Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Neues Zur Rassenfrage „Me «nd Geist" / «•> Unter den zahlreichen Schriften zur Rassenlehre, die in jüngster Zeit erschienen sind, verdient eine Sammelarbeit von vier Gelehrten besondere Beachtung, die unter dem Titel „Nasse und Geists, Verlag I. A. Barth (Leipzig), 78 Seiten, erschienen ist. Sie enthält vier Vorträge über das Thema. Professor W e i d e n r e i ch (Frankfurt) behandelt die physischen Grundlagen, Professor Peters (Jena) die psychologische Seite, Professor Kretschmer (Marburg) befaßt sich mit den Beziehungen von Genie und Nasse und Professor G o e tz (Leipzig) erörtert die Bedeutung der Nasse vom Standpunkt der Geschichte. Die-kleine Schrift ist sehr reich mit Bildern, Karten und Diagrammen ausgestattet. Zunächst setzt W e i d e n r e i ch die anthropologischen Voraussetzungen des Rassenproblems auseinander. Er weist überzeugend nach, daß reinrassige Individuen heute überall nur mehr in sehr geringer Zahl Vorkommen. Es genügt ja nicht, nur nach oberflächlichem Augenschein zu urteilen. Allzu leicht wird oft auf Grund der Haar- und Augenfarbe die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nasse angenommen, ohne zu berücksichtigen, daß auch Schädelform, Statur usw. eine Nolle spielen. Man darf auch nicht vergessen, daß die Rassentypen Fiktionen darstellen und daß große individuelle Schwankungen Vorkommen. Infolgedessen lassen sich keine scharfen Trennungslinien ziehen. Wie sehr selbst Nassen, die nach allgemeiner Annahme weit voneinander entfernt sind, in auffälligen Zügen übereinstimmen können, zeigt der Verfasser an einer Gegenüberstellung zweier Bilder, nämlich der Totenmaske Friedrichs des Großen und des Mumienkopfes von Ramses dem Großen. Die Uebereinstimmung ist eine verblüffende. Jedenfalls zeigen also die heutigen Völker eine sehr weit gediehene Rassenmischung. Aber dies war auch schon in sehr alter Zeit der Fall. Soweit wir überhaupt zllrückblicken können, finden wir nirgends reine Nassen vor. Ueberdies läßt sich nicht entscheiden, ob in einem bestimmten Fall eine Mischrasse gegeben ist oder eine Zwischenrasse oder ein Konstitutionstypus. Innerhalb einer jeden Nasse kommen mannigfache Typen vor. Daher ist es ein nicht scharf genug abzuweisender Unfug, wenn Günther und ähnliche Autoren auf Grund von Photographien Nassendiagnoien aufstellen und mit großer Sicherheit bestimmen wollen, aus welchen Rassenbestandteilen die bargeftellte Person zusammengesetzt ist. Herrn Günther ist dabei einmal' das Malheur passiert, daß er einen hervorragenden deutschen Gelehrten als „vorasiatisch" bezeichnete und als Beweis bestimmte Züge antührte, von denen sich nachträglich herausstellte, daß sie durch eine Gesichtsoperation entstanden waren. Weidenreich bringt interessante Zusammenstellungen, die zeigen, daß weder der Schädelinhalt noch das Gehirngelvicht bestimmter Völker oder genialer Persönlichkeiten noch die Kopfform einen Schluß auf die Höhe der Begabung Massen. Es ist von Professor Friedrich Hertz lHalie) sogar geradezu auffällig, wie zahlreich unter den Genies die extremen Rundköpfe vertreten sind. Mit Recht lveist auch Weidenreich die phantastischen Behauptungen Amnlons uno Röses über den Zusammenhang von Langköpfigkeit und Begabung zltrück. Wohin alle diese oberflächlichen Diagnosen führen, zeigt der amüsante Fall, daß Günther deuTypusNapolevns als ausgesprochen nordisch bestimmt, Ammon dagegen als mongolisch. Besonders interessant ist auch der Aufsatz von W. Peters über Rassenpsychologie. Der Verfasser betont sehr nachdrücklich die großen Schwierigkeiten, die sich einer psychologischen Erforschung der Rassenanlagen entgegenstellen. Die verschiedenen Methoden, die angewendet wurden, werden besprochen. Besonders häufig hat man m Amerika sogenannte Intelligenztests angewendet, um auf experimentellem Wege die Intelligenz verschiedener Rassen zu messen. Peters berichtet über eine Anzahl solcher Untersuchungen. Selbstverständlich erfordert auch diese Methode die größte Behutsamkeit. Vor allem darf jene Fähigkeit, die durch solche Leistungsprüfungen gemessen wird, keineswe^ ohne weiteres mit dem gewöhnlichen Begriff der Intelligenz gleichgesetzt werden. Ferner bereitet es die allergrößten Schwierigkeiten, Gruppen verschiedener Rasse zu finden, die einerseits als reinrassig gelten können und . die andererseits miteinander vergleichbar sind: Die geistigen