Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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76 eindruckte, durch die Anfrage der NL-Fraktion verletzte und durch das Attentat verständlicherweise schwer erschütterte Rektor einen neuen Vorstoß, und zwar von einem Blatte, dessen politischer Richtung zahlreiche Universitätsprofessoren nahestehen. Es ist nicht mehr die alte antisemitische Argumentation, gegen deren Durchsetzung der Rektor bisher Widerstand geleistet hat. Jeh: ist der Angriff auf das politische Gebiet hinübergetragen. Professor Cohn habe seine Parteiflagge gezeigt, indem er für den Kommunisten Trotzki eingetreten sei. (Professor Cohn hat sich übrigens nie um Politik gekümmert. und er ist nie parteipolitisch hervorgetreten.) Wir wissen nicht, ob Rektor und Senat den Wortlaut in der Zeitung „M. M." geprüft haben, ehe sie zu ihrem unverständlichen Entschluß gekommen sind. Wir wissen and] nicht, ob bewährte Treiber hinter den Kulissen aus der Aeußerung Professor Cohns eilte Staatsaktion gemacht und Rektor und Senat zu dem verhängnisvollen Beschluß gedrängt haben, den sie — ein ungewöhnliches Verhalten — sofort der Presse übergaben. Er lautet: „Rektor und Senat halten es für ihre wichtigste Pflicht, die akademische Lehrfreiheit unbedingt zu schützen. Deshalb sind sie mit aller Entschiedenheit für die unbehinderte Lehrtätigkeit des Professors Cohn eingetreten. Es wäre eine selbstverständliche Pflicht des Professors Cohn gewesen, unter den besonderen Verhältnissen unserer Universität alles zu vermeiden, was zu einer weiteren Verschärfung der Lage führen konnte. Leider hat Professor Cohn diese pflichtgemäße Zurückhaltung durch sein unnötiges Hervortreten in einer umstrittenen politischen Frage vermissen lassen. Deshalb halten Rektor und Senat eine weitere Lehrtätigkeit des Professors Cohn an unserer schlesischen Universität im Interesse der Aufrechterhaltung der Ordnung und eines ungestörten Lehrbetriebes für nicht tragbar." Weil Professor Cohn also zu einer „politisch umstrittenen Frage" Stellung genommen hat, hat er seine „pflichtgemäße" Zurückhaltung gebrochen und ist „nicht mehr den Willen zu einer gemeinsamen Zukunst haben. Wann hätten deutsche Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung in ihrer Gesamtheit diese Voraussetzung nicht erfüllt? Waren die christlichen Vorkämpfer der Judenemanzipation, zu einem Teil Träger ältester Adelsnamen, wirklich so verblendete Phantasten, daß sie nur um der Erfüllung des Rechts willen sich mit hohem Schwung kämpferisch für die Gleichstellung jüdischer und deutscher Menschen einsetzten! Man lese m den Reden der Emanzipationszert nach, und man wird feststellen, daß der Preußische Landtag von 1847 die Leistungen, die vaterländische Hingabe und den Charakter der Juden gerechter zu würdigen wußte als der von 1932. Aber, nörgelt der Antisemit, die Juden haben sich schlecht bewährt. Nun, wir sagten es schon: mit dem gelernten Antisemiten wollen wir gern jede Auseinandersetzung aufnehmen, und wir sind um das Urteil eines gerechten Richters über ihren Ausgang nicht bange. Wir verbitten uns nur, daß sich Menschen als?raeeeptores Germaniae aufspielen, die. wie Herr Alfred Ros ende rg, noch im Jahre 1914 russischer Staatsangehöriger oder, wie Chamlragbar". Wir^könnten der Breslauer Universität sehr zahlreiche Fälle nennen, in denen Breslauer Professoren ihre Pflichtgemäße Zurückhaltung in politischen Fragen wirklich haben vermissen lassen, ohne daß die Universität dagegen eingeschritten wäre. Was hat Professor Cohn nun wirklich getan? Der „Montag Morgen" erkundigt sich bei bekannten Persönlichkeiten über ihre Einstellung zu dem Problem Asylrecht kür den von den Kommunisten aus Rußland ausgemieseuen Trotzki. Es antworten der rechtsstehende Politiker Hans Zehrer, der rechtsradikale Kapitänleutnant v. Ehrhardt, der frühere Nationalsozialist Dr. Otto Straffer, der Gesandte a. D. von H i n d e n b u r g, der Staatsminister Karl S e v e r i n g, einige Künstler und Schriftsteller, und auch Professor Cohn äußert sich: „Die Frage gehört zu den sehr zahlreichen Fragen, die kein fachlich Denkender ohne sorgfältigste Prüfung einer Reihe von Umstünden zu beantworten vermag. Insbesondere dürfte es von Wichtigkeit erscheinen zu wissen, welche Erfahrungen die Länder, in denen sich Trotzki bisher aufhielt, mit ihm und seiner Tätigkeit gemacht haben. Ein geistiger Arbeiter wird stets schutzwürdig erscheinen, an Agitatoren und Nurpolitikern haben wir wahrhaftig keinen Mangel." Diese Aeußerung des Professors Cohn wird dem Blatt, das ihn zur Stellungnahme auffordert und dessen Anfrage er nicht unhöflich beantworten will, telephonisch durchgegeben. Es schleichen sich zwei Hörfehler' ein. Professor Cohn