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Central-Verein-Zeitung · 1932-12-01 · Heft 12 (Dezember 1932) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1932
Issue
Heft 12 (Dezember 1932)
Date
1932-12-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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W nietet wm\ n» Ekelhaste Ausnutzung eines Moröes zu politischer Hetze Sonderberichf für Rastenbttvg, 21. Dezember 1932. „RiLualmord in Rastenburg?"', so kautet die Ueberschrrst eines Artikels der in Königsberg t. Pr erscheinenden Nattonallozralrstrschen ..Preußischen Zeitung"'. Rr. 279. vom 20. Dezember 1932. In diesem Artikel wird ein an einem Kinde begangenes scheußliches Verbrechen dazu benutzt, das ..alte Märchen yom Ritualmord"' aufzufrischen. Folgender Tatbestand gab Anlaß zu dem Gerücht: Als am Abend des 3 Dezember der achtjährige Sohn des Schlossers H a f f k e aus der Ausburger Straße in Rasten bürg nicht nach Haufe kam. alarmierten die besorgten Eltern die Polizei Am Mittwoch morgen fand ein des Weges kommender Arbeiter in einer Ackerfurche nabe der Stadt den kleinen Benno Haffke mit durchschnittener Kehle. In christlichen wie ui jüdischen Kreisen löste diese Tat nach ibrem Bekanntwerden einen selbstverständlichen Abscheu aus sowie tiefstes Mitgefübl mit den Eltern, insbesondere mit^ der Mutter, welche einer Niederkunft entgegensieht. Fieberhaft arbeitet seitdem die diesige Polizei unter Hinzuziehung einiger Spezialisten an der Aufklärung des Mordes. Doch bis letzt leider vergebens. Es batte in der Nacht nach dem Verbrechen dauernd geschneit und gestürmt, so daß die polizeilichen Ermittlungen sehr erschwert wurden. Wie die Qbduktion der Leiche ergab, ist der Tod durch großen Blutverlust eingetreten. Kurz nach dem Dekanntwerden der Tat setzten Gerüchte ein. daß es sich wobl um einen ..Ritualmord" handeln müßte. Obwohl es uns Rastenburger Juden klar war. von welcher Seite solche Gerüchte in das Volk getragen werden, fühlten wir uns nicht veranlaßt, hierzu Stellung zu nehmen. da wir zu der Wissenschaft und Objektivität der Behörden das Vertrauen haben, daß ste wissen, daß es einen Ritualmord tatsächlich nicht gibt. Wir schwiegen auch noch, um die Ermittlungen der Polizei nicht zu stören, als der jüdische Händler A. von interessierter Seite des Mordes verdächtigt und amtlich vernommen wurde. Es handelt sich hier um einen Menschen, von dem selbst die „Preußische Zeitung" schreibt, daß er wegen ferner körperlichen Schwäche als Täter nicht in Frage kommt, den ..sie" aber als eventuellen Antreiber betrachtet. Selbstverständlich konnte A. sein Alibi einwandfrei Nachweisen. Er ist. wie gesagt, ein Mensch mit nicht nur schwachen. sondern man kann sagen kranken Nerven: feine Geistesanlagen sind nicht höher als die des achtjährrgen Ermordeten zu bewerten So nahm er sich die Verdächtigung mehr als jeder andere zu Herzen und meinte, die ..Schande" als welche die Vernehmung nun in seiner krankhaften Einbildung riefengroß dastand, nicht überleben zu können. So griff er unmittelbar nach ferner Vernehmung zum Gashahn. Ein Glück, daß er am Leben blieb. Es ist gar nicht auszudenken, welche Phantasien die nationalsozialistische Presse im Falle seines Todes entwickelt hätte. Alles, was die „Preußische Zeitung" sonst noch zur ..Sache" brachte, sind mehr oder weniger Vermurungen und der oei solchen Anlässen übliche Sradtklalsch. Nur nimmt es wunder, daß sie hierbei die hauptsächlichste VermutunL ob bewußt oder unbewußt, möchte ich dahingestellt