Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Journal
- Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Volume
- 19 (1892)
- Issue
- 1 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2572068-2572094-2572095--4327-2576269- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14 sehung über den Menschen darin erblickt, dass jedem Menschen genau nach seiner That vergolten wird.1) „Du, o Gott,“ so fleht der weise König in jenem herrlichen Gebete bei der Einweihung des Tempels, „mögest vergelten einem Jeden nach seinem ganzen Wandel, Du, der Du kennst sein Herz; denn Du allein kennst das Herz aller Menschensöhne. “ 2) Wird aber dieser Wunsch, dass die Vorsehung einen Ausgleich zwischen Verdienst und Schicksal herstelle, nicht erfüllt, lehrt die Erfahrung, dass oft kein innerer Zusammenhang zwischen den Geschicken, die eine Person treffen, und ihrer sittlichen Beschaffenheit und Wirksamkeit besteht, ja, zeigt es sich sogar, wie in der Erzählung von den Leiden Hiob’s, dass die Erfahrung mit diesem Wunsche in einschneidendem Widerspruche steht, dass der Beste, Redlichste, Gottesfürchtigste und Rechtschaffenste im ganzen Lande (Hiob 1,8; 2,3) vom Schicksal die ausgesuchtesten Qualen und Leiden zu erdulden hat, dann regt sich allerdings im Herzen des Leidenden der Zweifel,3) der ihn schliesslich zur Leugnung des Vergeltungsprincipes führt, der ihn am Ende dahin bringt, wenn auch nicht Gott einen „Ungerechten“ zu nennen, so doch, was ja im Grunde dasselbe ist, sich für gerechter als Gott hinzustellen.4) Die drei Freunde aber und Elihu lassen sich diese sittliche Ueberzeugung von dem Verhältniss von Schuld und Sühne nicht rauben, und immer wieder kommen sie auf den Gedanken zurück, Gott könne nicht Unrecht thun, sondern „das Thun des Menschen vergilt er ihm und nach J) Prov. 12, 14; 24, 12; 26, 27; vgl. auch 11, 5; 13, 21. 2) I. Eeg. 8, 39; II. Chron. 6, 29; vgl. I. Kön. 8, 32; Il.Ohron. 6, 23; vgl. auch die ob. angeführte Stelle Jer. 17, 10. 3) Aber dieser Zweifel entringt sich erst dann seiner Brust, als er die Keulenschläge des Schicksals nicht mehr ertragen kann; solang er es vermag, preist er Gott auch für seine Leiden 1, 21; 2,10. 4) 34, 5; 35, 2; 40, 8.