Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Journal
- Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Volume
- 18 (1891)
- Issue
- 1 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 299 (sequence 302)
- Language
- German
- Belongs to
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299 Weniges in dem Buche kennen wir bereits aus des Verfassers Geschichte des Erziehungswesens; hier musste es des Zusammenhanges wegen mit den Materialien nochmals erscheinen. Ungern haben wir bei den Auszügen aus den Schriften der älteren Periode die Ent- Scheidungen Meier Kothenburgs über Unterrichts- und Lehrverhältnisse, wie über Bücher kaufen und verleihen vermisst. Was (S. 163 ff.) aus Bacharachs handschriftlichem Werke mitgetheilt wird, lässt den Wunsch rege werden, dass dieses recht bald durch den Druck ganz veröffentlicht werde. Interessant ist, dass Bacharach an mehreren Stellen erwähnt, dass das Kreuz bei den Heiden lange Zeit vor Jesu in Gebrauch war. In neuester Zeit hat Manfrin im zweiten Theile seines Werkes ״Gli Ebrei sotta la dominazione romana“ dieselbe Behauptung aufgestellt und ihr eine eingehende Untersuchung gewidmet. — Der S. 162 unaufgeklärte gebliebene Ausdruck numer bedeutet nach Schmeller’s bayerischem Wörterbuch S. 1636 so viel als ״das üble Gerücht“. An zwei Stellen, nämlich S. 264 und 267 vermisst der Verfasser noch immer die richtige Erklärung des jüdisch-deutschen Ausdrucks ״leinen“. Demnach scheint ihm meine Nachweisung für das Wort, welches ich in ״Israel. Lehrer und Cantor“, Beilage zur ״Jüdischen Pre3se“ Jahrgang 1882, No. 2 gegeben habe, nicht bekannt zu sein. Wir wollen sie daher hier wiederholen: Der Ansdruck ״leinen“ als Verbum für die Vortragsweise des Wochenabschnittes, als Substantiv beim Talmudstudium im Gebrauch, hat noch keine genügende Erklärung gefunden. Der Ursprung des Wortes lässt sich aber ermitteln, wenn wir beachten, was Eerd. Wolf in seinem klassischen Werke üher die Lais sagt, nämlich: Von 1166 an bis zu den Troubadours des 13. Jahrhunderts finden wir den Namen Lais nicht blos von jenen epischen Liedern oder erzählenden Gedichten, sondern in der ganz allgemeinen Bedeutung von Lied, Weise, Gesang, Ton überhaupt gebraucht. Es ist das anglo-normandische und altfränkische Lai, Lay oder Lais, das angelsächsische Ley und mittelenglische Lay, d. i. Gesang, in denen sich die ursprüngliche allgemeine Bedeutung der keltischen Stamm Wörter von Ton, Gesang, Gedicht überhaupt erhalten hat. Haben wir somit den Stamm lei für singen festgestellt, so ist nunmehr leicht zu erkennen,, dass sich im Laufe der Zeit die deutschen Endungen en und nen angefügt haben. In jüdischdeutschen Schriften der mittelalterlichen Litteratur findet sich allgemein der Ausdruck leien, wofür die Umgangssprache leinen hat, welches somit die Sangweise im Vortrage der Schriftabschnitte bezeichnet. Dass aber auch der Talmud singend vorgetragen wurde, ist bekannt und dürfte auf den Ausspruch in Megilla 32 zurückzu־ führen sein: Wer die Thora ohne Melodie (so ist נעימה zu übersetzen, wie ein anderes Mal nach gewiesen werden wird) liest und die Mischnah ohne Gesang recitirt, von dem sagt die Schrift (Jecheskiel 20, 26): Auch ich gab ihnen Satzungen, die nicht gut sind und Rechte, durch welche sie nicht leben. — Uebrigens berichten auch die Commentatoren von Mischnah-Handschriften, welche mit Accenten versehen waren. Solche Handschriften bewahrt noch heute die National-Bibliothek in Parma. Berliner.