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Central-Verein-Zeitung · 1933-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1933) · page 9

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1933
Issue
Heft 1-2 (Januar 1933)
Date
1933-01-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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arm an Genie und' futhueffec Produktivität. Kretschmer belegt seine Theorie mit interessanten Karten, die die Geburtsorte deutscher Dichter, Maler und Musiker darstelleil. Schließlich behandelt der berühmte Historiker der Leipziger Universität, Professor Walter Goetz, das Thema „Nasse und Geschichte". Er übt an den Grundlagen des Rassenwahns scharfe Kritik. Er stiinint dein großen Ethnologen W. Schmidt zu, der gesagt hat: „Die Seele als solche hat keine Rasse." Auch die Behauptung von dem scharfen Gegensatz zwischen Jndvgermanen und Semiten erweist sich als hinfällig. Hervorragende Forscher vertreten ja den Standpunktdaß die Völler dieser Kulturkreise aus gemeinsamer Wurzel entstanden sind. Graf Gobineau, der Schöpfer der Rassenlehre ZU seinem Sv. Todestage / Von vr. h. c. Friedrich v. Oppelri-Droriitowskl Kürzlich jährte sich zum fünfzigsten Male der Todestag des Grafen Joseph Arthur de Gobineau, der auf der Rückreise nach Nom einsam und verbittert in Turin starb. Einwechselvolles, seltsames und tragisches Schicksal war diesem französischen Diplomaten beschieden, der als Dichter wie als autodidaktischer N a s s e n f o r s ch e r in seinem Vaterlande nur wenig Beachtung gefunden und scharfe Ablehnungen erfahren hat; erst in Deutschland, dem er wenig hold war, gelangte er — auf dem Weg über Richard Wagner und den Bayreuther Kreis — zu später Berühmtheit und übte dann nach seinem Tode durch den eingedeutschten Engländer Houston Stuart Chamberlain, Wagners Schwiegersohn, und seinen deutschen Uebersetzer und begeisterten Vorkämpfer, den Wagnerianer Ludwig S ch e m a n n , den nachhaltigsten und aufwühlendsten Einfluß aus. Als Dichter ist er uns vertraut geworden durch seinen großen historischen Freskenzyklus „Die Renaissance", der ebenso wie seine reizenden „Asiatischen Novellen" in Neclams Universalbibliothek weiteste Verbreitung.. gefunden hat, aber auch sonst immer wieder in neuen Verdeutschungen erschienen ist. Seine schroff aristokratische Geisteshaltung ist . von tiefem, noch nicht genug gewürdigtem Einfluß auf die Uebermenschenlehre und Herrenmorat Friedrich Nietzsches geworden, der ihn durch Wagner und Bayreuth, kennenlernte, und sein großes Werk „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen", worin er die allein kultürschöpferische Macht der ^arischen" Rasse und den hoffnungslosest Verfall jeder Kultur durch Rassenmischung nachzuweisen suchte, ist zum Evangelium unserer heutigen Rassenideologie geworden, obwohl , die wissenschaftlichen Grundlagen seiner Lehre längst überholt und unmöglich geworden sind. Auch der neueste deutsche Rassenapostel Herman W r r th, der heute so viele Köpfe, namentlich die der studierenden Jugend/ verwirrt, verschiebt das Problem nur über die Jndogermanen hinaus in die Urzeit. Diese starken, teils verhängnisvollen .. Nachwirkungen legen es nahe, am 50. Todestag, dieses eigenartigen und vielseitig begabten Mannes auf seine Gestalt wie auf seine Lehre einen Rückblick Zu werfen. Ueber beides liegt seit 1903 ein systematisches und kritisches Werk eines Soziologen