestaltenden Bahnen des Wirkens und Genießens, ist dem Juden geöffnet; das ganze Geistesleben der europäischen Völker mit seinem, natürlich — oder eigentlich „nicht natürlich"; denn aufrichtig Wahrheit suchende Geistesarbeit sollte die mehrtausendjährige Forscherarbeit einer so eminenten Nation von Denkern kaum also wie geschieht ignoriren — das ganze Geistesleben der europäischen Völker also mit seinen — natürlich — nicht auf dem Boden jüdischer Ueberzeugungen gewonnenen Anschauungen und Lösung anstrebenden Problemen umfängt auch den Juden; in Mitten eines solchen praktisch und geistig anderartigen Seins und Strebens hat er jetzt seine eigenartige jüdische Bestimmung zu lösen, und Plötzlich, unvorbereitet, nicht al xi äarko, nicht für diesen von so mannigfachen andern Einflüssen berührten Lebensweg voraussichtig erzogen, ward, durch einen raschen Umschwung der Zeiten, der Sohn des Ghetto auf den Markt des europäischen Lebens, an die Tafel der europäischen Weltgenüsse, in die Strömung der europäischen Weltanschauungen geworfen: ist es ein Wunder, daß die eindringende Macht dieser Einflüsse bereits so Viele mit sich hin und fort von dem jüdischen Erkenntniß- und Pflichtboden gerissen, daß sich bereits ein so tiefer Riß in der jüdischen Zeitge^ nossenschaft vollzogen, und ein großer, großer Theil der jüdischen Gegenwart, fast schon ohne Ahnung von jüdischer Erkenntniß, jüdischer Pflichtheiligung und jüdischer Weltbestimmung sich auch und ihre Kinder und ihr Haus und die ganze Zukunft ihres Geschlechtes dem Ungefähr einer vorüberrauschenden Zeitenwoge überantworten, die die Menschen „ihr" Jahrhundert nennen — und nur ein kleiner Theil sich erst am Ufer zur Besinnung sammelt und in dem ihnen von Gott, dem Gotte aller Zeiten, für ihre Wanderung durch die Jahrhunderte gegebenen Lehrschatz den Compaß sucht, der sie und ihre Kinder und ihr Haus und die Zukunft ihres Geschlechtes auch durch diese Zeit und mit dieser Zeit und gerade mit ihr zu dem einzigen Ziele glücklich gelangen lassen werde, das einst aufhören wird, bloß das jüdische Ziel zu sein, das vielmehr nach Bestimmung eben dieses Gottes aller Zeiten das Entwicklungsziel der gesammten Menschenfamilie sichernd in sich trägt — ist dies Alles ein Wunder, nachdem bereits die Erzie-