Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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L die beide, wie noch nachznweisen sein wird, die typischen Merkmale des echten Massenwahnes ebenso tragen, wie die Hexenverfolgungen sie trugen. Wir haben selbst erlebt, wie eine Welt sich gegen Deutschland zusammenschloß und die Deutschen Jahre hindurch, während des Weltkrieges' bis auf den heutigen Tag- , mit einem in Stärke und Formen überhaupt nicht verständlichen, ost sinnwidrigen Haß verfolgte, mit einem Haß und Widerwillen, für den keiner der verstandesmäßig anzusührenden Gründe auch nur im mindesten ausreichte. Weder gegnerische Propaganda, noch Mißtrauen, noch materielle Interessen können eine Haßatnwsphäre, besonders in neutralen Ländern, erklären, aus der heraus dein Deutschen geradezu die elementarste Menschenwürde abgesprochen und er als Abschaum der Menschheit für vogelsrei und außerhalb der menschlichen Gesetze stehend erklärt wurde (die Masse der Deutschen weiß auch heute noch verhältnismäßig wenig von den antideutschen Gefühlsäußerungen bei den ehenmls feindlichen und neutralen Völkern während der Kriegs¬ und Nachkriegszeit). Auch der Deutschenhaß trägt wie die hexenversolgnngen die typischen Kennzeichen des Massenwahnes: die Verstrickung auch der gebildeten Schichten in einen Haßglauben, dessen Vorstellungen weit unter der Bildungsstufe der Haßgläubigen liegen, den oft genug sinnwidrigen Greuelglauben (abgehackte Kinderhände und Seifenbereitnng aus Leichen), das Urteilen nach zweierlei Maß, das systematische und hartnäckige Widerstreben gegen jede Art der Aufklärung. Ganz ähnlich liegen die Dinge beim Judenhaß. Es ist nicht nötig, an dieser Stelle auf Einzelheiten, wie sich der Judenhaß durch Jahrhunderte äußerte, einzngehen; es genügt, daraus hinzuweisen, daß er, massenpsychvlogisch gesehen, eine vollkommene Parallele zu den Herenverfolgungen und zmn Deutschenhaß darstellt. Auch hier wiederum ein Greuelglaube, den der aus gleicher Wissens- und Bildungsstufe Stehende, aber nicht in den Massenwahn Verstrickte weit von sich weisen würde, Unterdrückung des eigenen besseren Wissens, unverständlich heftige Ablehnung aller, auch der sachlichsten Aufklärung und Gegenwirkung, Beurteilung des Haßopfers nach anderen Maßstäben als denjenigen, mit denen Nichtjuden beurteilt werden. Wesentlich in allen drei aufgeführten Fällen ist das Auftreten der den echten Massenwahn kennzeichnenden Erscheinungen: Spaltung des Bewußtseins der Befallenen — daher die Erscheinung, daß der vom Massenwahn Ergriffene auf anderen Gebieten des Denkens gleichzeitig gedanklich völlig normal arbeitet — Urteil nach zweierlei Maß und Schmerzempfindlichkeit gegen Aufklärung. Die moderne Wissenschaft führt nun diese merkwürdige und vernunftwidrige geistige Haltung auf eine einzige Ursache zurück, die in einer unveränderlichen menschlichen Eigenheit begründet liegt: Die menschliche Seele kann Unrecht nicht dulden; der normale Mensch verlöre in dem Augenblick, da er Unrecht duldete, seine moralische Selbstachtung. Aber der Mensch, besonders als 2Ü!