Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Journal
- Magazin für die Wissenschaft des Judenthums
- Volume
- 9 (1882)
- Issue
- 1 (1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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Recensionen. 57 Erwähnung der ältesten Citate deutscher Ausdrücke in jüdischen Quellen vermißt man Elieser b. Natan, der sich nicht selten der deutschen Sprache bedient. So (als Ergänzung zu S. 474 wähle ich dieses׳ Beispiel) findet man bei ihm das Wort ״Stegreif" in seiner ursprünglichen Bedeutung als Steg-reif, d. h. als der Ring, welcher beim Besteigen eines Pferdes benutzt wird, woraus die bekannte Redensart für ex tempore herzuleiten ist. Vergl. bei Schmeller 8. v. ״Herzog Ludwig gewann das Dorf mit Ge- Walt aus dem Stegreif, d. h. ohne vom Pferde abzusteigen. Daher sagen wir heute ״aus dem Stegreif sprechen," d. h. sofort und ohne Weiteres. — Für die an mehreren Stellen nachgewiesene Literatur jüdischdeutscher Glossarien sei hier auf die noch handschriftlich vorhandenen Sammlungen dieser Art in der Vaticana und Laurentiana hingewieseu, aus denen im Magazin für jüdische Geschichte und Literatur, Jahrg. 2 No. 1l Einiges mitgetheilt ist. — Was der Vers. (S. 286) von der Verbreitung des deutschen Wortes ״Jahrzeit" als Anniversarium mittheilt, beweist genug, daß es sich auf dem schriftlichen Wege der Literatur zu den Juden nichtdeutscher Sprache verpflanzt hat. So lautet es bei den Juden Roms noch heute Jahrzejat, was nur dadurch entstehen konnte, daß man das in jüdischen Quellen als nichthebräifch mit zwei Strichlein (so יארצ״ייט) bezeichnete Wort als zwei Wörter ansah und den den Italienern fremden Diphthonglaut in erwähnter Weise auflöste. Es sei bei dieser Gelegenheit auf ein anderes Beispiel von der Verpflanzung eines deutschen Wortes in einem Namen, der bei Juden verschiedener Länder vorkommt, hingewiesen. Der Personenname Wolf erhält mit Bezug ans die Worte im ersten Buche Mosis, Cap. 49 V. 27 den hebräischen Beinamen Binjamin, während man im modernen Leben dafür Wilhelm wählt, welchem im Französischen Guillaume und im Italienischen Guilielmo entspricht. Für jenen treten aber die französischen Juden und für diesen die italienischen Juden ebenfalls mit dem Namen Binjamin auf. Diese Gemeinsamkeit erklärt sich nur aus der ursprünglichen Wurzel ״Welf oder Guelf", welche bekanntlich in den Parteinamen Guelfen (Welfen) und Ghibellinen wiederkehrt. In den Namen der deutschen Juden ist überhaupt noch ein großes Kapital sprachlicher Beziehungen verborgen, dem sich der Vers.