Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Journal
- Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Volume
- 17 (1890)
- Issue
- 1 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 317 (sequence 324)
- Language
- German
- Belongs to
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317 Diese heilige Sitte hat sich in Israel auch das ganze Mittelalter hindurch bis auf die neueste Zeit erhalten, ״Gottesdienstliche verstündliche Vorträge sind in Israel stets üblich, nie ganz vernachlässigt gewesen; sie wurden, als aufs innigste mit den jüdischen Institutionen verknüpft, nicht blos zugestanden, sondern gefordert, und in einer zweitausendjährigen religiösen Litteratur haben sie sich ihr Denkmal errichtet“׳ (Ziuiz G. V. S. 458). IVenn dennoch die deutsche Predigt im Anfang dieses Jahrhunderts von vielen alten Rabbinern bekämpft wurde, so ist der Grund einfach darin zu suchen, dass die Einführung dieser berechtigten Institution zumeist mit andern religionsgesetzlich verpönten Neuerungen verbunden war. so dass man letztere als eine notwendige Folge der ersteren ansah. Erst nachdem unzweifelhaft gesetzestreue deutsche Prediger wie ßeniays, Adler, Hirsch, Plessner u. A. aufgetreten waren und gezeigt hatten, dass deutsche Predigt und Neologie nichts mit einander gemein haben, da drang bald, wenigstens in Deutschland, allgemein die Erkenntniss durch, dass die deutsche Predigt, wenn sie nur von jüdischem Geiste durchweht ist, als ein alter gottesdienstlicher Vortrag• in neuer zeitgemässer Form betrachtet und nicht nur geduldet, sondern angelegentlichst empfohlen werden müsse,1) -Wenn nun Maybaum (der allerdings S. 17 ff den geschichtlichen Sachverhalt nicht so darstellt), nachdem die Predigt von keiner Partei mehr bestritten wird und nachdem bereits in einer nicht unbedeutenden jüdisch-homiletischen Litteratur die jüdischhomiletische Praxis zur Darstellung gelangt ist, nun zum ersten Male den Versuch gemacht hat, in einer Theorie die Gesetze, nach denen die Kanzelberedsamkeit sich bisher vollzogen hat und weiter vollziehen soll, festzustellen; so kann er für diese seine ״jüdische Homiletik“ mit Recht den Anspruch auf nachsichtige Beurteilung erheben. Diese wird ihm auch von denjenigen zu Teil werden, die mit ihm nicht auf gleichem religiösem Standpunkte stehen und so manche Stelle seines Buches für nichts weniger als ״jüdisch“ erklären müssen. Wir sind ja oft genug bei Erscheinungen der neuern jüdischen Litteratur auf das Auskunftsmittel des R. Mei’r angewiesen, von guten Früchten so manche Schale zu beseitigen. Ja wir gehen noch weiter. Wir anerkennen, dass die ״jüdische Homiletik“ Maybaum’s im Vergleich zu den Maximen mancher früherer Reformprediger einen Fortschritt zum Bessern bekundet: ז) Dass die Anwendung der klassischen Rhetorik bei der jüdischen Predigt dem Geiste des Judentums nicht widerstrebt, zeigt schon die Lehre unserer Alten, dass die Schönheit Jephefs in den Zelten Senfs wohnen solle.