von Rang, seines Landsmanns und Standesgenossen Baron Ernest Leittiere, vor, und die stärksten linguistischen Einwände gegen seine Lehre hat schon kurz nach Erscheinen seines „Versuchs" der berühmte höllische Sprachforscher August Pott in seinem noch heute grundlegenden Werk „Die Ungleichheit der Menschenrassen, hauptsächlich vom sprachgeschichtlichen Standpunkt" (Lemgo 1856) erhoben. Heilte hat die vergleichende Sprachwissenschaft, die aus der Erkenntnis der indogermanischen oder „arischen" Sprachverwandtschaft die weitgehenden Schlüsse auf Rasse und Kultur dieses Sprachkreises zog, die Führung an die Anthropologie und die Prähistorie abgetreten,, und die zahllosen Ausgrabungen der Neuzeit haben Mommsens Wort bewahrheitet, daß der Spaten klüger ist als die Gelehrten. Die Sprachwissenschaft aber, deren Schlußfolgerungen die ganze Geschichtsphilosophie des 19. Jahrhunderts beherrschten, ist zur Hilfswissenschaft geworden, und ihre Ergebnisse können nur da Allgemeingültigkeit beanspruchen, wo sie sich mit denen der anderen Disziplinen decken. So bleibt von Gobineaus wissenschaftlichen Grundlagen kaum noch etwas übrig; ja häufig trifft das Gegenteil von dem zu, was er für Wahrheit hielt. Die Herkunft der Jndogermanen aus Mittelasien ist längst als Trugschluß der Indologie erkannt; ein maßgebender Vertreter der Vorgeschichte, der Altmeister Carl Sch u chh a r d t, sicht die Urheimat des (Postulierten) indogermanischen Urvolks in Mitteldeutschland; andere suchen sie im hohen Norden oder in Südosteuropa, jedenfalls nicht in Asien, und ähnlich verhält es sich mit der von Gobineau behaupteten Herkunft der Mongolen aus Amerika. Damit wird seine ganze krause Völkerkarte hinfällig, und es wäre ein müßiges Spiel, sich mit seiner Lehre noch wissenschaftlich auseinanderzusetzen oder auf seine halsbrecherischen. Etymologien einzugehest, die den neuesten von Herman Wirth oft verzweifelt ähnlich sahen. Es bleibt nur festzustellen, daß Gobineaus Schlüsse aus diesen hinfälligen Voraussetzungen ebenso ungünstig für die großen Kültürkreise des Akten Orients und des klassischen Altertums sind, deren grundlegende .Bedeutung für unsere europäische Kultur mit jeder neuen Ausgrabung immer mehr zutage tritt, wie seine Urteile über Rasse, Wesen und Kultur des deutschen Volkes. Die Ausprägung reinen Ariertums sieht er vor allem in den skandinavischen Ländern ustd in England. Von einem norwegischen Wikinger, dem „Seeräuber Ottar Jarl", der die Landschaft Braye in der Normandie erobert hat, leitet er denn auch die Herkunft seines eigenen Geschlechts üb, und seinen „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen" widmet er dem als reaktionären Autokraten berüchtigten König Georg von Hannover, dessen Familie seit dem 18. Jahrhundert auch in England herrscht. Hier erfassen wir die tiefsten Antriebe, die Gobineaus ganzes Denken und Schaffen geleitet haben. Der aristokratische Verächter der modernen Demokratie hat es nicht verschmäht, die moderne Wissenschaft, das Lieblingskind dieses dernokratischen Zeitalters, zum Beweis für seine aristokratischen Thesen aufzubieten, um dies Zeitalter mit seinen eigenen Massen zu schlagen und sich selbst ihm gegenüber zu rechtfertigen, sich sein eigenes reiches Wesen zu erklären und sein ganz unbedeutendes Geschlecht zu verherrlichen. Sein großes Merk, der „Versuch", das die Kräfte seiner ganzen Jugendzeit (1836 bis 1849) verschlang, hat ihm