Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1864
- Date
- 1864-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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— 19 — Gebiete der Sprache und unserer Nationalliteratur; denn hier ist noch Vieles übrig, zu jäten und zu schaffen. Was will die Unkenntniß in vielen Theilen der Physik heißen gegenüber der Mangelhaftigkeit in der Sprachbildung? Es kann Jemand ein guter Lehrer sein, ohne den Kindern die Mechanik einer Lokomotive anschaulich machen zu können; wie unvollkommen und lückenhaft muß aber der Unterricht sein, welche Blöße muß sich ein Lehrer den Schülern gegenüber geben, wenn er nicht im Stande ist, einen Begriff zu definiren, oder einen schwierigen Satz im Lesebuche, oder aus einem Classiker zu erklären? Für diese Mängel hat Niemand ein schärferes Auge, als die Kinder. Sie urtheilen überhaupt am richtigsten über die Tüchtigkeit des Lehrers und wissen sehr wohl, bei welchem Lehrer sie etwas lernen. Sie sind als Schüler die unnachsichtigen Kritiker unserer Leistungen und werden einst als Erwachsene die strengen Richter über die Schule sein. Soll eine Schule, wie Comenius sagt, „die Werkstatt der Humanität" werden, in welcher die Menschen „zum fertigen Gebrauch ihrer Vernunft und Rede, zur Weisheit, Beredsamkeit und Geschicklichkeit gebildet werden sollen," so sorge man doch zuvor für Lehrer, welche eben diese Eigenschaften besitzen, für Männer, welche durch Charakter, Erfahrung und gebildetes Urtheil würdig und fähig sind, die Jugend zu Männern und Frauen im edelsten Sinne zu erziehen. Je gründlicher und vielseitiger des LehrerS Bildung in der Sprache und der vaterländischen Literatur ist, desto klarer ist seine Anschauung und seiu Urtheil; — und je vernünftiger wieder sein Urtheil, desto fruchtbarer die Ergebnisse seiner Wirksamkeit. So ist die Sprachbildung die Herzkammer, aus der das Lebeu in alle Adern unserer geistigen Vermögen sich ergießt und das Ziel, nach welcher die Pflanzschule für Pädagogen mit aller Macht hinzusteuern hat. Alle Lücken in andern Fächern kann die Zukunft noch ausfüllen. Was die Schule im Sprachunterrichte versäumt hat, das kann das Leben kaum halbwegs wieder gut machen. Wem in seiner Jugend nicht das Glück zu Theil geworden, einen in diesem Sinne begriffenen Sprach - Unterricht genossen zn haben, der wird als Mann diesen Mangel tief empfinden und manche andere, mühsam erworbene Kenntnisse gern darum hingeben. 2»