Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 13. Februar 1933 Richard Wagners Stellung zum Judentum Bon Hans Hartmann? Richard Wagner wird von den Judenfeinden als einer ihrer Häüptkronzeugeu angesehen. Es wird vieler Mühe bedürfen, nach den Wagner- Feiern festzustellen, wie man Wagner im antisemitischen Sinne ausgeschlachtet hat, wie nun; ihn zitiert, wo man ihn falsch zitiert und wo man abschwächcnde oder gegenteilige Äußerungen unterdrückt, auch ob man psychologisch vorging nnd gerade bei einem so reizbaren Manne wie Wagner nach den Motiven fragte. . Der Erleichterung dieser Arbeit soll die folgende Betrachtung dienen. Sie legt „objektives" Material vor urtb gibt zudem eine Beurteilung nach psychologischen Maststäben. Aber zuvor sei eine kurze Besinnung darüber gestattet, was es überhaupt bedeutet wenn überragende Geister zum Judentum Stellung nehmen, und was es bedeutet, wenn wir uns im Kampfe des Tages darauf berufen. Man kann hier geradezu von einer „Ambivalenz" sprechen, und es ist nicht ganz leicht, zwischen den beiden ertremen Standpunkten hindurchzusteuern. Der eine meint, auch ein Genie sei nicht gefeit gegen Fehl- und Kurzschlüsse, ein Mann wie Wagner sei schon in. seinem eigentlichsten Bereich, dem der Kunst, nicht ganz objektiv gewesen, (man denke an seinen, freilich von den Anhängern stark übersteigerten Gegensatz zu Brahms), und so komme seinen Urteilen über andere Fragen der Wissenschaft und des Lebens erst recht keine ernsthafte Bedeutung zu. Die anderen meinen, das Genie als einen solchen Glückssall der Menschheit betrachten zu muffen, das; man jedes .seiner Worte Prüfen und wägen müsse. Wie man es bei Goethe tut .... . - Die wiederholte Lektüre von Wagners Schriften zeigt ein erstaunliches Ausgreisen nach allen Seiten, eine Fülle von Gedanken und Urteilen, die dem Beurteiler ein Uebergehen auch nur euws Gebietes, das Wagner selbst wesentlich erschien, unmöglich macht. In konzentrischen Kreisen umschreibt Wagner immer wieder die großen Fragen des Daseins, im Mittelpunkt steht seine Idee von der Regeneration der Menschheit — eine Frage, die jüdischem Denken doch wahrhaftig nicht gleichgültig ist! —, sein künstlerischer Humanismus ist ein so in sich geschloffenes Gebilde, und bei aller" Romantik in der Fvrm steckt doch eine so große Gewissen- Arftigkeit hinter seinein Wollen, daß, wer sich ein Urteil anmaßen will, scharf -hinhörenmust, was er eigentlich sagt. Wenn mail dann aus der ' Sache heraus urteilt ltnb seine Ansichten Nicht übernehmen kann —^ so tut das der Verchrung seines künstlerischen Genies keinen Abbruch/ . Für diejenigen, die die Materie nachprüfen wollen/feien kurz die Quellen angegeben.. 1850, L^Isg inr Alter -von 37, Jahren, schrieb Wagner zum ersten Mtale über die Juden, und zwar in seiner Schrift „D a s I ud e n. L u m in der Musik", ihr liest er eine Erläuterung von gleicher Länge folgen, und .zwar aus Trrpbschen zu Neujahr 1869 in piner an Frau Marie Muchanosf, geborene Gräfin Nesselrode, gesandten Schrift „A ü f k l ü r u n g e n über das Iudeu tu in in der Mu s i k" (in der Ausgabe von Breitkopf u. Härtel, Äand 8, Seite 238). Dazu kommen noch gelegentliche Bemerkungen aus kleineren. Schriften, so aus den „Ausführungen zu Religion und Kunst", 1. Abschnitt „Erkenne dich selbst^ oder aus den; kleinen Aufsätze „Modernd (Beides Band 10.) Der letztere beginnt mit einem Knalleffekt, und da hier das