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Central-Verein-Zeitung · 1933-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1933) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1933
Issue
Heft 1-2 (Januar 1933)
Date
1933-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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s „HrenA-eulsihe" -es Geistes! Professor Nadler, 6er Verfasser der mehrbändigen „Literaturgeschichte nach Stämmen“, hatte im Augustheft der „Europäischen Revue“ die Auswüchse gegeisselt, die seiner Ansicht nach durch die Mitarbeit der Juden im deutschen Schrifttum verschuldet seien. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ hatte den Aufsatz von Professor Nadler abgedruckt. Wir geben nachstehend Ernst Lissauer zu einer Erwiderung an Professor Nadler das Wort, da gerade Lissauer, der Dichter grosser deutscher Stoffe, uns durch seine Person wie durch sein Wissen besonders geeignet scheint, die Anschuldigungen Professor Nadlers zu widerlegen. Die Schriftleitung. Am 17. August, in Nr. 384, hat die „Deutsche Allgemeine Zeitung" den Aussatz „Die Juden und die Literatur" wiedergegeben, der im Augustheft der „Europäischen Revue" erschienen war. Der Aufsatz kam mir erst später zu Gesicht, und dringendste Arbeiten verhinderten mich, die damals sogleich geschriebene Antwort druckreif Zu redigieren. Notgedrungen muß ich auch von meinen eigenen Arbeiten sprechen. Professor Nadler behauptet, daß im geistigen Betrieb die Juden überwiegen. Ist die Zahl der Schreibenden gemeint oder soll man die Stimmen wägen? Ich nenne an einflußreichen jüdischen Theaterkritikern, die an sogenannten jüdischen Blättern wirken, vor allem Jhering und Tiebold, einflußreiche nichtjüdische Thcaterkritiker sind Fechter, Geck (wiederum an der „Frankfurter"), M e u * niaitn vom „Hamburger Fremdenblatt", S ch m t tz von der ^Kölnischen", T n s s e l von: „Neuen Stuttgarter Tageblatt". Ich habe diese Fragen nicht studiert, sondern bringe bei, wa6 mir aus 25 Jahren schriftstellerischer mtb feit etwa 10 Jahren dramatischer Arbeit nnd also Wohl allgemein bekannt ist. H e i l b o r n , seit Jahrzehnten Berliner Theaterkritiker der „Frankfurter Zeitung" und der „Literatur", ist Halbjude und, wie ans seinen Büchern hervorgeht. überzeugter Protestant. Es ist aber ein Irrtumanzunehmen, daß der Erfolg und der Besuch eines Theaterstücks nur von der sogenannten großen Presse abhängt. Berlin hat feit Jahren feine Stellung als Vorort der deutschen Bühne eingebüßt, im Reich fuib die mittleren Zeitungen, im Westen und Lüden die katholischen Zeitungen ungemein wichtig, überall in mittleren Städten besonders die Generalanzeiger. Bei diesen ist mir niemals ein jüdischer Name ausgefallen. Die Herren des Rundfunks, von denen ich weiß — ich meine die Zeit vor dem großen Personenwechsel —, sind größtenteils keine Inden: S ch u b o tz nnd T ü r r e von der Deutschen Welle, B i f ch o f f in Breslau, Hardt, UUmann, Rieth in Köln, Habersbrunner in München, V o f i n g e r in Stuttgart, Neubeck, Fischer, Jäger in Leipzig, Koppen an der Berliner Funkstunde. Nüchtern, H e n z , R e i s ch e ck in Wien. Als Juden bekannt waren mir nur Karl M e y e r in Stuttgart und Arnolt Bronnen in Berlin. Diese Behauptungen Herrchen lediglich auf niemer begründeten Vermutung; denn ich habe nicht nach der Abstammung dieser Herren geforscht. Aber es wäre notwendig, endlich einmal dieses gesamte Bereich abzugreirzen nnd statistisch zu erfassen. Selbstverständlich nur Statistik des Glaubensbekenntnisses oder der Abstammung: keineswegs gebe ich zu, daß jüdische Kritiker. Verleger, Rundfuntbeamte nun auch Inden bevorzugen, Nichtjuden benachteiligen. Auch dies müßte, nach Druckschriften, Vorträgen nsw. statistisch festgestellt rverden. Es