Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1L extreme Anschallungen gegenüber. Wäherlassen vom Landeskirchenaml der thürinrend manche eine Politische Betätigung des gischen Kirche, welche die Freilassung der Geistlichen überhaupt ablehnen und frei- Kanzel von politischen Auslassungen fot* Milligen Verzicht auf sie fordern, wollen dert und im übrigen für ein Maßhalten andere sie durch keine kirchlichen Rürksichdarin eintritt. tarn eingeengt sehen. Richtungweisend zur Man w,rd also abwarten müssen, wo- Bildung einer öffentlichen Dteinung in hin die Meinung der evangelischen Kirche dieser Frage war eine „Dienstanweisung sich entwickelt. Bis diese Entwicklung gu über politische Betätigung des Pfarrers", einem einigermaßen festen Abschluß ge- Die Quellen -es Vaterunsers von D. iheol. §iebig in Leipzig Wir haben das Vaterunser im Neuen Testament in Zwei Formen. Lukas 11, 1—4, hat es nur fünf Stücke, Matthäus 6, 9—13, zeigt es sieben Teile. Andere Unterschiede kommen hinzu, die jeder leicht seftstelleä laun, wenn er einen guten Text des Neuen Testamentes nachschlägt. Ein wirkliches Verständnis dieser Lage der Ueberlieferung ist nur möglich, wenn man eine Reihe von Eigentümlichkeiten der rabbinisch-hebrnischen Ucberliefernngen — natürlich auch der aramäischen — kennt und im besonderen eine Reihe von jüdischen Gebeten, die bis auf den heutigen Tag im Gebrauche sind, zuni Vergleich mit dem Vaterunser heraiiieht. Diese Gebete sind: das Kaddisch, das lchtzehngebet (Leb'monod esre), ein jüdisches Morgen- und Abendgebet und — für den Schluß des Vaterunsers — das Gebet Davids, 1. Chronik 2Ü, 10—13. Im K a d d i s ch finden sich folgende Worte: „Groß gemacht werde und geheiligt werde sein großer N a m e in der Welt, die er geschaffen hat nach seinem Willen; und er lasse herrschen seine Königs her r - sch a ft in euren Lebzeiten und in euren Ta gen und zu Lebzeiten des ganzen Hanfes - Israel in Eile und in naher Zeit" — und im Vaterunser heißt es: „Geheiligt werde dein Name, es möge kommen deine Königs- Herrschaft, es geschehe dein Wille, wie :m Himmel, (so) auch auf Erden." Im Achtzehn gebet heißt es z. V.: „V ergib uns, unser Vater; denn nur sündigten an dir, wisch weg unsere Verfehlungen vor deinen Augen." Ferner: „Segne für uns, Herr, unser Gott, das Jahr und sättige die Welt von den Schätzen deiner Güte," — Im Vaterunser heißt es: §,Unser täglich Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie nur vergeben unseren Schuldigern." In dem bereits im Talmud, Vcrakhoth Blatt 60b, vorhandenen Abend- und Morgengebet heißt es: „Bringe mich nicht weder in die Hände einer Sünde,'noch in die Hände einer Versuchung, noch in die Hände von Schmach, lind es herrsche über mich der gute Trieb, und nicht herrsche über mich der böse Trieb; und hilf mir vor einen: bösen Vegegnrs und vor bösen Krankheiten; und nicht mögen mich beunruhigen böse Träume und b ös e Gedanken usw." — Und im Vaterunser lesen wir: „Bringe uns nicht hinein in Versuchung, sondern errette uns vor dem Bösen." Das ist der Tatbestand, den es zn erklären gilt. Dieser Ausgabe kann sich nievraud entziehen, sobald er von diesem Tatbestand Kenntnis erhalten hat. Leider ist solche Kenntnis noch immer nicht weit genug -unter Christen verbreitet. In meinem Buche: „Das Vaterunser, Ursprung, Sinn und Bedeutung des christlichen Hauptgebetcs" (Gütersloh, Bertelsmann, 1927) habe ich diese ganzen Fragen ausführlich behandelt. - Der Schluß des Vaterunsers, den wir gewöhnt sind: ^,Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit" steht in den ältesten Handschriften des Neuen Testaments nicht. In den! Gebet Davids lesen wir im Alten Testament: „Dein, Herr, ist die Größe und die Kraft und die Verherrli ch u n g und der Ruhm und die Pracht, wie alles im Himmel und auf Erden, dein ist die K ö n i g s h e r r s ch a s t." Bereits in der ersten Hälfte des zweiten christlichen Jahrhunderts hat das Vaterunser in der sogenannten „Lehre der zwölf Apostel" den Schluß: „Denn dein ist die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit." In Kürze sei zn den Fragen, die sich hier aufdrängen, folgendes gesagt: Meines Wissens gibt es nirgends in der r a b b i n i f ch^e n Literatur ein Gebet, das alle die Stücke, zusnmmeugefnßt in ein einziges Gebet, enthält, die das Baterunser bietet. Bon hier ans würde man also sagen: „Die Eigenart des Vaterunsers besteht darin, daß es gerade die Stücke vereinigt, die es enthält." Ferner: „Sicher ist, daß das Vaterunser eine Fülle von Merkmalen zeigt, die es als palästinensisch, als hebräischaramäisch und aufs engste mit dem jüdischen Mntterboden zusammenhängend a n s w e i s e n. Ans der hellenistischen christlichen,,Gemeinde kann es also nicht stammen. Bisher von mir noch nicht genannte hebräische Eigenschaften des Vaterunsers sind: Die Fünfzahl der Stücke bei