sein lassen, verschweigt Ist es wirklich so. daß außer den von der „Preußischen Zeitung" angeführten Motiven, welche nicht in Frage kommen sollen, nämlich: Finanzielle Vorteile. Racheakt und Lustmord, keine andere Motive vorhanden sind? Ich möchte an die „Preußische Zeitung" einige bescheidene Fragen stellen: Ist vem BeriMerstatter der ..Preußischer, Zeitung" nicht bekannt, daß es vor der Ermordung des kleinen .Haffke im Hanse, wo seine Eltern wohnen. in kurzer Zeit zweimal brannte, der Brand aber noch immer rechtzeitig entdeckt wurde? .daß es am Sonnabend, den 18. Dezember d. I., daselbst zum drittenmal brannte und eilt größeres tlnaluck nur durch das euerdie „E. D.-Zeitung" gische Eingreifen der Feuerwehr verhindert wurde? .. . das; sich in der Stadt Rastenbnrg hartnackrg das Gerücht erhält, der «eine Bruno Hasste habe einmal die A e n st e r u n g s a l l e n lassen, daß er wüßte, wer die Brandft i s t u n g e n verübt habe? daß man sich also wohl fragen muß, ob nicht iemand das Motiv hatte, einen unbequemen Mitwisser auS dem Wege zu schassen? Ter C. B. hat sogleich nach Erscheinen des Artikels in der „Preußischen Zeitung" den christlicher» Direktor des Königsberger Gerichtsmedizmrschen Umversitäts - Instituts. Prof. Tr. Nippe, welcher die Leichensektion im Falle Hasste ausgeiührt hat. gebeten, sich zu dem Ritualmordverdacht zu äußern. Professor Nippe hat erklärt, daß ein jüdischer Nitualword in der gesamten Gerichtsmedizin der Welt nrenrals festgeftellt worden ist. Ein dahingehendes Gutachten sei auch von seinem Lehrer und Vorgänger, Prof. Dr. Puppe, erstattet worden. Als alles davon sprach, sich entrüstete oder belustigte, je nach politischem Temperament — vor allem aber: als sich daran die politische Ränkesucht entzündete und Beteiligten und Unbeteiligten ein häßliches Schauspiel bot. da haben wrr geschwiegen. Jetzt, da Schwergen eingetreten ist in der größeren Oeffentkrchkeit. halten wir es sür unsere Pflicht zu sprechen: es handelt sich um den Fall Düsterberg. Die Tatsachen sind so bekannt, daß eine Wiederholung sich fast erübrigt. Es hat sich herausgestellt, daß des Stahlhelmführers Düsterberg Großvater Jude gewesen ist. Tüfterberg soll es nicht gewußt haben. Die Entdeckung, die von den Nationalsozialisten zu einer unerhörten Hetze gegen den verhaßten Nebenspieler ausgenutzt wurde, habe ihn so getroffen, daß er vorübergehend gesundheitlich niedergeworsen worden sei. So und ähnlich berichteten die ihni nahestehenden Blätter. Mit vollem Bewußtsein haben wir uns in das kleinliche Für und Wider nicht eingemischk. Gleich fern lagen uns die nach so mancher Begebenheit vielleicht verständliche Geste der Schadenfreude wie die Haltung billigen Triumphes oder offener Feindseligkeit. Wir mieden die Sensation, weil wir ihrer weder zum Kamps noch zur Bestätigung längst gewußter Wahrheiten bedurften. Zwar wußten wir nicht, daß der Führer des Stahlhelm, der Präsidentschaftskandidat Tüsterberg, jüdisches Blut in den Adern hat: aber wir wußten, daß so etwas möglich ist, daß das große Staunen über die Entdeckung viel mehr erner blinden Voreingenommenheit als einer wahren Erkenntnis der Tinge entsprang. Worüber staunte man? Darüber, daß ern deutscher Führer, em Soldat sich plötzlich als Judenstäwmling entpuppte. Ist so etwas Anlaß zum Staunen auch für uns? Kann uns so etwas dazu führen, einen Menschen als entehrt anzusehen oder ihn über stärkste Hemmnisse gefühlsmäßiger und reflektorischer Art hinweg mit einem ..Und doch!" werter anzuerkennen? Keins