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Central-Verein-Zeitung · 1933-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1933) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1933
Issue
Heft 1-2 (Januar 1933)
Date
1933-01-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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7 6« etwas gibt es... So etwas o,it)t es: ein jüdischer Mensch, der im Jahre 1932 als deutscher Dichter gefeiert wird; der, jüdischen Stoffen innigst verhaftet, „mit der Sehnsucht nach tiefem reinen Deutschtum ' weiter seinen Weg" geht k„M ü n ch n e r N e u e st e 9t ach richten", 11. 12.); der Moses gestaltet, den „Weg des Gewaltigen" und zugleich Luther und Thomas Münzer seine schassende Liebe zuwendet; der Psalmen nachsingt, edelste Zeugen künstlerischer Erhöhung des frühen Judentums und zugleich Bachs, Beethovens und Bruckners erhabener Tonwelt den Dienst feiner dichterischen Sprache leiht; der Großstädter ist, Berliner, „Nsphaltliterat" also, und in dessen ersten Gedichtbänden „Äcker" und „Strom", „Boden und Landschaft besteht und blüht, Schollenschwere duftet, süßer Brotduft zart weht in den schöngefügten Worten" („H e i m a t O e st e r r e i ch", Dez.' 1932); der „eine Haltung zu Heimat, Volk, Geist und Gott hat, die typisch niederdeutsch ist, manchmal Hebbel verwandt und ausgehängt ausschließlich mit den Zeitverhältnissen zusaunnen.. N Aber letztlich handelt es sich hier um Unzählbares. Unwägbares. Wenn Scholz' schwergewichtige „Perpetua" 15 000 mal verkauft wird, so ist das mehr, als wenn 60 000 eines Cvnrths- M a h l e r sch e n Romans abgesetzt werden. Professor Nadler sagt, daß das deutsche Volk die Schriften der Inden ablehne; aber kurz vorher, daß sie die Literatur und den literarischen Betrieb beherrschen. Lehnt das deutsche Volk das jüdische Schrifttum ab, woher dann die riesigen Auflagen von Emil Ludwig, Werfel, Stefan Zweig? Warum die außerordentliche Wirkung der hohe Ansprüche stellenden Schriften G u n d o l f s? G u n d o l f hat zwar, - nach meiner Kenntnis, von seinem Judentum wenig Gebrauch gemacht, aber es war doch allgemein bekannt, daß er Gnndelfinger hieß: Bieses weitverbreitete Literaturgeschichte z. B. nennt beide Namen. Wer sich wahrhaft für Abstammung interessiert, kann sich darüber ans Bartels' Handbuch oder Literaturgeschichte, aus dem Senn-Kürschner, vielfach aus Koschs „Literaturlexikon", natürlich auch aus jüdischen Lexika unterrichten. Professor Nadler befürchtet, daß man erfolgreiche Juden für nichtiüdische Deutsche halten könnte; aber kein Ausländer bezweifelt, daß Stefan Zweig oder Wassermann Inden sind, sofern er sich dafiir überhaupt interessiert. Tie große jüdische Presse lintfrt für die jüdischen Bücher im Ausland? Aber ich habe höchst ablehnende Kritiken Ludwigscher Bücher gerade in der „Frankfurter Zeitung" gelesen. Entscheidend aber ist letztlich allein die Frage nach dem jüdischen Geist. Wenn er vom deutschen von Grund auf geschieden, gar ihm schädlich ist. dann müßte man ihn erkennen, ohne die Abstammung des Betreffendere zu wissen. Professor Nadler aber sagt, daß er erst klar erkennbar sein werde, wenn das Judentum aller jüdischen Schriftsteller bekannt sei. Krinein heißt unterscheiden. Wenn Schicksalsgemeinfchaft, Boden, Klima, Erziehung und so weiter, Sprache nichts bedeuten, so ist jüdisch, was dem gesinnten jüdischen Schrifttum gemeinsam eignet: was also ist das Gemeinsame zwischen den Büchern Mose, denr Hohen Lied, dem Hiob, den Psalmen, dem Prediger, lauter unterschiedene Werke, wenn sie auch dem einen Alten