öef)örige!: irgendeiner Schicksals- oder Verantwortungsgemeinschaft. ist nicht inuner, sondern sehr selten Herr der Lage. Ist es ihm nun aus irgendwelchen Gründen verwehrt, gegen das Unrecht, das an irgendeinem Opfer geschieht, einzuschreiten, es abzustellen, gntzumachen, also sich seelisch zu entlasten, so flüchtet er unbewußt aus eine andere Art aus der Verantwortung, indem er nämlich das Opfer für schuldig hält und das diesem allgetane Unrecht als gerechte Strafe betrachtet. Hat der Mensch nicht so gehandel, wie er, wenn er frei von Aengsten und Schlvächen wäre, als freierer, stärkerer und verantwortungsnmtigerer Mensch Hütte handeln sollen, so verfällt er aus den Ausweg des Selbstbetruges und schiebt dem Opfer die Schuld zu. Also nicht der Haß vieler gegen einen erzeugt den Kampf gegen diesen, sondern der K a m P f g e g e n den einen erzeugt den Haß der vielen gegen ihn. Blau hat Hexen verbrannt, und die Zuschauer konnten dieser Barbarei — nachdem sie ihre Gewissen nicht dadurch entlastet haltet!, daß sie die Hinrichtung verhinderten — nur erliegen, indem sie an die Schuld der Hexen glaubten und sich in immer stärkeren Schuldglauben verstrickten. Die Deutschen wurden isoliert, in einen entsetzlichen Krieg gegen erdrückende Ueberrnacht verwickelt, in einem umnenschlichen Friedensvertrag vergewaltigt tmd das Getvissen der Völker, auch und gerade der Zuschauervölker, konnte das Unrecht nur ertragen, indein es dieses llnrecht durch VösglaubernvoUen in ein „Recht" tvandelte. Die Inder! wurden durch Machthaber und Haßnutznießer schlecht behandelt und außerhalb der Gesetze gestellt, und die Zuschnuergewissen konnten das Unrecht nur ertragen — nachdem sie nicht imstande waren, es zu verhindern —, indem sie an die Bosheit und Schlechtigkeit der Juden glaubten. In allen Fällen trug darnr die „Verdrängung" — wie dieser Vorgang von den Psychoanalytikern genannt wird — zur weiteren Verschärfung der Lage und zur Verstärkung des Haßglaubens bei. Es gibt für den, der ein Unrecht miterlebt, für das er sich als Angehöriger der jeweiligen Gemeinschaft mitverantwortlich fühlt, eben nur zwei Möglichkeiten, sein Gewissen zu entlasten: dem Opfer zu helfe n oder das Opfer zu verlästern. Man steht: massenwahnfüchtig, entlastungsbedürftig macht nicht das Unrecht, das. wir leiden, sondern das unrecht, das wir tun oder z u l a s s e n. Nur ungewöhnlich verantwortunasrnutige Einzelpersönlichkeiten bringen die Selbstüberwindung auf, sich die vor ihren Augen liegende Wahrheit bewußt werden zu lassen, sich als selbstdenkende Menschen mit ihr auseinanderzusetzen, statt die Flucht in die „Blasse", in das Uebereinstimmungsgesühl mit den vielen anzutreten, das dem Flüchtling die trügerische Berechtigung zu verleihen scheint, auf die widersprechende und mahnende Stimme der eigenen Vernunft nicht hören zu müssen. Die Tatsache des MassenwahnS und ihr psychologischer Hintergrund sind zweifellos niederdrückend, zumal seine Bekämpfung, viel- N!ehr Heilung, auf dein Wege der direkten Aufklärung, der Gegenpropaganda kaum möglich ist. Es gibt eigentlich nur ein wirksames Mittel der Heilung: die Wiedergutmachung des Unrechts durch Wiederherstellung des ursprünglichen Rechtszustandes) die eine vollkommene Entlastung des belasteten Massengewissens bewirkt. Erfahrungsgeinäß erloschen Massenwahnzustünde sofort mit der — meist autoritären — Wiederherstellung des Rechts. Darüber hinaus, wenn man eine Heilung auf längere Sicht und die endgültige Beseitigung der Gefahr des Massenwahns ins Auge faßt, dürfte eine nicht unbedeutende Rolle bei der Heilung der Menschheit vom Alp des Massenwahns die Erziehung des Individuums zur v e r a n t w o r t u n g smutigen Persönlichkeit und zum Bekenn e r m u t spielen. Menschliche Freiheit - die Grundlage jedes Staates Denkt an Kant und Schiller! Bereits der erste Philosoph, der sich mit dem Wesen des Staates beschäftigte, hat erkannt, daß die Gerechtigkeit die Leitidee des Staates ist. Platons großer staatsphilosophischer Dialog trügt den bezeichnenden Titel: „Der