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Central-Verein-Zeitung · 1933-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1933) · page 11

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1933
Issue
Heft 1-2 (Januar 1933)
Date
1933-01-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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II Wie Mt -te evangelWe Kirche zu den Men? Bon Professor 0. Wtndfuhr, Hamburg Die Juden machen in Deutschland zahlenmäßig zurzeit noch nicht einmal 1 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Wenn man sich das vergegenwärtigt, muß es zu Verwunderung Anlaß geben, daß die Judensrage bei uns eine so große Rotte spielt. Sollte man doch meinen, daß eine .. so geringe Zahl Menschen besonderer Art, über das ganze Land verteilt, sich einfach im Volke verliert. Allein mit den Juden geht es wie mit einem in der Schlacht heiß umstrittenen Hügel. Nicht die niedrige Erhebung an sich ist da von Bedeutung, sondern man ringt erbittert um sie, weil ihr augenblicklicher Besitz von ausschlaggebender Bedeutung für den Ausgang der ganzen Schlacht ist. Der Hügel bildet die Schlüsselstellung für Sieg oder Niederlage. So geht es bei der Judensrage letzten Endes auch nicht um die halbe Million Juden, welche in Deutschland leben. Vielmehr scheiden sich an ihr im Augenblick die. Geister. An der Stellung, die einer zu ihr einnimmt, kommt an das Licht, wie er zu den wichtigen Fragen nach Volk, Staat und letzten Bindungen überhaupt steht. Die Judenfrage wird so zu Exponenten der Welt- und Lebensanschauung im ganzen. Bei solcher Sachlage, wo man mit lautem Getümmel um die Juden, in Wahrheit aber um den Primat Gottes oder der Rasse kämpft, muß man ein besonders lebhaftes Interesse der christlichen Kirchen an der Judenfrage vermuten. Das aber ist, was wenigstens die evangelische Kirche als Gesamterfcheinung oder ihre einzelnen Teile anbetrifft, nicht vorhanden. Als Beweis , dafür darf auf die beiden letzten Jahrgänge zweier Zeitschriften verwiesen werden, in denen sich das Leben der evangelischen Kirche recht gut spiegelt, nämlich auf „Das Evangelische Deutschland", kirchliche Rundschau für das Gesamtgebiet des Evangelischen Kirchenbundes, und auf das „Deutsche Pfarrerblatt". Im „Evangelischen Deutschland" finden sich 1931/32 unter dem Stichwort „Judentum" im Register nur einige Mitteilungen über den Zionismus in Palästina, ferner Notizen über erfolgreiche jüdische Missionstätigkeit unter Christen in Amerika und über die Wanderung der Juden von Osten nach Westen. Es wird gelegentlich auf Grund von Nup- Pins „Soziologie der Juden" auf das starke, heute wohl kaum noch vorhandene Wachstum der Juden in den letzten dreißig Jahren hingewiesen, wird berichtet von einem angeblichen neuen Prozeß Jesu, der sich jedoch bei genauerer Prüfung als eine harmlose Unternehmung jüdischer Gelehrter in Jerusalem auf dem Gebiet der talmudischen Wissenschaft herallsgestellt habe, und von dein Komponisten Heinrich Schalit in München und feinem Versuch einer neuen jüdischen Kllltmllsik. Das alles sind Einzelheiten, die mit der eigentlichen Judenfrage kaum etwas zu tun haben. Im Inhaltsverzeichnis des „Pfarrerblattes" kommen im gleichen Zeitraum einschlägige Stichworte überhaupt nicht vor, falls man nicht einen Artikel „Luther über die Judentaufe" dahin rechnen will. Aus diesem Befund erhellt hinreichelld das nur ganz peripherische Interesse der Kirche am Judentum und die völlige Gleichgültigkeit der großen Masse der Pfarrerschaft ihm gegenüber. Selbst die mit dem Ziel eines Glaubenswechsels betriebene Judenmission ist weit davon entfernt, ein kirchliches Anliegen zu sein. Sie wird nur von kleinen privaten Kreisen getragen und fristet zurzeit ein recht kümmerliches Dasein. Die einzelnen Landeskirchen haben nun freilich Sorgen genug, welche die Beschränkung auf die eigenen Angelegenheiten vdllauf rechtfertigen. Kaum sind die durch weitgehende Trennung von Kirche und Staat bedingten Schwierigkeiten zur Erlangung neuer Verfassungen behoben und der Zusammenschluß der verschiedenen Landeskirchen unter dem Notdach des Kirchenbundes einigermaßen zuwege gebracht, noch ist die Tinte der Unterschriften unter den ersten Verträgen zwischen Staat und Kirche nicht getrocknet, und schon sehen sich die evangelischen Kirchen immer neuen, zum Teil aus der Ungunst der Zeit geborenen Nöten gegenüber. Die Finanzen leiden, nicht zuletzt unter der steigenden Unfähigkeit des Staates, die Zuschüsse in der vereinbarten Höhe weiterzuzahlen. Die von Moskau dirigierte Gottlosenbewegung, verstärkt durch den Kirchenhaß des an sich bedeutungslosen, von Ludendorff geleiteten Tannenbergbundes, tobt