niedrige Niveau des antisemitischen Kampfes sofort erreicht wird, sei dieser Anfang wiedergegeben. Wagner zitiert „eine bedeutsame jüdische Stimme" aus einer ihn; zugesandten Flugschrift, die folgendermaßen schließt: „. . . denn in der Tat arbeitet jetzt das deutsche Judentum so kräftig, so riesig, so unermüdet an der neuen Kultur und Wissenschaft, daß der größte Teil des Christentums bewußt oder unbewußt von dem Geiste des modernen Judentums geleitet wird. Gibt es doch heutzutage fast keine Zeitschrift oder Lektüre, die nicht von Juden direkt oder indirekt geleitet wäre." Wagner knüpft daran an und schildert unter vielen Seitenblicken auf Frankreich den Einbruch der Juden in die deutsche Kultur, der sie weder sprachlich doch sachlich gewachsen gewesen wären, so daß beide sich im tiefsten Grunde fremd geblieben seien. Hier nun ist Wagners eigentliche starke — oder, wie wir ernennen werden: schwache — Stelle. Der F r e m d h e i t s k o m p l e x steht im Mittelpunkte seiner Auffassung. Nnd er sieht ihn im wesentlichen vonder Musik her. Das — wörtlich zitiert — „unwillkürlich Abstoßende, das unangenehm Fremdartige, die rein sinnliche Kundgebung der jüdischen Sprache, der Begriff des gebildete;; Juden, der sich . die undenklichste Mühe gegeben habe, alle ausfälligen Merkmale seiner, niederen Glaubensgenoffen von sich nbzustreifen" —. all diese Dinge, nnd noch viel mehr, stehenj in der ersten Schrift Wagners. Zu einer ernsteren. Höhe erhebt sich Wagner erst in jener zweiten Schrift, den „Aufklärungen" von 1869. Um ihr gerecht zu werden, beseitigen wir erst den unangenehmen Geschmack, der/, uns von der ersten übrigbleibt. Wagner läßt immer wieder mit einer geradezu grotesken Deutlichkeit durchblicken, daß er sich der Verfolgungen seitens der „jüdischen" Preffe erwehren müsse. Sein Motiv zur Gegenwehr, wie er sie leider für nötig hielt, ist also ganz egoistisch. Er.war ja darin überhaupt von einer nicht zu überbieteuden Naivität. Der jüngst verstorbene Prager Philosoph ieprofeffor Christian, von Ehrenfels, der zum Kreis der engeren Wagner- Freunde gehörte und in seiner Jugend zu Fuß von Prag nach Bayreuth pilgerte, erzählte mir einmal mit ganz - unbekümmerter Freude, Wagner habe in Bayern in seiner Glanzzeit in einem Abteil erster Klaffe gesessen und wollte einsteigenden Reisenden: nicht Platz machen. Als der Schaffner energisch wurde, fuhr er diesen an: „Aber wissen Sie denn, wer ich bin?" Ich erwähne das, weil solche kleinen Erlebnisse tief in die psychische Struktur eines Menschen — auch eines Genies! — blicken lassen. Der psychische Verlauf ist nämlich bei den größeren Pingen genau so! Und wenn man so zu den Wurzeln hinuntergräbt, wird manches erklärlich und dadurch freilich nicht „wahrer", sondern in Staub aufgelöst.. Alles, was aus Ressenti m e n t geboren ist, ist unzulänglich und fatal, und so auch der Wagnersche Antisemitismus. Und — wenn noch eine kleine Demerkuüg .'erlaubt ist: wie hält sich Wagner über jüdische Musikwerke auf, die den Eindruck hervvrriesen,. als ob ein Goethesches Gepicht in; jüdischen Jargon vorgetragen würde.. Ob .es wirklich ein Unterschied war, wenn Wagner in sächsischem Dialekt den „Tristan" Vvrlas (inan . denke: „Nie Mieder.erwacheris wahulos hold bewußter Wunsch"' auf sächsisch!)) sti > dahin-, gestellt' > . Aber. nun zu der Formulierung aus der späteren Schrift. „In jenem Aufsatz über das Judentum, zeigte ich, . . . daß