von beiden: in unseren Augen ist die Entdeckung zutiefst uninteressant. Interessant wird sie erst durch ihre beweisende bzw. widerlegende Rylle im Streit der Meinungen. Und hier verdient vor allem die M Der Landesverband Ost Preußen des E. V der lernen Syndikus Sabatzky soe 'fort an Ort und Stelle gesandt hatte, und die Ortsgruppe R a st e n b u r a des E. B. haben « zusammen alles unternommen, was zur - Aufklärung und Beruhigung der Bevölkerung t dienen kann. Der oüpreußischen Presse, ins- 4 besondere aber der Raitenburger. wurde eine 3 Erklärung abgegeben, in der nicht nur auf die - wissenschaftlichen Erklärungen der Professoren 3 Rippe und Puppe Bezug genommen.' son- > öcrn auch auf ein Gutachten des kürzlich; verstorbenen, ordentlichen 'Professors der evcme gelischen Theologie an der Könrgsberger Uni- * versität. D Tr. Mar Löhr hingewiesen 1 wurde. Vom christlichen theologischen * Standpunkte aus betrachtet L ö h r das Nilnalmordgerücht als einen Mittelalterr lichen Aberglauben. Weiterhin hat die x Iustizpreskestelle der ostprenßi- , schen, insbesondere der R a st e n b u r g e r Presse eine Mitteilung zur Deröffent- 3 lichnng zngehen lassen in welcher die l „Tatbestandöauöftthrungen" der ,,Pren- - tzischen Zeitung" durch diese amtliche i Feststellung als unwahr erkannt und i der Verdacht eines Ritualmordes als völlig unbegründet bezeichnet worden ist. ) Tre ..Preußische Zeitung" hat es natürlich nicht sür nötig gefunden, diese Erklärung der Justizp ressestelle abzudrucken. ft. Wache. Stellungnahme des .Deutschen Volkstums" Beachtung, dem das Ringen um fernen Standpunkt - sichtlich besonders schwer geworden ist. 1 üsterberg ist nicht völlig j Blutsdeutscher?" schreibt es. „Aber l er ist vö l l i.g S ch i ck s a ls d e u t s ch e r. Gott entscheidet durch das Blut, [ er entscheidet auch durch das j Schicksal. Wir neljmm diese Entscheidung an: Düsterberg i st ein Deutsche r." j Wir haben dieser Entscheidung nichts hinzuzusetzen. Mit chr übernimmt das „Deutsche Volkstum" unsere Auffassung von dem Wesen i des Volkstums. Teiin hier tut das Faktmn der Muts m i f ch u n g nichts zur Sache. Frage ist L einzig und allein: Gibt es ei n e .I nsta nZ. höher als die Zusammensetzung des , Blutes, d i e über die Zugehörigkeit 3 u erner Volksgemeinschaft; entscheidet? Das „Deutsche Volkstum" antwortet was wir imnier geantwortet haben: „Ja! Schicksal und Wille!" Mag sein, daß in: Falle Tüsterberg, das Schicksal im Sinne des ..Deutschen Volkstums" besonders eindeutig entschieden hat. weil ja das „Deutsck)e Volkslum" eine ganz merkwürdige und höchst gewaltsam einseitige Ausfassung vom Wesen des deutschen Volkes har, eine Auffassung, der Düsterbergs Schicksal in besonderem Maße entspracht. Es gibt andere Auffassungen vom deutschen Wesen, nicht minder „deutsch" und mcht minder echt; m sie schicksals- und willensmüßig hinernKNvachseu, bedeutet nicht weniger Entscheidung für deutsche Volkszugehörigkeit als eine zufällige Hingabe an eine TeutschheiL des Militarismus und polit'rschon Konservativismus, die ganz bestimmt nicht den Namen der Deutschheit schlechthin verdient. Das „Deutsche Volkstum", richtunggebend! für einen großen Teil der nationalistischen! Jugend, hat einen bedeutsamen Schritt vorwärts! getan. Die Zukunft wird erweisen, ob es auf dem neu eroberten Platz ftehenbleibt auch wenn er ihm nicht mehr augenblicklichen Vorteil ver-; bürgt. Dr. B. R.-J. ... durch Schükfal DeuMer/§>-«! «her 09479331

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