Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1864
- Date
- 1864-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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— 21 — Organismus seiner Eigenthümlichkeit entsprechend auf einfachstem Wege seiner Vollendung entgegenführt. Ist sie eine weise, nie irrende Lehrmeisterin, so müssen wir ihre folgsamen Jünger sein; wir unterliegen, wenn wir der Natur widerstreben, wir beherrschen sie, unterwerfen wir uns gehorsam ihren ewigen Gesetzen! — Wollen wir einen naturgemäßen Sprachunterricht unfern Kindern ertheilen, so müssen wir uns die Mühe nehmen, aufmerksam zn beobachten, auf welche Weise ihnen die ersten Sprachkenntnisse zugeführt werden, und wie der gewonnene Sprachschatz die Entwickelung ihres innern Seelenlebens vermittelt. Die Seelenthätigkeit des Säuglings äußert sich, wie bei Erwachsenen, durch Anschauen, Fühlen, (Begehren) und Denken, nur mit dem Unterschiede, daß diese Thätigkeit bei dem Kinde als eine unbewußte und Passive, bei dem Manne als eine selbstbewußte und absichtliche sich kund gibt. Das sich entwickelnde Denkvermögen ist nur in seinen zartesten Anfängen bei dem Kinde zu beobachten; stärker äußert sich das Gefühlsvermögen, am vorwiegendsten tritt das Anschauungsvermögen hervor. Ein gesundes Kind ist für alle äußern Eindrücke empfänglich und nimmt sie in sich auf. Je öfter sich dieselben Eindrücke wiederholen, desto inniger schmiegen sie sich in das Gedächtniß ein, welcher Vorgang Erfahrung genannt wird. Solche Erfahrungen macht das Kind unaufhörlich, mögen wir uns mit ihm beschäftigen, oder nicht, mag es äußerlich angeregt werden, oder in scheinbarer Unthätigkeit befangen sein. Mit den unarticulirten Tönen, die es lallt, will es instinktmäßig ein Gefühl ausdrücken, als wenn es uns etwas zu erzählen wüßte. Diese Sprachfühigkeit, in ihrem frühesten Erscheinen so unbedeutend und klein, nimmt nach dem ersten halben Lebensjahre in überraschender Weise zu, und man nimmt es sehr deutlich wahr, wie mit einer gelungenen Bezeichnung dem Kinde auch wieder die Vorstellung des Gegenstandes deutlicher fixirt wird, welchem jene dient. In dem Maaße, wie die Masse der Anschauungen zunimmt, wächst auch die Sprachfertigkeit, die Sprache erzeugt ihm neue Gedanken, und die Gedanken hüllen sich in Worte ein. Jedes Wort ist bekanntlich die Bezeichnung für einen Begriff; das Kind hört das Wort von seiner Umgebung und begreift allmälig den Sinn, welchen man damit verbindet. — So