Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1864
- Date
- 1864-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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— 26 Sprache von Wichtigkeit ist; denn ohne die Kenntniß des Unterschiedes der zahlreichen sinnverwandten Wörter unserer Sprache wird die Genauigkeit und Deutlichkeit unserer Rede immer Einbuße erleiden. Wenn viele unserer heutigen Grammatiker und Methodiker die logische Begabung der Jugend zu sehr unterschätzen, und den ganzen Sprachunterricht in eine Gedankendressur verwandeln möchten, so setzen sie dagegen an deren Fertigkeit zu definiren und synonyme Begriffe aufzufinden oder zu erklären zu viel voraus, und vernachlässigen sie. Aber gerade in dem Bemühen, durch Uebungen über die synonyme Bedeutung der Wörter Klarheit zu verbreiten, und durch die, hierdurch nothwendig werdenden lexikalischen und etymologischen Auseinandersetzungen wird der künftigen Wissenschaftlichkeit vorgearbeitet, und — was noch mehr ist, es wird durch sie im Volke die Philosophie des gesunden Menschenverstandes begründet, welcher ebenso sehr den ungebildeten, wie den gebildeten Leuten noth thut. So angenehm und interessant nun auch eine solche Behandlung des Leseunterrichts für die Kinder sein dürfte, so soll doch hiemit keineswegs gesagt sein, daß man ein Lesestück seinem Inhalte nach erst gänzlich ausbeuten müsse, um jede mögliche Nutzanwendung darin aufzufinden und alles Mögliche hineinzulegen, wie uns von neueren Methodikern empfohlen wurde. Das würde zur Einseitigkeit führen und die Herrschaft einer sich in sich selbst verlierenden Katechese einsetzen. Schon Erasmus von Rotterdam warnte die Lehrer, beim Lesen eines Autors nicht mehr zu bemerken, als zum Verständniß nothwendig sei, nicht aber bei jeder Stelle seine Gelehrsamkeit eitel auszukramen. Treffender noch ruft Kellner ihnen zu: „Wenn die Kinder sprechen lernen sollen, muß der Lehrer schweigen lernen!" Ist durch früh begonnene und stets fortgeführte Unterhaltungsstunden dem Leseunterricht mit glücklichem Erfolge vorgearbeitet, so kommen durch die vereinigte Wirkung Beider die vollen Früchte dem Stylunterrichte zu Gute. Denn haben die erster.>n einen verhältnißmäßigen Fonds von realem Wissen geschaffen und die Sprachfertigkeit befestigt, so hat der letztere den Schönheitssinn geweckt und der Phantasie Nahrung gegeben; beide aber, Sprech- und Leseunterricht, haben die Denkkraft geübt und ihre natürliche Ent-