Mannheim
Compact Memory

Magazin für die Wissenschaft des Judenthums · 1890-01-01 · 1 (1890) · p. Seite 318

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
Volume
17 (1890)
Issue
1 (1890)
Date
1890-01-01
Page
Seite 318 (sequence 325)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2572068-2572098-2572099--3888-2575830
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

318 Unter den ersten Reformpredigern ging der Hass gegen das traditionelle Judentum so weit, dass Manche es perhorrescirten, einen talmudischen Ausspruch als Text zu ihrer Predigt zu ge־ brauchen, Manche sich ob einer solchen Licenz wenigstens entschuldigen zu müssen glaubten (vgl. S. 117 im vorl. Werke), Andere glaubten,) nicht nur in der Form, sondern auch im Inhalte ihrer Predigten protestantische Muster nachahmen zu müssen.1) Diese Feind- Seligkeit gegen das Alte war erfreulicher Weise nur von kurzer Dauer, bald war bei den meisten, und gerade bei den besten jüdischen Predigern eine bessere Erkenntniss durchgedrungen, und auch die vorliegende ״jüdische Homiletik“ schliesst sich diesem Fortschritte an. Sie ist stets bestrebt, von dem Einflüsse fremder Religionsgebiete sich zu emancipiren und das specifisch Jüdische hervorzuheben, vgl. z. B.S. 30, 37, 51, 70, 151 u, a. Freilich ist damit der jüdische Standpunkt noch keineswegs betreten. Der Verf. ist der Ansicht, dass dem Gesetze der geschichtlichen Entwickelung in der Religion des Judentums unbedingt die Herrschaft einzuräumen sei. Jeder Ring in der Kette dieser Entwickelung ist ihm gleichwertig, und als solcher, nur als solcher erhält auch der Talmud von ihm seine Wertschätzung (S. 117). ״Dieser Glaube,“ meint der Verf., ״an die ununterbrochene Wirksamkeit des ״heiligen Geistes,“ d. h. an die Ewigkeit der göttlichen Offenbarung, deren erhabenster Träger Israel geworden, lehrt uns die jüngsten Manifestationen des Gottesgeistes ebenso hoch schätzen, wie die ältesten“ (S. 180f). Eine Kritik dieses Standpunktes und die Darlegung, zu welchen Consequenzen derselbe führt, ist hier nicht am Platze. Allein so viel muss behauptet werden: ״jüdisch“ ist dieser ״Glaube“ nicht. Nach der Lehre des Judentums hat Gott am Sinai sein unabänderliches Religionsgesetz offenbart als ein heiliges Ideal, das in Israel im Leben des Individuums sowohl, als auch im Familien- und Staatsleben verwirklicht werden sollte. Die ״Entwickelung“ alterirte nicht das Religionsgesetz, sondern nur das israelitische Volk, das sich durch Fortschritt in der Erkenntniss sowohl, als in der tkätigen Uebung des göttlichen Gesetzes dem göttlichen Ideale immer mehr näherte oder auch zeitweise sich von demselben entfernte. In allen Phasen der geschichtlichen Entwickelung Israels aber galt allgemein ג) Vgl. Philippson, die Rhetorik und jüdische Homiletik, nach dem Tode des Verf. herausgegeben von Kayserling. Leipzig 1890. (S. 54 und 101). Das Büchlein enthält die Abhandlungen, die Philippson bereits vor vielen Jahren au verschiedenen Stellen veröffentlicht hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.