Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Journal
- Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Volume
- 19 (1892)
- Issue
- 1 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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20 II. Die Vergeltung durch die verletzte Einzelperson. Bei einer solchen Auffassung von der Vergeltung durch die Vorsehung könnte man nun vielleicht zu der Annahme geneigt sein, dass im jüdischen Volke auch die verletzte Einzelperson befugt gewesen sei, gerechte Vergeltung zu üben, um ein Werk göttlicher Vorsehung zu vollziehen. Diese Annahme wäre jedoch durchaus unbegründet. „Du sollst Dich 'nicht rächen“, sagt der Pentateuch, (Lev. 19, 18) „und keinen Groll nachtragen den Kindern Deines Volkes, sondern liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“ „Sprich nicht“ heisst es in den Sprüchen, „wie er mir gethan, so will ich ihm thun, will vergelten dem Manne nach seinem Thun“ (Prov. 24, 28). „Sprich nicht, ich will vergelten das Böse, sondern hoffe auf Gott, er wird Dir helfen (ib. 20, 22). Willst Du also selbst einen Akt der Gerechtigkeit vollziehen durch die gleiche Vergeltung, Du als Verletzter darfst es nicht, Du kannst nicht leidenschaftslos den Thatbestand prüfen, Dir könnte doch der subjektive, egoistische Rachetrieb, nicht das objective Rechtsgefühl als Triebfeder Deiner vergeltenden Thätigkeit massgebend sein. Du hast vielmehr so sehr jeden Genugthuungsgedanken aus Deinem Herzen zu bannen, dass Du selbst dann, wenn durch die Vorsehung dem Feinde, der Dich gekränkt, vergolten wird, keine Freude darüber empfinden sollst: „Fällt Dein Feind, freue Dich nicht, strauchelt er, frohlocke nicht Dein TIerz.“ (Prov. 24, 17. Vgl. Hi. 31, 29). Vielmehr soll der Israelite selbst seinem Feinde Liebesdienste erweisen; findet er dessen Vieh verirrt, soll er es ihm zurückbringen, findet er es erliegen unter