vor den Türen der Gotteshäuser. Das immer noch ausstehende Reichsschulgesetz, welches bte religiöse Erziehung der Jugend sicherstellen soll, bildet ein ernstes, die Zukunft unsicher lassendes Problem. Dazu kommen dann im Innern die Kämpfe um die dialektische Theologie und um die Anthroposophie, wie um die Bemühungen zur Umgestaltung der Liturgie mit katholisierenden Elementen. Das alles sind wahrlich Sorgen genug, die den Vorwurf unbillig erscheinen lassen, die evangelische Kirche schaue nicht Schloss von Selie -10 als eine Verschwörung der Talentlosen und Mittel m ä ß i g e n — jeglicher Konfession* — gegen das Genie war." (Sperrungen vom Verfasser.) Was hat das dann noch mit den Juden zu tun? Warum verunglimpft nmit sie, wenn man die M i t t e l m ä ß i g e n meint? Warum ist Chamberlain so feige und stellt das nicht sest? Warum macht er sich des Verbrechens der lieblosen Verurteilung von solchen, die er gar nicht verurteilen will,, schuldig? Nun, weil es sehr, sehr menschelte ... bei ihm wie bei Wagner. Wir glauben aber, daß dieser geradezu klassische Fall uns wieder einmal die furchtbare kulturelle Gefahr zeigt, in der wir schweben, wenn weiterhin — entgegen der besseren Ueberzeugung! — jüdisch gleich schlecht gesetzt wird. Sagen wir uns alle gründlich davon los, aber so gründlich, daß dieser weltgeschichtliche Schandfleck, dem auch ein Genie wie Wagner zum Opfer fiel, mi§ dem Sinnen und Tun der Menschen verschwindet über den eigenen Gartenzaun hinaus auf die Juden. Ganz so weitgehend, wie es nach alle-« dem scheint, ist die Gleichgültigkeit dev Kirche in diesem Betracht nun freilich doch nicht. Nur wird hier die unmittelbare Beziehung ersetzt durch die mittelbare über den Nationalsozialismus. Sein Auftreten und seine stark mit antisemitischen Gedanken durchsetzte Geisteswelt zwingt die Kirche unabweislich zur Stellungnahme auch in diesen Dingen. Und wenn man eine solche heilte noch nicht auf öffentlichem Markte verkündet, so wird sehr bald bte Zeit kommen, wo ihre Aeußerungen an jedermanns Ohr dringen. Bei den kürzlich abgehaltenen Wahlen zu den kirchlichen Körperschaften in Altpreußen konnten die „Deutschen Christen", das sind in: wesentlichen die Anhänger der NSDAP., auf Anhieb den dritten Teil der Mandate gewinnen. Charakteristisch für diese neue kirchliche Gruppe ist bekanntlich ihre Forderung, das Alte Testament als Dokument des Judentums aus dem kirchlichen und unterrichtlichen Gebrauch zu schaffen. Wie aber das Neue Testament und mit ihm die evangelische Kirche weiterbestehen sollen, wenn man ihnen das geschichtliche Fundament unten wegzieht, ist eine Frage, welche zeigt, vor welch ernste Entscheidungen bei einer Verfestigung jenes Wahlausganges zunächst die Kirche der altpreußischen Union und später bei gleichen Verhältnissen auch die anderen Landeskirchen gestellt sein lverden. Mag immerhin, eine akute Gefahr im Augenblick noch nicht vorliegen, weil in den wichtigsten kirchlichen Verfassungen das synodale Element sehr stark durch das konsistoriale gedrosselt wird — ein Stück konservativer Erbschaft aus den Zeiten der fürstlichen Kirchenoberhoheit —, so wird sich doch auf die Dauer der aus den einzelnen Kirchenvorständen hervorgehende Wille der Volkskirche, wie sie auf evangelischer Seite grundsätzlich nun einmal vorliegt, nicht hintanhalten lasten. Brennend ist zurzeit nur die Frage der politischen Pastoren, mit der sich in der Tat auch das „Pfarrerblatt" in zahlreichen Artikeln beschäftigt hat. Dem Pfarrer etwa die Ausübung seiner ihm von der Reichsverfastung garantierten politischen Rechte zu untersagen, besteht natürlich weder der Wille noch die geringste Möglichkeit. Jede von seiten einer Kirchenbehörde in diesem Sinne versuchte Behinderung würde von vornherein von Rechts wegen völlig wirkungslos bleiben, soweit nicht etwa, wie im Falle des zum Kommunismus übergegangenen Pfarrers Eckert (Mannheim), die politische Tätigkeit des Geistlichen zu einer unmittelbaren Gefährdung der Kirche sich auswächst. Entscheidend kann hier letzten Endes nur das sittliche Urteil des einzelnen Pfarrers selber sein, welches ihm sagt, wie weit er, ohne seiner Amtspflicht gegenüber der Gemeinde und der Kirche Abbruch zu tun, bei seinem politischen Auftreten gehen darf. Den katholischen Priester leitet auch in diesen Dingen der Wille seines Oberhirten.. Seinen evangelischen Amtsgenosten vermag, wenn auch nicht entscheidend, so doch eindringlich beratend beim selbst zu verantwortenden Entschluß höchstens das Allgemeinempfinden der Kollegenschaft eine Hilfe zu bieten. Da aber stehen sich einstweilen noch im Kreise der Pfarrer

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