Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Journal
- Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Volume
- 19 (1892)
- Issue
- 1 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 157)
- Language
- German
- Belongs to
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155 II. Abschnitt. Den offenbarten Gesetzen liegt wie der Natur ein Zweck zu Grunde. Derselbe Streit, sagt Maimonides, der sich auf dem Gebiete der Naturerklärung erhoben hat, ob die Werke Gottes sich nach seiner Weisheit, oder nach seinem blossen, keinen Zweck beabsichtigenden Willen richten, wiederholte sich genau in derselben Weise auf dem Gebiete der Gesetzeserklärung. Die Einen weisen jedes Forschen nach dem Zwecke eines Gebotes mit der Behauptung zurück, es sei als eine in ihren letzten Gründen durchaus nicht begreifliche göttliche Willensäusserung aufzufassen.24) Manche sogar wollen gerade in dem Mangel an vernünftigen Gründen der mosaischen Lehre ihre Göttlichkeit erblicken. Diese meinen nämlich, dass Verordnungen, die durch menschlichen Verstand erklärt und begründet werden können, auch ursprünglich nichts anderes seien, als die Erfindung und das Werk menschlichen Nachdenkens; wenn hingegen an diesen Ver- Ordnungen kein Grund und kein Nutzen erkennbar ist, so verdanken sie ohne Zweifel Gott ihren Ursprung, da die menschliche Vernunft kein solches Werk zum Vorschein bringe. Diesen Schwachsinnigen, wie sich Maimonides ausdrückt, erscheint der Mensch gar vollkommener als sein Schöpfer, insofern sie zwar nicht dem Menschen, wohl aber Gott etwas Unzweckmässiges Zutrauen.25) Die Anderen hingegen sind der Ansicht, dass jedes 24) More III, 26. Man vergl. daselbst Cap. 48 bei Gelegenheit der Begründung des שלוח הקן (Deut. 22,6. 7), wobei es erhellt, dass es auch unter den Lehrern der Mischna Anhänger dieser Meinung gab. 26) More in, 31. Magazin, Heft MI, 1892. 11