Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1870
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 9)
- Language
- German
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und ihn nicht selten ganz vereiteln werde, sobald das Geschäft des Erziehers zu Ende, und nun der Zögling sich selbst, das ist ja seiner individuellen Natur, und der Welt übergeben ist. Der jüdische Erzieher soll unserm Kanon zufolge beide Prinzipien, und zwar beide in erhöhtem Maße, im Auge haben. Das Ideal, für welches und zu welchem er zu erziehen hat, ist ihm ein völlig unantastbar heilig für immer Gegebenes. Die Lehre und das Gesetz, deren Erkenntniß und Erfüllung den Juden zum Juden macht, kündigt sich ja selbst als tkenüma, als den ganzen Menschen umfassend an. Und in der That ist ja diese Lehre und dieses Gesetz, die man „jüdische Religion" nennt, nicht ein himmlisches Jenseitiges, — 1o basekamajlm kl, wie die Gotteslehre von sich ausspricht,— sondern ganz eigentlich ein Diesseitiges, Irdisches, der Entwurf eines ganzen Einzel- und Gesammtlebens, wie es sich auf Erden nach der Bestimmung des Vaters der Menschen zu entfalten und zu gestalten habe. Da ist nicht eine einzige Seite, nicht eine einzige Anlage des jungen Menschen, die in diesem Gesetze nicht ihr sittliches Ziel gezeichnet fände, dem sie entgegenreifen, und in dessen Verwirklichung sie ihre sittliche, gottheilige Bedeutung finden soll. Dieses von Gott gezeichnete Lebensbild, das jedem Juden jeder Zeit und jeden Orts sein Lebenlang als anzustrebendes und nimmer ganz erreichtes Ideal sittlicher Lebensvollendung vorzuschweben hat, es bildet naturgemäß auch das einzige ewige Ideal einer jüdischen Erziehung; es ist das Ziel, für welches der junge jüdische Mensch gebildet und erzogen werden soll. Soll aber diese Erziehung gelingen, soll aus dieser Erziehung ein ganzer Mensch nach dem Menschenbegriff der jüdischen Wahrheit hervorgehen, und also hervorgehen, daß, wie der Schluß unseres Kanons lautet: Aam jiskau 1o jasor mimeiiiio, er noch als Greis in der Richtung lebe und strebe, die ihm die Erziehung seiner Jugend gebracht: so muß der Erzieher, und der jüdische Erzieher insbesondere, al xi äarko erziehen; es muß ihm Aarko, der ganze künftige Lebenslauf, es muß ihm im Knaben der künftige Jüngling und Mann gegenwärtig sein, wie er sich unter Einfluß der in seinem Naturell, seiner Umgebung, insbesondere aber auch der in seiner Zeit sür jeden Menschen und jede EntWickelung gegebenen Eigenart — ohne erziehende Einwirkung — dem jüdischen Ideale gegenüber gestalten würde, und durch seine Erziehung gestalten solle. Daß ein jeder Mensch, wie die jüdische Anschauung spricht, eine „kleine Welt" für sich bildet, daß das Mehr und Minder, das Stärker und Schwächer der verschiedenen, in gewissem Maße in jedem Menschen wohnenden Kräfte, Anlagen, Fähigkeiten, Triebe und Reize die wunderbare Mannigfaltigkeit der Menschen also gestaltet, daß.