Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1864
- Date
- 1864-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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— 9 — „Sprache und Leben sind unzertrennliche Begriffe" sagen wir mit Humboldt; aber nicht minder sind Schule und Leben aus das engste und innigste mit einander verwachsen. Von dem frischen Leben getragen, ist die Schule die fruchtbare Pflanzstätte für das Leben; sie sendet aus tausendfachen Quellen gebildete Bäche und Ströme ihm zu, und sein kräftiger Wellenschlag wirkt bestimmend und gestaltend auf sie zurück. — Und wie das individuelle und das gesammte menschengesellschaftliche Leben nur seineu Kitt in der Sprache findet, so auch die Schule, die ja auch eine Gesellschaft im Kleinen ist. — So wenig daher der Ansicht gehuldigt werden soll, welche den Sprachunterricht ausschließlich in den Dienst der Ertüchtigung für den Beruf stellen möchte, so hat doch die Schule die Anforderungen der Zukunft, für welche sie ihre Zöglinge ausbildet, auch bei dem Sprachunterricht in vollstem Maße zu würdigen. Man trete doch einmal hinein in's frische, bewegte Leben! Durch die zahlreichen Erfindungen unserer Zeit, durch den vielfach gesteigerten Verkehr in allen Zweigen der gewerblichen Thätigkeit haben die gegenseitigen Beziehungen der Menschen sich vervielfacht und sind auf's engste mit einander verkettet. Wie vermag der Einzelne in dem Ringkampfe nach einem von Allen angestrebten Ziele aufzukommen, wenn er diesen Andern au Wissen und Bildung nachsteht? Der strebsame Land mann muß jetzt mehr verstehen, als seinen hundertjährigen Kalender zu lesen. Viele Verbesserungen und Erleichterungen im Garten- und Landbau, die ihm einen so bedeutenden Vorsprung vor seinen Ahnen gewähren, verdankt er den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung. Der Oekonom schöpft sie entweder aus mündlicher Belehrung oder dem fleißigen Studium landwirtschaftlicher Schriften, wendet sie in seinem Geschäfte erfolgreich an und genießt die sichern Vortheile, die sie ihm bieten. Der Handwerker unserer Zeit muß eben mehr als Handwerker, er muß Künstler in seinem Fache sein und eine gewisse Bildung besitzen, wenn er den Anforderungen genügen soll, welche, bei der so enorm gehobenen Industrie, seine Kunden an ihn zu stellen berechtigt sind, oder wenn er von den vermehrten Bedürfnissen des Lebens gedrängt, auf neue Absatzquellen sinnen und um Lieferungen im Großen sich bemühen will. Aber die Mutter aller Bildung ist die Sprache. Welche Bedeutung