Testament zugehören, den Büchern der Makkabäer und den anderen Apokryphen. dem Talmud — der wieder in sich selbst unendlich sprechen Preußischer Prägung" („Hilfe" 50'32), und über dessen Buch „Glück in Oesterreich" ein Bern feiler das Urteil prägt: „Selten wurde das österreichische Wesen inniger und liebevoller, nie mit größerer deutschgläubiger Frömmigkeit erfaßt und ausqedrückt" („H eimat Oesterrei ch", Dez. 1932); der zu den Vorläufern des Expressionisnuls gerechnet wird, einer Richtung also, in der die kleinen Geister die „antigermanistische" Kunst in reinster Stilart zu seheu sich gewöhnt haben, und von dem doch gesagt werden kann: „Nie hat er die Tradition verleugnet, immer fügte er sich bereitwillig in den großen Kreislauf des geistigen Volksgeschehens" l„M ü n ch n e r Neueste Nachrichten", 11. 12. 32); der Jude war und „von einer selbstverständlichen Ehrfurcht vor dem deutscherl Erbe" erfüllt ist („D e u t s ch e Allgem e i n e Z e i t u n g", 9. 12. 32). So etwas gibt es! Und so etwas lebt, lebt ein volles lebendiges schöpferisches Leben aller müden und papiernen völkischen Schulweisheit zum Trotz! Und heißt: Ernst Lissauer. E. R.-J. mannigfaltig ist —, Spinoza, Herne, Auerbach, I. I. David, Michael Beer. Ko m pe r t. Moritz Hei mann, Fulda, Rudolf B o r ch a r d t, Georg H e r - mann und den schon mehrmals genannten heutigen Schriftstellern? Professor Nadler, der eine berühmte deutsche Literaturgeschichte nach Stännnen geschrieben hat, erklärt, diesen jüdischen Geist nicht eindeutig zu erkennen, obgleich ihm eine solche Frille unbezweifelbar jüdischen Schrifttums vorliegt. Professor Nadler sagt, daß die Inden in „die Ideologie eines völlig verwaschenen Deutschtums' unerkannt unterzutauchen" streben, weil man „vor dem Hintergründe des landschaftlich Eigentümlichen erbarmungslos erkannt" wird. Er unterstellt also eine trügende Absicht. Aber es ist eine Überairs komische Vorstellung, daß die jüdischen Schriftsteller sich überlegen: „Ha, dichten mir allgemein, sonst sieht' jeder gleich, wer nur sind!", zweitens ist es schlechthirr falsch, daß Wien oder Prag nicht eine völlig eigene seelische Farbe besitzen, nicht minder eigen wie die gewisser Landschaften. Drittens haben z. B. Berliner Juden berlinische und preußische Farben bewahrt: Do bl ins „Alexanderplatz". Hermanns „Jettchen Gebert", „Kubinke", sein Potsdamer Roman „Heinrich Schön jr." nsw., von mir die Dorck-Dramen, „1813", „Aufruhr des Goldes". Gerade, von den wiederholt genannten Wiener Schriftstellern, Schnitzler, Stefan Zweig, weiß jeder, daß sie Inden sind, ebenso von den Pragern, wie W e r s e l oder B r o d. Tie Zugehörigkeit zu einer Stadt oder Landschaft ist etwas Naturhaftes, Ungewolltes: L e s s i n g oder W a g u e x betoneil ihr Sachsen tum nirgends, S ch i l l e r sein Schwabentnm nicht, H e b b e l sein Dithmarscheutum verhältnismäßig selten; mag man ihnen stammeseigentümliche Züge Nachweisen, sie strebten gewiß nach einem allgemeinen Deutschtum. Es ist, weiter, unmöglich, zu behaupten, daß wir „untertanchen", indes wir unser Judentum niemals 51t verhehlen trachten. Professor Nadler stellt es als einen Mangel hin, wenn ein Dichter ins allgemein Deutsche strebt. Hier muß ich nun notgedrungen von mir selbst sprechen; denn ob Professor Nadler nun an mich gedacht hat oder nicht, durchaus umvitlkürlich habe ich mich bemüht, in der Gesamtheit meiner Dichtungen und Schriften viele Bereiche der deutschen Volkheit zu erfassen. Ju dem Artikel über Richard Kralik in der „Schöneren Zukunft" vom 2. Oktober 1932 sagt aber Professor Nadler: „Auf