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Central-Verein-Zeitung · 1933-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1933) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1933
Issue
Heft 1-2 (Januar 1933)
Date
1933-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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SchlaQWortc der Zeit! „Asphatttiberalismus" / «-r.ru- »au«,« Es wäre zu fragen, wo dieses Wort zuerst aufgetaucht ist. Alle Schlagwörter erüstehen wenn man es philosophisch ausdrttcken will, aus dem dialektischen Prozeß. Sie entstehen, um irgendeine Position im Kampf der Meinungen scharf zu umreisten und abzugrenzen. Das Schlagwort vom Asphaltliberalismus entstand — sofern es tnttcl) seinen erste n Bestandteil geprägt wird — aus der Auseinandersetzung mit der Großstadt und mit dem Geist der Großstadt — entstand, um diesen Geist zu . exklären aus der Trennung des Großstädters von der natürlichen Lebenswirklichkeit von /Boden/'-Blut, Ringen mit den Elementen — seiner Emanzipation aus dem alten ewigen Kreislauf, der aufgerichtet wurde, als über den 'ablaufenden Wassern der Sintflut der ' Bogen des Friedens erschien. Wer wollte leugnen, daß mit dem Begriff „Asphalt" sich die volle Realität einer solchen Trennung verbindet? Wir erleben ' in der Gegenwart einen merkwürdigen allgemeinen .Aufbruch, der Bevölkerung aus den asphaltenen Wtraßen. Die Großstädte streuen sich selbst und ihre Menschen in zahllosen kleinen Behausungen. von seltsamster Primitivität in das /Land hinaus.' Die Menschen scheuen keine Arbeit, keine Unbequemlichkeit, um von den Etagen herunterzükommen und lebendige Erde wieder unter den Füßen zu; fühlen. Die Kraft und Breite dieses Aufbruchs hat etwas von einer modernen. Völkerwanderung an sich. Sie deutet auf. Lebensinstinkte, die sich scheinbar gegen die - typische Lebensform des technischen Zeitalters plötzlich auflehnen, da ihre Zeit gekommen ist. Aber was hat die Verkümmerung des Menschlichen im Abstrakten, Naturfernen, wie sie am eindringlichsten von Eugen Diesel in fernem . Buch „Weg aus dem Wirrsal" beschrieben worden ist, zu tun mit. „Liberalismus"? Ist nicht auch dieser Aufbruch eine Freiheitsbewegung? Es wäre höchste Zeit, daß einmal jemand das Wesen des Liberalismus wiedex.nach allen Seiten hin klarstellte, nachdem man / sich.: die überflüssige geistige Arbeit gemacht hat, die Wesen begrifflich so zu überschmieren, wie es in all den „antilibera- . listischen" Bemühungen gescheherr ist. Was bedeutet^ insbesondere Asphaltliberalismns? Gewiß, der Großstädter wird durch den großen,, mannigfaltigen und wandelreichen Lebenskreis, in dem er sich bewegt, geistig bestimmt. Er hat vielerlei zu verstehen, sich in vielerlei Fremdes und Neues dauernd einzufühlen. Er hat in vielen ihm zunächst fremden Erscheinungen das Wertvolle herauszusuchen. Durch biefeii ständig auf ihn eindringenden Anspruch kann er „relativiert" werden. Er kann zu einem Alles-Verstehen und Allcs- VerHeihen konunen, bei dem er auch sich selbst alles... verzeiht, das für ihn selbst Knochenerweichung und Haltlosigkeit bedeutet. Aber das braucht ja nicht zu geschehen. Elastizität des Verstehens anderer ist durchaus vereinbar - mit der Stählung des eigenen Willens und der -eigenen Haltung. '' Die Großstadt fordert auch in einem guten und Positiven Sinne den „liberalen" Menschen. Es ist furchtbar unpopulär, das auszusprechen, aber gerade darum muß es gesagt werden. Sie demonstriert uns jeden Tag, daß wir nicht allein auf der Welt sind — sie erzieht dazu, andere gelten zu lasten. Sie gibt Einblick in „all eorts and conditions of men" Sie stellt den Menschen in Gemeinschaften hinein: der Arbeit, der Politik, des Geisteslebens, die einander mannigfach überschneiden und die im Tempo des Lebens raschem Wandel unterliegen. Sie erzeugt den beweglichen, den „reizsamen", den elastischen Menschen, auch den „Intellektuellen". Alle diese Eigenschaften können durchaus positiv sein. Intellekt ist schließlich nicht gerade unbedingt ein Defekt oder eine Krankheit, trotzdem manche Leute sich das heute einreden lassen. Und noch positiver wäre die Fähigkeit, aus diesem flutenden Vielerlei immer wieder das Sinnvolle und Zusammenhängende zu finden. Auch die Großstadt kann — auch seelisch, nicht nur geistig — Reichtum schenken, dem, der sie zu bewältigen vermag. Die Anklagen gegen sie können auch Geständnisse der Unzulänglichkeit der Schwäche, der Hilflosigkeit sein. Es ist nicht gesagt, daß es immer nur die Starken und Echten sind, die das Getümmel der Dinge und Kräfte nicht aushalten. Auf diesem Schauplatz der unbegrenzten Möglichkeiten wächst also der „Asphaltliberalismns". Gemeint ist eine Betrachtungsweise und Haltung, die nicht mehr durch letzte Bindüngen bestimmt