es die Schwäche und Ünsähigkeit der nnchbeethoveüschen Periode unserer deutschen Musikproduktion war, welche die Einrnischung der Juden in dieselbe zulieh: ich bezeichnet alle diejenigen unserer Musiker, welche in der Verwischung des großen plastischen Stils Beethovens die Ingredienzien für die Zubereitung der neuen gestaltuugslosen, seichten, mit de;n Anscheine der Solidität matt sich übertünchenden Manier fanden und in dieser nun ohne Leben und Streben mit duseligen: Behagen so weiterhin -komponierten, als in dem von nur geschilderten Musikjudentum durchaus inbegriffen, möchten sie einer Nationalität angehören, welcher sie wollen." Das Pathos Wagners gegen alles Seichte in allen Ehren: hier spricht das Genie, und wir beugen uns vor ihm, zumal er ja durch die Tat bewies, daß er es besser machen konnte. -Mer: ist es nicht ganz fatal, daß Wagner hier jener Kurzschluß — man muß schon sagen.— passiert: alles Schlechte, auch wenn es nicht durch I u d e n geschieht, ist jüdisch!! Hiermit richtet sich Wagners Antisemitismus selbst. Und ,',er gibt uns selbst den Maßstab zu seiner Beurteilung in die Hand. Wir brauchen gar nicht zu jener billigeren Methode zu greifen und darauf hinzuweisen, daß Wagner Geld, Forderung .und Mitarbeit von Juden gern nahm — es sei nur an seine enge Freundschaft mit Kapellmeister Levy erinnert —, wenn sie sich ihm boten. Nein, im rein Geistigen, in der nicht mehr sauber zu nennenden Ableitung, in der Vermischung der Begriffe liegt der-Todeskeim. Daß man mit dieser -Methode eine Unzahl Menschen, nämlich jüdische Menschen', aufs tiefste beleidigt, wenn man schlecht gleich jüdisch setzt, scheint Wagner ebensowenig wie allen, die denselben stereotypen Gedanken vertreten, ausgefallen zu sein. Und-das wiegt nun freilich bei ihm schwerer. Nicht nur, weil er ein - Genie war. /Sondern, weil er wirklich ehrlich nach einem Mahren, großen; volkhaften Humanismus strebte. - Und weil ihm ganz klar war, daß die Christen an der Schaffung jenes Fremdheitskonrplexes schuld waren. Schon in seiner ersten Schrift (von *18503 sagt er: „Daß das geschichtliche Elend der Juden und die räuberische Roheit der christlichgermanischen Gewalthaber den Söhnen Israels diese Macht selbst in die'Hände geführt haben, braucht hier nicht erst: erörtert zu werden." Nun, schärfer kann man das nicht gut ausdrücken. Um so fataler die Gesainthaltung zum Judentum bei Wagner ... . ' Chamberlain, der Antisemit/ der .in seiner Wagner-Biographie eine Anzahl (gar nicht zur Sache gehörender) antisemitischer Stimmen bringtv e r a l l g e m e i n e r t z u 11 n re ch t, wenn er. schreibt: „Der Verderb des Blutes Und der demoralisierende Einfluß des Judentums, das sind also nach Wagner die tiefsten Ursachen unseres Verfalls." Nein: der Antisemitismus ist bei Wagner eine bedauerliche Seitenlinie, aus Ressentiment und U n - sichert) eit geboren, die mit seiner wahren und tiefere;; Weltanschauung nichts zu tun hat imfr bic. sich durch jene Einschränkung „schlecht gleich Misch" von selbst ad absurdum führt. Schlimm, ist nur die Ge.da;llenverwirrung bei Chgmberlaiu, der Pas gleiche weiß und doch Antisemit bleibt. ^.Er bekennt, daß Wagner den s^rrkehr. upd die Freundschaft mit Juden nicht gemieden habe, nnd. ,-daß diese , ganze .Hetze * gegen Wagner nur bei den schlechteren Elementen des. ..eigentlichen Judentums Unterstützung fand und' i n W a h r h e i t u i ch t s a u b e r e s