hat nämlich nur erklärt, „ein geistiger Arbeiter kann schntzwiirdig erscheinen; an Agitatoren irnD Nnrpolitikern haben wir Dagegen wahrhaftig keinen Mangel". Diese Erklärung ist weder politisch, noch ist sie überhaupt eine Stellungnahme. Sie kehrt lediglich in einer Gegenüberstellung die grundsätzlichen Voraussetzungen hervor, die eine objektive Entscheidung ermöglichen. Die Entscheidung selbst wird von Professor Cohn nicht getroffen. Wie eine derartig harmlose Erklärung eirre „Verschärfung der Lage an der Universität Breslau" herbeiführen soll) ist dem objektiven Betrachter unerfindlich. Diese Verschärfung ist auch gar nicht in Erscheinung getreten. Denn die Studenten haben gegen sie nicht randaliert, obwohl der ]ffi. M." wohl' auch in Breslau taaelang bekannt war. ehe die „Schlesische Zeitung" ihn zum Anlaß ihrer Polemik nahm. Man wäre fast, weil sich wirklich objektive Gründe für eine derartige schiefe und scharfe Beurteilung der „M. M."-Aeußerung nicht finden lassen, zu behaupten geneigt: diese Bemerkung kam sehr gelegen. Sehr gelegen den Treibern, die aus irgendwelchen politischen oder anderen Motiven an der Breslauer Universität Ruhe nicht aufkommen lassen wollend Tief bedauerlich, daß sich Rektor und Senat zu einem derartig übereilten und grundlosen Beschluß haben bestimmen lassen. Sie werden ihn hoffentlich als Männer der Wissenschaft, die gewohnt sind, nach Objektivität und Gerechtigkeit zu streben, nunmehr überprüfen und auch den Mut finden, ihren Irrtum einzugestehen. Völlig unverständlich aber wäre es, wenn die Instanzen, in deren Hand die Wahrung der Staatsautorität gelegt ist, ihre objektive Haltung durch die grundlose Behauptung einer „Pflichtverletzung" beeinflussen lassen wollten. Wir können uns nicht denken, daß das Kultusministerium, das seine Entschlüsse in ruhiger Objektivität und nicht unter dem Eindruck von Flaschenattentaten zu treffen hat. die Autorität des Rechts und des Staates nicht auch in diesem Falle durchsetzen wird. Der Fall Cohn steht für jeden, der objektiv zu prüfen gewillt ist, eindetrtig als künstliche Konstruktion fest. Jetzt geht es um mehr! Nämlich um die Frage, ob der Staat noch gewillt und in der Lage ist, sich durchzusetzen, er. dessen gegenwärtige Vertreter das autoritative Prinzip so' besonders hoch werten. Ter Fall Cohn wird zum Prüfstein für die Festigkeit preußischer Staatsautorität gegenüber einer Bewegung, die wahrscheinlich in nicht zu ferner Zeit keine Bewegung mehr sein wird. berlain, Engländer waren. Wir verbitten uns eine moralische Wertung durch sogenannte politische Führer, die der frühere Nationalsozialist Dr. Otto Straffer aus genauer Kenntnis seiner Partei als „Kreaturen" bezeichnet hat. Wir verbitten uns die verallgemeinernde Abwertung aller deutschen Juden nach dem Sklarek- Maßstab. Wir fordern von den kultivierten, nach Objektivität strebenden Volksgenossen, daß sie sich in ihrem Urteil über uns von oft unbewußt gewachsenen Vorurteilen frei machen, daß sie uns hören, wie wir ihre Kritik ohne selbstgefälligen Eigensinn ernst nehmen, und daß sie bereit sind, Ressentiments besserer Einsicht zu opfern. VI. Wir kennen keine Judensrage in Deutschland. 1 Prozent jüdischer Deutscher, 1 Prozent deutscher Menschen jüdischer Abstammung und jüdischen Bekenntnisses beeinträchtigen auf keinem Gebiet deutsche Entwicklung. Unser Stolz auf unsere Abstammung, unsere Tradition und unser Glaubensbekenntnis hindern in nichts die Einordnung in deutsches Volksleben und Werden. Man fordere von uns nicht Einseitigkeit, nran erkenne uns die gleiche Entwicklungsmöglichkeit zu wie allen anderen Volksgenossen, man verüble uns nicht, daß wir zu einem Teil in anderen politischen Lagern stehen als die deutschen Volksgenossen gleicher wirtschaftlicher Schichtung. Deutsches politisches Leben wächst gewiß nicht allein auf nationalsozialistischem Boden. Deutsche Katholiken, deutsche Liberale. deutsche Sozialisten haben den gleichen Anspruch, als deutsche Menschen gewertet zu werden, wie jüdische Deutsche, gleichgültig, in welchem der politischen Lager, in. denen deutsche Entwicklung gestaltet wird, sie stehen.! Neben den tausend echten Problemen^; dieser Krisenzeit lastet ohne Not auf demH innerpolitischen Leben Deutschlands dich sogenannte Judenfrage. Sie ist k ü n ft l i W geschaffen. Sie brauchte uns nicht neurotisch^ zu erhitzen, Kamps und Haß zu gebärenH echte Probleme zu vernebeln und zu vevH zerren. Wer mit uns eintritt für das ZÄH einem glücklicheren Deutschland - den -Weg- M ebnen, der sorge dafür, daß der verwemD liche Gegensatz „Deutsche" und „JuderrH aus den Begriffsvorstellungen des deutschem Volkes weicht, der kämpfe an seinem HlM mit uns für die Befreiung der deutsMU Politik von der Judenfrage.