Fähigkeiten werden außerordentlich stark durch die kulturelle Umwelt bestimmt, also durch die gesamten Lebensverhältnisse, Tradition, Schulbildung,' Aufenthalt in Stadt oder Land usw. Verschiedene Rassen leben meist unter so verschiedenen. Umständen, daß vergleichbare Fälle überhaupt nicht aufzutreiben sind, Wenn daher manche amerikanische Untersuchungen eine geringere Leistungsfähigkeit von Negern oder Indianern zu ergeben scheinen,, -so kann dies nicht ohne weiteres als Nachweis geistiger Rassenunterschiede betrachtet werden. In den meisten Fällen dürfte es sich um Einflüsse der Umwelt handeln. Weters hält mit seinem Urteil über diese Frage, wie die meisten Psychologen, sehr zurück. Immerhin bemerkt er, daß die mit dem Milieu zusammenhängenden Jntelligenzunterschiede innerhalb einer Bevölkerung von gleicher Hautfarbe größer sind als die mit der Rassenzugehörigkeit zusammenhängenden (Seite 45). Manche Experimente haben auch nicht berücksichtigt, daß eine der verglichenen Grupyen aus Individuen bestand, die zweisprachig aufwuchsen. Solche Leute lernen natürlich keine Sprache so vollkommen beherrschen wie einsprachige. Infolgedessen schneiden sie bei Jntelligenzprüfungen, die sprachliche Anforderungen stellen, schlechter ab. Dieses Beispiel zeigt also, mit welcher Vorsicht solche Prüfungen angestellt werden müssen. — Außer der Intelligenz sind noch manche andere Anlagen geprüft worden, z. V. visuelle Beobachtung, Musikalität, Phantasie, Charaktereigenschaften usw Peters kommt zu dem Schluß, daß die Rassenpsychologie vor einem Berg von Problemen stehe. Wie der Völkerpsychologe Lazarus vor 80 Jahren könnten wir sagen: „Weniger Antworten als Fragen, weniger Lösungen als Aufgaben ..." Wenn Peters beiläufig bemerkt,:.daß ich die Bedeutung vonb Temperamentsunterschieden unterschätze, so kann ich mich an dieser Stelle hierüber nicht eingehender äußern. Nur so viel möchte ich sagen, daß ich dem Temperament oft eine beträchtliche Bedeutung für den Aufbau der Persönlichkeit beigemessen habe. Ich behaupte nur, daß das Temperament keine fundamentalen Unterschiede der Nassenanlage begründe, schon deshalb nicht, weil anscheinend in allen Rassen alle Temperamente Vorkommen und keineswegs wahrscheinlich ist, daß die Häufigkeit der Verteilung sehr weit verschieden ist. Am wenigsten kann man aus Temperamentsunterschieden Wertungen der Intelligenz oder des Charakters ableiten. Man kann mit jedem Temperament gebildet oder ungebildet, charaktervoll oder chärakterlos sein. An dieser Stelle möchte ich auch auf die eingehende Besprechung der neuesten amerikanischen Forschungen über RassenpsychologiL Hinweisen, die sich in dem bedeutenden Werk von G. und L. B. Murphy, Experimental Social Psychologie, Skiern »Dorf 1931, findet. Die Verfasser kommen zu dem Schluß, daß der weitaus größte Teil der 'frühMtt' Untersuchungen heute völlig überholt ist. Die neueren Untersuchungen zeigen ganz überwiegend, daß die Leistungen vergleichbarer Gruppen verschiedener Rassen nicht weit voneinander abweichen, und daß Schulbildung und Lebensverhältnisse einen ausschlaggebenden Einfluß ausüben. Häufig führen die Untersuchungen zu 'widersprechenden Ergebnissen. Die Verfasser kommen daher zu dem Schluß, daß es derzeit unmöglich sei, die Frage nach den Erbanlagen zu beantworten (S. 113). Zwar ergeben die meisten Intelligenztests geringere Leistungen der Neger, aber dies kann der Verschiedenheit der Umwelt zugeschrieben werden. Untersuchungen an anderen Rassen führen zu einer ähnlichen Ungewißheit. Insbesondere stellen die Verfasser fest, daß auf Grund der sorgfältigsten Untersuchungen Rassendifferenzen zwischen den verschiedenen Unterarten der weißen Rasse nicht festzustellen sind. (S. 116.) Der Sämmelband „Rasse und Geist" enthält ferner eine Abhandlung „Genie und Rasse" von Professor Kretschmer, die eine Umarbeitung eines Kapitels aus seinem Buche „Geniale Menschen" darstellt. Der Verfasser wendet sich ebenfalls mit sehr guten Günden gegen die tendenziöse Rassenlehre. Von besonderem Interesse ist sein Nachweis, daß Hochkulturen gerade dort aufgetreten sind, wo eine besonders starke Nassenmischung stattgefunden hat. Jnsbesonders fällt die Verteilung, der deutschen Genies zusammen.mit der Vermischungszone der nordischen und der alpinen Rasse. Die relativ reinrassigen nordischen Gebiete Deutschlands find dagegen zwar sehr reich an Charakter und Tüchtigkeit, aber relativ