Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Journal
- Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Volume
- 20 (1893)
- Issue
- 1 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 191)
- Language
- German
- Belongs to
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188 wie mir scheinet, das letztemal in der Kirche gewesen, ich weiss aber nicht, ob und wann er auch das letztemal bei der Beichte gewesen. Seine liebste Beschäftigung ist das Lesen der heiligen Schrift, und zwar des Alten Testaments. Ueber sein Betragen gegen mich während der ganzen Ehe kann ich mich ganz und gar nicht beklagen. Er war ein ordentlicher Wirth, dem Trünke ganz und gar nicht ergeben, und ich urtheile, dass ihn sein fleissiges Bibellesen und sein melancholisches Temperament, wozu er von jeher eine vorzügliche Neigung hatte, auf die Religionsskrupel gebracht, und ihn zu seinem Abfall bewogen. Da ich und mein Mann selbst in Einem Alter sind: so sehne ich mich nach keiner Scheidung von demselben; denn die Reize der Jugend und der ehelichen Liebe sind bei uns beiden vorbei, und ich wünsche nichts mehr als die übrigen Tage meines Lebens mit in der fleissigen ßewartung meines betagten Mannes zuzubringen, damit dereinst an jenem grossen Tage von dem göttlichen Richter mir kein Vorwurf wegen Vernachlässigung der ehelichen Hülfe gegen meinen Mann geschehen möge. Mehr ist mir von den Umständen meines Mannes gar nichts bekannt; denn er hat mir hiervon eben so wenig als von seiner Beschneidung selbst etwas entdeckt.‘6 Hierauf ward auch der Sohn des Joseph Steblitzki vorlitzki sich so sehr an die Idee von einer allein seligmachenden Kirche gewöhnt hatte, dass er auch nach seinem Austritt von der katholischen Kirche sich nicht davon losmachen konnte, sondern nun das Judenthum für eben so alleinseligmachend ansah, als ehedem die katholische Religion. Und dennoch findet sich in den Akten nicht die geringste Spur, dass er auch nur von weitem einen Versuch gemacht, in seiner Frau oder einem seiner Kinder einen neuen Proselyten zu machen, ob es gleich sonst ausgemacht zu sein scheint, dass die deutliche und lebhafte Idee von einer alleinseligmachenden Religion sich nicht wohl ohne Bekehrnngseifer denken lasse.“ — Vgl. dazu die Aussagen des Angeklagten (w. u.), die keineswegs die Anschauung von einer alleinseligmachenden Religion wieder* spiegeln.