dürfte schwer sein, einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der „Berliner Jllnstrirten" und der „Münchener" oder „Kölnischen" nnchzuweisen; oder zwischen dem Ullsteinschen „Uhu" und dem Scherlfchen „Magazin". Ueberhanpt steht dein Ullsteinschen der Scherlsche Konzern seit Jahrzehnten mit gleichem Einfluß gegenüber. Vollends die altbekannten, einflußreichen Zeitschriften sind im Besitz nichtjüdischer Verlage und würden und werden von nichtjüdi scheu Redakteuren geleitet: „Westermanns Monatshefte", die „Velhagenfchen", „Universum", „Turnier", „Gartenlaube", „Kunstwart". Im Verlag Diederichs — auch schon zu Lebzeiten Eugen Diederichs' —, im Jnselverlag, in der Reclamscheu Universal-, in der Insel-Bücherei ist der Anteil auch lebender jüdischer Schriftsteller nachweislich ungemein gering. Aber ist es denn nun wahr, daß Juden stets Juden loben und fördern? Mau untersuche daraufhin z. B. Babs Bücher über die moderne Dramatik. Ich für meine Person habe mich über die Abftamlmmg niemals gekümmert, ob ich mm Lev Greiuer rühmte, Klabunds Unechtheit aufzeigte oder über Heine mit wesentlichen Einschränkungen schrieb, im Gegensatz etwa zu Storm. Die schärfste Schrift gegen Heine ftannnt von dem Inden Karl Kraus. Hauptnrann ist von einen! jüdischen Theaterdirektor, B r a h m , entdeckt, von dem Inden S. Fischer verlegt, von dem Inden K e r r gefeiert worden. Der größte Erfolg der letzten Jahre war „Gneisenan" von Wolfgang Goeß, der einer alten initteldentscheu Familie entstammt. Die bevorzugtesten Schriftsteller der „Frankfurter Zeitung" sind Unruh und Bin ding. All diese Beispiele fallen nur von ungefähr ein; sie ließen sich weithin vermehren. Professor Nadler behauptet ferner, daß alles, was mit „Heimat und Bodenständigkeit" zu tun hat, von Inden „peinlich gemieden, im ganzen lächerlich gemacht oder bezweifelt wird". Es wäre gut, wenn er hierfür den Beweis anträte. An dieser stelle muß ich nun von mir sprechen. Seit über 25 Jahren führe ich an der „Literatur", dem ehemaligen „Literarischen Echo", den Bericht über die zeitgenössische Lyrik. Hier habe ich ans heimaru'ch gebundene, insbesondere auch auf Dialektdichter mit besonderer Teilnahme hingewiefen,; z. B. ans Burtes alemannisches Gedichtbuch „Madlee", ans die plattdeutschen Gedichte von Hermann Claudius; auch sonst auf wenig bekannte, provinziell bestimmte Dichter, wie Hofer, Rhyn, Willy Arndt; znnr Teil dann auch in anderen Blättern, lieber Friedrich Schnacks erstes kleines Gedichtbuch „Heraus, uralter Tag!" habe ich 1912 als erster rühmend geschrieben, aus der Art der Gedichte seine fränkische Abstaunnnng erkannt nnd sie hervorgehoben. d Max Mells Gedichte habe ich mit herzlichster Liebe begrüßt; nnd so fort. Daß ich in der Tiederiehsschen „Tat" 1912 mit höchster Achtung über v l benheyers „Amor dei“ berichtete, mag in der Höhenlage, auf der wir uns hier bewegen, nicht wichtig sein, da ja Spinoza ein Jude ist; aber der tt'ste große Aufsatz, den ich über Kolbenheyers „Paracelsus" las, "etwa 1911 in der „Neuen Freien Presse", stammte von dem Juden Stefan Zweig. Die angebliche Berjndung des Theaters hat nicht gehindert, daß Kolbenheyers gewichtiges Drama'„Die Brücke" an zahlreichen Bühnen mit großem Erfolge gespielt wurde, und ebenfalls nicht, daß sein völlig verfehltes Drama „Das Gesetz in dir" an überaus vielen Bühnen gleichzeitig zur Uraufführung angenommen ward. Wie sich jüdische Kritiker dazu gestellt haben, weiß ich nicht; aber daß Timm K lein in den „Münchener Neuesten Nachrichten" es ablehute, das ist mir bekannt, lieber S ch ö n Herr hat die „Neue Freie Presse", und auch, soweit meine Kenntnis reicht, das „Nene Wiener Tagblatt" stets mit größter Hochschähung berichtet, und ich habe in der Presss Zahlreiche Beiträge