nach eigenem Geständnis nur als Vorarbeit und ungeheurer Sockel für sein letztes Alterswerk, die „Geschichte Ottar Jarls unb seiner Nachkommen", gedient, deren letzter, kinderloser er selbst war. Wie Cyrano de Bergerac in Nvstands Drama mit dem Wort „men Panache" („mein Wappenschild", wie es Ludwig Fulda verdeutscht hat) starb, so Gobineau mit seiner eigenen Apotheose. Und dieser Cyrano war tatsächlich ein Landsmann Gobineaus, ein Südfranzose mit lebhafter Einbildungskraft, und ein Aristokrat, der sich als Dichter und wissenschaftlicher Schriftsteller einen Namen zu machen suchte, aber von den Zeitgenossen vergessen wurde, während Moliöre sich mit seinen Federn schmückte. Diese gerneinsamen Züge tarrchen beide Gestalten in das Zwielicht einer schmerzlichen Tragikomödie. Ernest Leittiere hat in seinem schon genannten Buch „Be Comte de Gobineau et TAryanisme historique" klar nachgewiesen, daß die Gobineaus aus der Gegend von Bordeaux stammen und aus der bürgerlichen „Noblesse de rode", dem gelehrten Richterstand, hervorgegangen sind; noch der Großvater des Grafen war Parlamentsrat in Bordeaux. Das „de" erscheint erst seit 1664 in Verbindung mit dem Namen. Alles, was dahinter liegt, ist mehr Dichtung als Wahrheit. Gobineau selbst hat natürlich an seinen norwegischen Stammbaum geglaubt, wie ein Dichter an seine Gestalten glaubt. So ist sein ganzes Lebenswerk „Dichtung und Wahrheit" gewesen, wissenschaftliche Dichtung in seinem „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen", der gerade durch seine dichterische Intuition und die Kraft seines Ausdrucks die innere Einheit und die Stoßkraft erlangt hat, durch die er tausend nüchterne und kritisch gezügelte Werke der Wissenschaft übermmnmimiiiiHmnimnnmimmtnümimiimnimimiMimiiimmmmmimitnnmni „Die Juden sind ihrer Rasse nach nur zum kleineren Teil Semiten, die sich vielmehr nur als Einwanderer mit einer viel stärkeren und für die Rasse ausschlaggebenden Vorbevölkerung gemischt haben; tritt uns fast der gleiche leibliche Typus doch auch bei den eine indogermanische Sprache sprechenden Armeniern entgegen! Von einer arischen , und einer semitischen Rasse zu reden ist Unsinn; es sind vielmehr Völkergruppen, die ein Gemisch von Rassen umfassen/* (Professor Alfred Iiettner, Heidelberg, „Der Gang der Kultur'Verlag B. G. Teubner, Leipzig, 2. Auft. 1920, S: SO.)' . - ’ lebt hat; genealogische Dichtung in seinem „Ottar Jarl" und wirkliches kaum noch' durch Wissenschaft beschwerte Dichtung in seiner „Renaissance" und in seinen „Asiatischen Novellen" sowie in zahlreichen anderen Werken geringeren Ranges, Dramen, Epen, spekulativen Romanen und Reiseschilderungen, die teils erst nach feinem Toste erschienen sind. Es bleibt eist unstreitiges Verdienst, daß' er als erster das Problem der Rassenfrage in inneren geschichtlichen und kulturMen Auswirkungen aufgeworfen hat, obwohl dieser „Versuch", wie er ihn selbst betitelt hat, bei seiner schroffen aristokratischen Einstellung und bei der Unzulänglichkeit der damaligen wissenschaftlichen Hilfsmittel notwendig ein Zerrbild werden mußte, das heilte nur noch historisches Interesse besitzt und, von seiner wissenschaftlichen Grundlage gelöst, allein in der Sphäre mystischer Halbwissenschaft fortlebt, aus der es geboren ist. In der Sphäre' der reinen Phantasie, wo Gobineau nur als Dichter gewirkt hat, besaß er mehr Heimntsrecht.

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