Bildung, aus Wiedergültigreit eines großen Erbes war Kraliks gan^e Tätigkeit, die denkerische wie dichterische, geruhtet, und es ist merkwürdig, lvie entschlossen spätere und jüngere Männer — man denke an Rudolf Borchardt —> wenn auch au§ ganz anderer Richtung, auf das gleiche Ziel einschwenkten, daß der Dichter im höchsten Sinne ein Redaktor der gefaulten vorausliegenden Schöpfungen sei. Diese Forderung trifft in den Kern der Stiche." Professor Nadler übertreibt hier das überpersönkiche Element, wie mall früher das persönliche überwertet hat; lvie dem auch sei: das Ziel, das er hier ausstellt, ist gewiß eiil allgemein deutsches. Rudolf Borchardt ist Jude, er ist, kraft der von Professor Nadler gekennzeichneten Artung, im landschaftlichen Sinne überhaupt nicht bestimmbar; wenn irgendeiner, taucht er irt einem angeblich „verwaschenen Deutschtum" unter. Professor Nadler sagt am Schluß: Wieviel von den Schriften jüdischer Deutscher „deutsche Literatur ist, hängt dllrchans nicht von der Sprache, sondern von der Gesinnung ab, und vom Eingehen in das Volk, dem nlan angeboren will". Es gibt jüdische und es gibt nichtjüdische Schriftsteller, bereu Einstellung gegenüber dem deutschen Volke zahlreiche Inden mißbilligen; aber nlan kann durchaus in einem hohen Sinne national gesinnt sein und dennoch vieles für verderblich halten, was in betont nationalem Sinne getan wird. Nicht jeder, der nicht blindlings die Entwicklung des deutschen Volkes in den letzten sechzig Jahren mit innerster Sorge betrachtet, ist darum ein schlechter Deutscher. Professor Nadler sagt, wir sollten „zwischen zwei Wünschen" wählen. Das steht völlig in der Luft. Wählt einer das Deutschtum, so wirft man ihm Mimikry und Verhehlen des Judentums vor, wie Professor Nadler; verhehlt er es nicht, so kann er sich nicht „zwischen zwei Wünschen" entscheiden. Zwischen dem allen kann man nur wie durch einen Kugelregen hindurchgehn. Zum Schluß: die jüdischen Deutschen haben Aehulichkeit mit den Grenzlanddeutschen. G r e n z d e u t s ch e. Dies erklärt, daß sie sich in manchem Betracht von den anderen Deutschen abheben und daß sie oft ihr Deutschtum mit besonderer Lerdeirschaft erleben un-d verteidigen, wie andere Grenzdeutsche auch, weil es eben bestritten und umstritten wird. Ernst Lissauer. Wir haben schon des öfteren, in diesen .Blättern Bilder aus dein „Stürmer" veröffentlichen müssen. Auch die letzten Nummern sind voll von den gewohnten sexual-antisemitischen Abhandlungen. Alks dem offiziellen Lager der NSDAP, hat sich noch nie eine Stimme dagegen gewandt. Gregor Straffer, dem die Nr. 6 des „Stürmer" gewidmet ist, gibt jetzt, nachdem er von seiner Parteileitung kaltgestellt worden ist, irr der Presse folgende Erklärung ab: Müncheil, 6. Februar. In der Nürnberger Zeitung „Ter Stürmer" Nr. 5 des Herrn Land- und Neichstagsabgeordneten Julius Streicher befindet sich ein Leitartikel, der sich mit meiner Person befaßt. Art dev Zeitung, Inhalt des Artikels und Person des Herairsgevers machen es mir unmöglich, mich mit diesem Machwerk zrr bef'afsen.Meiue Arbeit in der Partei seit Dezember 1921 kennen die Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen' Arbeiterpartei. Meine politische Tätigkeit, deren Ziel immer nur die innere und älchere Freiheit Deutschlands war und fein wird, kennen die deutschen Volksgenossen. Diesen beiden überlasse ich das Urteil." Warum ist Herr Strasser früher, als er innerhalb der NSDAP, noch die große Nolle spielte, nicht von der Schmutzsournalsstik des Herrn Streicher abgerückt?

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