Lukas itub die Siebenzahl der Stücke bei Matthäus; die Zwei- und Dreigliedrigkeiten die sich in ihm finden; die Form des Gebetswnnschs, im Unterschied von der direkten Bitte des Zweiten Teiles des Vaterunsers, im ersten Teil dieses christlichen Hanptgebetes, die Gebetsgliederung in einem vorangestellten mehr hymnischen Teil, der Gottes Angelegenheiten behandelt, und einen zweitenTeil,'der dann erst die Angelegenheiten des Menschen betrifft. Zur Originalität des Vaterunsers wäre weiter zu sagen: In: Vergleich mit den angeführten jüdischen Gebeten fällt ans, daß es so kurz wie nur irgend möglich modelliert worden ist. Natürlich kennt auch das Judentum sehr kurze Gebete. Sicher ist, daß jeder Jude ohne weiteres das Vaterunser beten kann. Sicherlich wird er es nicht tun. Und, wenn er es täte, würde er es in seiner Weise auffassen und mancherlei, was ihm am Herzen liegt, dabei vermissen. Die Eigenart des Vaterunsers liegt auch in dem, was es wegläßt, ums es nicht enthält. Man sieht das, wenn man das Kaddisch und das Achtzehngebet mit dem Vaterunser vergleicht. Alle Bitten, die sich auf das Volk Israel beziehen, sozusagen alles National-Völkische, fehlen im Vaterunser. Schwerlich hat die Ueberlieferung unrecht, wenn sie das Vaterunser auf Jesu's"zurückführt. Es stellt eiue Tat dar, die ohne Zweifel mindestens in die Palästinensische Nrgemeinde hineinreicht. Bis auf den heutigen Tag kann dieses Gebet, wie das sicherlich seiner ursprünglichen Absicht entspricht, ans das Gebetsleben reformierend und regulierend einwirken, und zwar besonders auch auf das christliche Gebetslcben. Kaddisch, Achtzehugebet, Morgen- und langt ist, kann diese Neligionsgemeinichaft Äs sicherer Faktor in die RechnMz ßmht eingesetzt werden. Bedauernswert watees, wenn das Ergebnis sich erst spät auf Grund einer allgemeinen Willensbildung ^instellte, anstatt rechtzeitig genug aus dett eigenen Kräften des Evangeliums heraus selber die allgemeine Willensbildung zr< beeinflussen. Abendgebet sind mindestens in mancherlei Elementen schon in Jesn Zeit vorhanden gewesen. Der Ursprung der Einzelstücke des Vaterunsers liegt deutlich im Judentum. Aber daraus folgt nicht, daß es nichts Christliches an sich hätte. Es gilt hier, wie sonst oft bei religionsgeschichtlichen Vergleichen, der bekannte Satz: „Wenn zwei dasselbe sagen, so ist es nicht dasselbe." Sekermtnis zur Heimat Wenn ich, so oft höre, daß der Jude ein Fremdling ist auf deutscher Erde, daß er kein Heimatgefühl kennt, so schmerzt mich das. Es ist wohl das schlimmste, was einem Menschen geschehen kann, wenn man ihm die Heimat abspricht, wem: man ihm das Heimaterleben nimmt. Doch resigniere ich nicht. Ich glaube an den guten Kern im deutschen Volke. Ich liebe mein deutsches Vaterland, seine Wälder, seine Flüsse, seine Gebirge, seine Seen aus tiefster Seele. Wenn ich auf rneinen Wanderungen in frecheren Jahren am frühen Morgen durch die Fluren zog, wenn mir die Sonne so hell leuchtete und die Vögel sangen, da war ich froh und jubelte, und niemals ist mir der Gedanke gekommen, auch nicht einmal in meinen: Unterbewnßtsein, ich sei ein Fremdling aus deutscher Erde, weil ich ein Jude bin. Niemals. Ich bin bodenständig; die deutschen Lande mein Vaterland, meine Vorfahren haben auf deutschem Boden gelebt. Mein seliger Vater kannte nichts Schöneres, nichts Erhabeneres, als im Sommer am Sonntag in aller Frühe auf eigenen: Grund und Boden zu sitzen und ins herrliche Grün zu schauen. Grundbesitz war ihm das stete Verbünde n s e i n m 11 der N a t u r. Uud im Herbst: weinte er mitunter aus Freude über den Gottessegen, der ihm beschieden war, nach einen: langen, arbeitsreicher: Leben, wenn er auf eigenem Grund und Boden das schöne Edelobst Pflücken konnte, um es an Arme zu verteilen, und niemals hat mein seliger Vater einen Unterschied zwischen, den Konfessionen gemacht. Wer bedürftig war, der beüun. Ein stilles Gebet «ließ ihn dem Allmächtigen danken. Wer . konnte solche Liebe zu deutsch«:: Boden empfinden? Doch niemals ein Fremdling. Und wögen jene noch soviel Gründe hervorbringen, mein Heiumterleben, rneine Verbundenheit mit der Heimat lasse ich mir niemals nehmen. Niemals. Und so wie ich denker: Tausende andere auch. Als der Krieg ausbrach, zog die wchrfähige Generation zu den Fahnen; die Juden schlossen sich nicht aus, sie brachten das Blutopfer, und so manches alte Mütterchen weint noch heute mm ihren einzigen Sohn. Wer vermag guten Gewissens und Glaubens den Juden ihr Deutschtum abznsprechen? Fritz Selbiger., Verlag Central verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V., Berlin 'lVIb, Dnser Str. 42. Lei.- Adr.: Contra lglauben Berlin. Postscheck Berlin 80473. fnupifchriftleiter: Dr. Ludwig Holländer.— errmt wörtlich: Dr. M a rg a r e t e. E d^e l h e i m. Beide Berlin W15. — Druck: Rudvlf Mvssv, Berlin SW 100. . , . ,