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Central-Verein-Zeitung · 1932-12-01 · Heft 12 (Dezember 1932) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1932
Issue
Heft 12 (Dezember 1932)
Date
1932-12-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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74 Wir wehren uns gegen die Theorie, wir kämpfen gegen die Folgerung. Aber wir erwarten von versponnenen und einseitlgen Theoretikern nicht, daß sie für unsere seelische Haltung Verständnis finben. III. Uns kommt es auf die anderen an: auf die große Schar jener Volksgenossen, denen die sogenannte Judenfrage weder „der Schlüssel der Weltgeschichte" noch überhaupt Gegenstand brennenden Interesses ist. Sw kümmern sich nicht um die Nassensrage und sie wissen auch, daß ein gut Teil der marktgängigen antisemitischen Vorwürfe auf oberst ä ch t i ch e V e r a l t g e m e i - n e r u n g zurückgeht. Aber sie sind lueit entfernt, der'Judenhetze Einhalt zn gebieten. Das Verlangen gar, sich für die Juden herauszilstellen, gilt ihnen als eine jüdische, „echt jüdische" Zumutung. (Obwohl es ja nicht um das eine Prozent deutscher Volksangehöriger geht, das jüdischen Bekenntnisses und jüdischer Abstammung ist. Es geht um viel mehr: um die menschliche und Geisiesfreiheit, um das Recht und die Wahrung des deutschen Ansehens gegen den Vorwurf der Barbarei und um den inneren Frieden im deutschen Volke.) „Deutsch sein" heißt, nach der Auffassung dieser vielen Gleichgültigen, „eine Sache um ihrer selbst willen tun". Aber diesen Grundsatz haben sie nicht bewährt, wenn es mutigen Protest oder wenigstens verstehendes Bedauern auSzudrückeu galt. Nicht aus bösem Willen, eher wohl aus mangelndem Verständnis haben sie gleichgültig geschwiegen, wenn im öffentlichen Leben die kreischende Parole: „Der Jude ist schuld!" hysterischen Beifall fand. Ihre Herzen sind trüge. Sie haben nicht vor Erregung geschlagen, als 125mal Grabschänder die Totenruhe störten und so den Boden unterwühlten, auf dem sich deutsche Kultur aufbaut. Sie blieben m trägein Gleichmaß, als man die Blutopfer der deutschen Juden aus den Massengräbern ausscharrte und die Geopferten zählte, ob nur ja nicht einer mehr nach Hause gekommen sei, als die Statistik es zuließ. Sie haben sich nicht empört, als der Mob in den Novembertagen 1923 und im August 1932 jüdische Menschen jagte und Handgranaten in jüdische Häuser schleuderte. Die Träger dieser stumpfen ' Herzen haben dann vielleicht kühl nach der Polizei gerufen; von der seelischen Not schuldloser Volksgenossen haben sie nichts gespürt. Ost aber haben gerade s i e uns den Rat gegeben: „Stiefkinder müssen doppelt artig fein. Haltet euch zurück, macht euer Recht nicht geltend! Fordert nicht Anerkennung, wenn eure Leistungen sie auch erzwingt! Seid ihr auch selbst überzeugt, dem deutschen Volke dienen zu können — verzichtet lieber auf diesen Dienst, mischt euch nicht in die deutsche Politik und dient euch nicht empor in den Aerntern, in denen deutsche Entwicklung geformt wird. Ihr seht doch: marr nrag euch nicht, und wir haben andere Sorgen, als euren Rechtsanspruch durchzusetzen." Diese Volksgenossen hassen uns nicht, sie verachten uns nicht; aber sie sehen in. uns nicht gleichberechtigte j ü d i s ch e Deutsche: sie unterscheiden zwischen Deuts ch e n und Jude n. Weil sie uns nicht begreifen, fehlt ihnen der Begriff, bt'n die Verfassung als Abschluß geschichtlicher Entwicklung für unsere Einordnung in das deutsche Volk geprägt hat: „j ü d i s ch e D e u t s ch e". Sie wissen nicht, wie sehr sie von unbewußtem Fühlen, das aus uralter Ueberlieferung in ihnen fortwirkt, bestimmt werden. Der Schmerz, den sie als Kinder erlebten, als sie zum erstenmal die Passionsgeschichte hörten, der Eindruck jener alten Volksmärchen, in denen der Jude listig und habgierig bem Kind als Symbol des Bösen galt, hat sie arg m öhnlsch gemacht und läßt sie emen Gegensatz zwischen ihnen und uns s u ch e n. Deshalb gingen ihnen die törichten Parolen vom „jüdischen Bolschewismus" und von den „jüdischen Schiebern" besonders leicht em. Sie sind sich am Stammtisch darüber einig, daß der Schieber Sklarek ein „jüdischer Typ" ist. lieber dem einen Sklarek vergessen sie Albert B a l l i n und Emil Rathen au, Ludwig Loewe und Karl Melchior, vergessen sie vor allem die biederen jüdischen Kaufleute ihrer Heimatstadt und Hunderttausende der Stillen im Lande, die genau so leben und sich mühen wie sie selbst. Nur die Schlechtesten nehmen sie als Beweis für unsere Art; die Nnmanieren und die Unkultur eines jüdischen Parvenüs sehen sie durch das antisemitische Vergrößerungsglas, das ihnen den einen Juden als „Typ" aller zeigt; die Stillen, Fleißigen und Bescheidenen aber, die überwältigende M a s s e der deutschen Juden betrachten sie durch das Verkleinerungsglas, das ihnen diesen wirklichen Typ als Ausnahme darstellt: „Ja, wenn alle so wären wie der .. pflegen sie zu reagieren. (In diesen Tagen geht ein Scherzwort durch das deutsche Volk: Wieviel Juden gibt es in Deutschland? 