Staat oder über die Gerechtigkeit". Der tatsächliche Staat verwirklicht dieses Ideal keineswegs, das wußte Platon und das wußten alle Philosophen nach ihm. Aber der Abstand zwischen dem Staat, wie er ist, und dem Staat, wie er sein soll, beeinträchtigt nicht die Geltung und die Bedeutung der Staatsidee. Die Idee ist der Leitbegriff, sie bestimmt die unendliche Aufgabe, sie ibt den Maßstab ab, nach dem der Staat allein eurteilt werden kann. Es ist das Verdienst der Philosophie des deutschen Idealismus und besonders das Verdienst Kants, diese Gedanken begründet und zu einem unverlierbaren Bestandteil der europäischen Kultur gemacht zu haben. Kant stellt eindeutig fest, daß der Staat nicht auf naturgegebene Bindungen wie Blut, Rasse oder gemeinsame Abstammung gegründet werden darf; das^Wesen des Staates könne nicht aus seiner Vergangenheit, aus dem was war und ist, sondern nur aus seiner Zukunft, aus dem, was er werden soll, abgeleitet werden. Diese Auffassung verkennt keineswegs, daß die natürlichen Gemeinschaften (Familie, Abstammung) höchste kulturelle und ethische Bedeutung haben. Aber diese Gemeinschaften können erst im werdenden Rechtsstaat ihre volle Kraft entfalten. Im sogenannten „Naturzustand" standen sich Familien und Sippen feindlich gegenüber, man denke etwa an die Einrichtung der Blutrache. Erst im Nechtsstaate, der nicht auf dem Egoismus der Familien ausgebaut ist, wird die Familie zu einem sittlichen Wert. In gleicher Weise kann sich auch eine wahrhaft nationale Kultur erst in einem Staate entwickeln, der die Idee der Gerechtigkeit zu verwirklichen sucht und der allen Bürgern das gleiche Recht und die gleiche Freiheit gewährt. Die deutschen Philosophen zeigten, daß ein Staat, der zweierlei Recht kennt und darnit die Idee deS Staates verletzt, gleichzeitig mit Notwendigkeit das nationale Leben schädigt. Inuner wieder betont Kant, daß gleichesNechtfür alle ohne A u s n a h m e und o h n e R ü ck s i ch t auf natürliche Verschiedenheit gefordert i st. In der „Kritik der reinen Vernunft" heißt es: „Eine Verfassung von der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen, welche machen, daß jedes Freiheit mit der anderen ihrer zusammen be - stehen kann*) . . . ist . . . eine notwendige Idee, die man nicht bloß im ersten Entwurf einer Staatsverfassung, sondern auch bei allen Gesetzen zum Grunde legen muß."' Diese Staatsauffassung, die bis an die Wiege der europäischen Kultur zurückverfolgt werden kann, aber erst in der Philosophie des . deutschen Idealismus ihren reifen und klassischen Ausdruck findet, ist nicht das Erzeugnis eines einzelnen Philosophen. Schon in den Frühzeiten der deutschen Geschichte ist sie nachweisbar; man denke an. die Grundbegriffe des germanischen Rechts, an die Institution der Markgenossenschaft und den damit zusammenhängenden Begriff der „juristischen Person", der sich von der. gleichen Rechtsfigur des römischen Rechts wesentlich unterscheidet. Die Idee der Rechts-! gemeinschaft, die auf der Freiheit aller Bürger : beruht, ist daher tief-in derdeutschen Kultur verwurzelt. In den Werken Kants und Schillers besitzt das deutsche Volk eine Staatstheorie, die zu den wertvollsten Erzeugnissen deutschen Geistes gehört. An sie sollte man wieder anknüpfen und sich auf die großen Ideen der Freiheit und Gerechtigkeit besinnen. Schon einmal in der deutschen Geschichte — nach dem Zusammenbruch von 1806 — haben diese Ideen den Wiederaufbau und die Gesundung eingeleitet; sie würden auch heute ihre ausbauende Kraft wieder beweisen. vr. S. \£. *) Sperrungen im Original«