ist. Also ein Erkennen, das, sich selbst überschätzend, nicht mehr das Geheimnis im Grunde der Existenz steht, ein Tun, in dem keine sinngebende Kraft von innen heraus mehr wirkt, sondern alles zweckhafte Anpassung geworden ist, ein Urteilen, dem das feste Gerüst des Wertbewußtseins verlorengegangen ist, eine Haltung zu dem Nächsten, die ihn an Stelle der Verantwortung mit dem Geltenlasten abfindet: Sehe jeder, wo er bleibe, sehe jeder, wie er's treibe und wer steht, daß er nicht falle. So wird das Leben selbst flach, dem Momentanen ausgeliefert, der Mensch atomisiert, sein Lebensziel die erfolgreiche Selbstbehauptung. Ist das Liberalismus? Wie wendig sind doch Worte! Mit denselben Namen behängen sie das Entgegengesetzte. Der echte Liberalismns sollte versuchen, das vieldeutige und auf alle Fälle, unterwertige Fremdwort loszuwerden. Es entstellt ihn, wie wenn man sagt: feminin statt weiblich oder maskulin statt männlich. Liberalismus ist im Grunde die geschichtliche Kraft, die dem Menschen das Existenzminimum für seine Würde, wir können auch sagen: für feine Ehre sichert. Dadurch ist — positiv und negativ — fein Ziel bestimmt. Es ist höchste Zeit, daß wieder begriffen wird, wie notwendig die stete Wachsamkeit dieser Kraft ist — und wie groß die Gefahr, daß dieses Existenzminimum für die persönliche Würde in unserem Volke verlorengeht. Alle Schichten und Gruppen, die einmal in die Lage versetzt worden sind, um dieses Existenzminimum für ihre Würde kämpfen zu müssen, haben den Liberalismus — ihren eigenen Liberalismus — als eine ganz wurzelhafte Kraft, als eine sittliche Leidenschaft erlebt und wissen um ihn. Vielleicht wissen nur sie wirklich um ihn: die Arbeiter, die Frauen, die Juden. Heute sollte das ganze deutsche Volk um ihn wissen.. das fett 1914 diesen Kamps mit der ganzen Welt um das Existenzminimum für seine Ehre hat kämpfen müssen. Und es scheint mir immer eines der großen Beispiele der Umnachtung, von denen die Menschheitsgeschichte weiß, daß die Deutschen in den Jahren, in denen sie diesen Kampf um ihre nationale Würde nach außen zu bestehen hatten, so leichtfertig mit dem Begriff der staatsbürgerlichen Freiheit und so unerhört mit der persönlichen Würde von Volksgenossen umgegangen sind, wie das im innerdeutschen Kampf in hysterischer Steigerung geschehen ist und geschieht. Als ob nicht beides das gleiche wäre, aus dem gleichen Grunde emporstiege und den gleichen Sinn umschlösse! Es kann ruhig gesagt werden, daß alle Kultur eines Volkes iin letzten Grunde durch den Grad bestimmt ist, in dem diese persönliche Würde gefühlt und respektiert wird. Bei unserer deutschen Mentalität war es und ist es möglich, daß wir die tiefsten Formulierungen über den sittlich-religiösen Sinn der Freiheit gefunden und zugleich die Freiheit in praxi am gröblichsten mißachtet und verleugnet haben. In diesen Vorgang gehört auch das Schlagwort vom „Asphaltliberalismus". Es vermischt — aus mangelnder Klarheit über den Doppelsinn der Freiheit — einen p s y chv l o gischen Tatbestand (oder auch nur eine-.Gefahr) der Großstadt mit einer Kraft aus einer ganz anderen Region. Vermischt sie/ weil sich beides bei den selben Menschen findet, die-sich allerdings auch manchmal dieser Vermischung schuldig machen. Warum sollten sie 'klär bleiben in der allgemeinen Verwirrung? Asphaltliberalismus — damit meint man eine ganz bestimmte Schicht der großstädtischen Intellektuellen, und man behauptetdaß der jüdische Einschlag bei ihr -sehr maßgeblich sei. Man meint einen negativen Liberalismus des Geltenlassens. und Gehenlassens, der ungebundenen Routine des Lebensgenusses, der seichten und leichten rationalen; Lebensdeutung und Lebensallsrichtung, der Relativierung aller Wahrheiten und aller Werte. Es gibt Scharen von Entwurzelten jeder Schicht, jeder Rasse, jeder weltanschaulichen Herkunft, die diesem Liberalismus ohne Ethos verfallen. Es gibt aber gerade in der Großstadt als dem Schauplatz, auf dem politische und soziale Problematik in besonderer Weise bewußt wird, als eine sittliche Kraft ganz anderer Ordnung den Liberalismus, der alle echten und notwendigen Emanzipatioilen getragell hat. Dieser Liberalismus, ist eine irrationale Macht tiefsten Ursprungs; denn er ist der Anspruch eines zentralen Wertgefühls im Menschen, daß die Lebensordnungen und das Verhalten in Staat und Gesellschaft diesem Gefühl von Menschenwürde entsprechen. Und wenn dieser Liberalismus erkrankte oder abstürbe — dafür sind einige Symptome vorhanden, zu denen der Antisemitismus gehört — so würde das deutsche Volk trotz aller völkischen Uebevheblichkeit aufhören, ein Volk „rassiger", das soll doch wohl heißen aufrechter und für Würde empfindsamer Menschen zi^ sein.

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