12 Millionen. Warum? Jeder Nationalsozialist kennt einen anständigen Juden. 12 Millionen Nationalsozialisten gibt es. Also gibt es 12 Millionen Juden.) Sie nicken dem gelernten Antisemiten verständnisvoll Beifall, wenn sie sich aus Neugier in seine Versammlung verirrt haben und dort von den Juden als Trägern des „zerstörenden jüdischen Bolschewismus" hören. Sie klatschen im nächsten Augenblick. wenn der gleiche Redner die Juden als „Träger des wirtschaftsvernichtenden Kapitalismus" anprangert. Sie fordern nationale Gesinnung, und nur der ist ihnen national, der in einer Rechtspartei die Vertretung seiner politischen Interessen findet. Deshalb halten sie die Juden für nicht national, für international, antinational, weil sie sie nicht in ihrer eigenen Partei sehen. Sie vergessen nur, daß eben diese ihre eigene Partei programmatisch oder praktisch jüdische Menschen ablehnt, weil sie sich mit Juden nicht belasten will. Sie vergessen auch, daß einst ihre Großväter gemeinsam mit den Großvätern ihrer jüdischen Nachbarn sich zum Schwarz-Not-Gold der deutschen Revolution von 1848 bekannt haben. Die nichtjüdischen Enkel wissen wenig mehr von dem humanistischen Gedankengut der Großväter. Ihnen hat dre Entwicklung des Kaiserreiches die Stellung gegeben, für die der deutsche bürgerliche Achtundvierziger gegen feudalaristokratischen Widerstand gekämpft hat. Den Kindern und Enkeln der j ü d i s ch e n Achtundvierziger blieb der Lohn im Kaiserreich versagt. Die politische Tradition des mchtjüdischen deutschen Bürgertums formte sich in den beiden ZriMossMndMW Auf deyl jüdischen Friedhof in Osthofen (Itheinhessen) wurden von unbekannten Tätern zwei schwere Grabsteine um» gestürzt, am Eingang ves Friedhofes würbe eine Ruhebank mit Gewalt ans dem Boden herausgerissen und umgeworfen. Die Gendarmerie hat die erforderlichen Ermittlungen ausgenommen. Die Israelitische Neligionsgemcinde Osthofen hat auf die Ergreifung der Täter eine namhafte Belohnung ausgesetzt. In Frenz bei Düren im Rheinland wurden auf dem jüdischen Friedhof zwei Grabsteine zerstört und mehrere Gräber beschädigt. Die eiserne Eingangstür zum Friedhof wurde zertrümmert. Da an dem Ort nur noch wenige jüdische Fannlien wohnen und der Friedhof selten ausgesucht wird, wurden die Zerstörungen, die schon im Oktober begangen sein dürften, erst jetzt bemerkt. letzten Generationen anders als die der jüdischen Bürger. Offizierstradition, Tradition des hohen Beamtentums, kurz die Ofsizialitüt des kaiserlichen Deutschland war den jüdischen Deutschen verschlossen. Was Wunder, ivenn sie mit Millionen anderer deutscher Volksgenossen das neue System bejahten, in dessen Verfassung das humanistische Gedankengut der geistigsten und tiefsten Epoche deutscher Entwicklung verankert wurde. Aus dieser traditionellen Unterschiedlichkeit quillt der Erfolg der politischen Schlagworte von der „jüdischen Presse", vom „zersetzenden jüdischen Literatentum" und von der „Revolution, die der Stern Judas" sein soll. IV. Gäbe es neben den Antisemiten und jener eben skizzierten Schicht nicht noch andere Gruppen und Menschen in Deutschland, die gerecht und objektiv denken, die deutschen Juden könnten in dieser Stickluft nicht mehr atmen. Aber wir sehen und grüßen jene Vorkämpfer einer toleranten und humanistischen Gesinnung, denen die Judenfrage ein überwundener Standpunkt ist. Sie sind frei von jedem Haßgefühl und fast völlig frei von den Schlacken jener gefühlsmäßigen Abneigung, deren Wurzeln >vir aufzudecken versuchten. Sie kämpsen sogar gegen antisemitische Strömungen, weil sie wissen, daß der Antisenritismus der: „Sozialismus der dummen Kerls" ist und,7 weil er einer sachlichen, allein fruchtbaren^ Austragung politischer Gegensätze im Wege^ steht. Noch immer haben geschwächte poli-z tische Bewegungen sich nicht gescheut, eineM Prügelknaben die Schuld aufzubürden, dre^ das. Bolksurteil der eigenen BewegunU zusprach. Die Stein - HardenbergMw; Reformen waren nach der Meinung Jggf Lebuser Stände eine „Judenmache", MM. Friedrich Wilhelm IV. glaubte, die RevolU^ tion voll 1848 als „Judenrevolutlonstigmatisieren zu können. Der Graf von LM S ch n l e n b u r g riet am 8. November ivW dem Kaiser, er solle das Heer nach DentstV land führen und dem Volke sagen, daß0).

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