Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1864
- Date
- 1864-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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— 10 — aber Bildung und Sprachkenntniß für den kaufmännischen Beruf haben, braucht wahrlich nicht erst nachgewiesen zu werden. Je rechtschaffener der Kaufmann ist, desto mehr kommt es bei ihm auf Präeision im Ausdrucke an; denn oft hängt eine richtige Auffassung und Deutung seiner Erklärungen nur davon ab, daß er es versteht, mit bündigem Worte das Treffende zu sagen, und durch Genauigkeit und Klarheit im Ausdruck jedem Mißverständnisse vorzubeugen. Wem die Sprachfertigkeit abgeht, wird seine eigne Sache, und wäre es die gerechteste, nimmer gegen Verschmitztheit und Malice vertheidigen können und muß vor Gericht fremder Zunge seine Rechtfertigung überlassen. Kein Bürger kann in unserer Zeit, ohne die Feder oder das Wort zu führen in Schrift und Rede, ein Ehrenamt übernehmen, durch welches ein gesinnungstüchtiger Mann sich dem Staate oder einer Privatgemeinschaft nützlich machen könnte. Er kann die beste Einsicht und den redlichsten Willen besitzen — aber ihm fehlt dasjenige Hilfsmittel, wodurch er diese bessere Einsicht zur vollen Geltung bringen kann! — Ja, Sprache und Leben sind eins, und darum muß das Ziel des Sprachunterrichtes auch das Leben nicht aus dem Auge verlieren. Unzweckmäßig wäre demnach ein Sprachunterricht, welcher, wie dies fast ausschließlich in allen Schulen Oesterreichs, aber auch in vielen Schulen Norddeutschlands thatsächlich der Fall ist, einen überwiegenden Werth auf eine möglichst vollständige theoretische Kenntniß der Grammatik legt. Hier finden wir den Schwerpunkt des Unterrichts iu der Kenntniß und Aneignung grammatischer Formen, das Gedächtniß wird mit einem Aggregat von theilweise nützlichen, zum Theil aber auch unersprießlichen Regeln angefüllt, und statt der freien selbstbewußten Rede wird nur ein todter Schematismus erzeugt. Mühsam werden jahrelang Uebungen angestellt, um Sätze synthetisch aufzubauen, andere wieder anatomisch zu zergliedern; und wenn nach beendigten Schuljahren der Knabe ins Leben tritt, so versteht Ich weiß wohl, daß Humboldt den angeführten Satz auf die Sprache im Allgemeinen bezieht, während hier hingegen von der Muttersprache speciell die Rede ist. Genau genommen jedoch ist die Wahrheit dieses Satzes für beide von gleicher Anwendbarkeit.