Schvnherrs gelesen, z. B. erschienen hier zuerst Akte aus „Frau Sm'tner", „Volk in Not", „Judas von Tirol". Rudolf Hans B a r t fch s echteste Dichtung, der gewiß bodenständige „Steirische Weiusuhrmann", hat zuerst in einer Festnummer der „Neuen Freien Presse" gestanden, 1911 oder 1912. Ist Wilhelm Schäfer bodenständig? Nun, viele seiner Aussätze, Romane, Novellen standen in der „Frankfurter Zeitung" und der „Vossischcu"; seine bedeutende Arbeit über den „Schriftsteller" erschien in der soziologischen Sammlung „Die Gesellschaft", die der Zionist Martin Buber herausgab; es sei unterstrichen: an dieser repräsentativen Stelle lieh Äcker nichts einen Juden, sondern einen Nichtjuden, Wilhelm Schäfer, über die soziologische Bedeutung des Schriftstellers schreiben. In der Broschüre Bekenntnis zu Wilhelm Schäfer", die 1928 zu seinem 60; Geburtstag erschien, sind diese Juden vertreten: Bab, Felix Braun, Dr. Walter Cohen, Leo Stern» borg, Dr. Paul S e k i g m ä n n, ' ich selbst. Diese Tatsachen lassen wohl zumindest erkennen, daß die Aussagen Professor Nadlers erst bewiesen werden müssen. Vor allem aber ist es falsch, daß das Publikum nicht weiß, wer jüdischer Abstamnmng ist; denn die antisemitische Presse betont es ja stets. Gerade wichtige jüdische Schriftsteller haben ihr Judentum niemals verhehlt, Stefan Zweig, Arnold Zwerg, S ch n i tz l e r, W a s s e i m a n n, Georg Hermann, Werfel, Bab; auch ich habe mein Judentum selbstverständlich niemals irgend versteckt. H e i l b o r n gilt oft als Jude, obwohl er -Halbjude ist. Emil L u d w i g hat fein Judentum ebenfalls nicht verschwiegen: er trägt nicht einen Künstlernamen, sondern sein Vater, der bekannte Augenarzt Cohn, hat ihm als Kind diesen Namen geben kaffen. Er erwirkte es von einem hohen Staatsbeamten als Dank für eine schwierige Operation. Man stelle sich einmal den Sachverhalt vor. Solange Emil Ludwig sich nicht die Abneigung der Rechten zugezogen hatte, fragte kein Mensch nach seiner Herkunft; als dann festgestellt wurde, er heiße ja eigentlich Cohn, hat er den Hergang aufgeklärt. In seiner Autobiographie hat er daun nochmals hierüber ausführlich gesprochen. Bei welcher Gelegenheit, so frage ich, hätte. En!il Ludwig früher an den Tag geben sollen, daß sein Vater Cohn geheißen hat? Professor Nadler sieht die Beteiligung der Juden an der Literatur, wie er selbst sagt, zunächst als eine wirtschaftliche Frage. Wirtschaftliche Fragen körmen nur an Hand von Ziffern erörtert werden; jedoch, es ist bedauerlich, daß Professor Nadler den wirtschaftlichen Gesichtspunkt hervorhebt. Ich kann ihm hier nicht folgen. Denn mir ist das Schrifttum niemals eine wirtschaftliche Angelegenheit gewesen. Ich halte es für unstatthaft, das obere Bereich der Literatur unter dem wirtschaftlichen Gesichtswinkel anzufehen. Aeußerö mid somit geldliche Erfolge können überhaupt nur - bis zu einem gewissen Grade gemacht werden, sie sind oft-von gänzlich unbeeinflußbaren Zeitlichen Luftströmungen abhängig. Riesige Erfolge hatten die Juden Schnitzler, Wasser m a n n, Arnold Zweig, Stefan Zweig Emil Ludwig, Werfel, Bronnen und die Nichtjuden Thomas M a n n — wohlgemerkt schon zu der Zeit, als er sich noch nicht ins Demokratische gewandelt hatte, das ist im höchsten Maße zu beachten —, H nutzt in a n n , Heinrich Mann, B o n f e l s, Molo, G o e tz, Hans Grimm, Brecht. Es ist schwer zu sagen, was große und ganz große Erfolge sind. Die Bücher von Ricarda Huch, Werner Jansen, Ponten — ich nenne, wer mir eben einfällt — find weit verbreitet, ebenso die von Strobl, H o h l b a u m, G i n z k e y, früher die von Bartsch. Daß der Ersolg von Inn S e s> dels „Wunschkind" sich noch nicht wie der von Sigrid N n d s e t entwickelt hat,

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