Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Journal
- Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Volume
- 19 (1892)
- Issue
- 1 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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16 In den nachexilischen Schriften, wie im talmudischen Schrifttume, wird der Vergeltungsgedanke sehr stark betont: „Womit jemand sündigt, damit wird er bestraft.“1) „Mit demselben Masse, mit dem jemand misst, wird ihm gemessen,2) lautet ein oft gebrauchter Ausspruch des Talmud, der als Grundton durch die ganze talmudische Sittenlehre geht; ja, er gewinnt noch an Inhalt und Intensität dadurch, dass er nunmehr auch auf ein transscendentes Leben bezogen wird. Das sehnsüchtige Verlangen nach einer Ausgleichung von Verdienst und Schicksal, das nicht immer Befriedigung erfährt bei dem Anblicke der göttlichen Weltwaltung hier auf Erden, wird nun gestillt durch einen Hinblick auf das Jenseits, durch den unerschütterlichen Glauben an eine jenseitige Gottesvergeltung.3) Dieser Glaube war so tief in das Volksbewusstsein eingedrungen, dass eine Leugnung desselben als ein Abfall vom Judentum galt, wie ja auch thatsächlich Vergeltung, wobei entweder mit dem gleichon Mittel gestraft wird, mit welchem das Verbrechen begangen, oder auf dieselbe Art und Weise, wie oder an demselben Orte, wo es verübt wurde. Aus diesem Gesichtspunkte ist auch die Strafe Haman’s zu betrachten. Dasselbe Werkzeug, welches er zur Vernichtung seines Feindes verfertigen lässt, dient zu seiner eigenen Vernichtung (Esth. 7, 10). Analoge Vergeltung ist auch das Schicksal, welches die Ankläger Daniels ereilt. Dan. 6, 25. ]) Weish. Sal. 11, 17. Dass das so geschieht, wird von dem Verf. umständlich als ein Ausfluss göttlicher Gerechtigkeit geschildert. Gott hätte es in seiner Macht, auch anders zu strafen, seine Strafe ist aber ganz analog der Schuld, weil er gerecht ist. v. 22; 12, 16. 2) S. Trakt. Sanhedr. 100a unten; Sota 8a im Namen E. Me’ir’s. Vgl. noch den Ausspruch Hillel’s (Aboth 2, 7): „Einst sah er einen Schädel auf dem Wasser schwimmen. Da sprach er zu ihm: „Weil Du ertränktest, wurdest Du ertränkt.“ Ganz ähnliche Aussprüche finden sich im N. T. Matth. 7, 2; Luc. 6, 38; Marc. 4, 24. 3) Lässt sich auch aus manchen Stellen vorexilischer Schriften der Glaube an ein Fortleben der Seele ersehen (so Jes. 26, 19; Ps. 16,10.11; 17, 15,49,16), so erscheint er doch nie inBezug auf die Idee der Vergeltung; vgl. H. Goitein: Optimismus und Pessimismus in der jüd. Eeligionsphilos. Berlin 1890, S. 11. Anm. 1.