Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 11 (November 1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Warten, das; es „gelttngett sei, das Origittalrund schreiben des ZentruLvereins deutscher Stuntsbürger jüdischen Glaubens in die Hände zu befummelt". Die Pressestelle des Cv B. versandte nn die grüße deutsche Tagespreise und die grüßen Nachrichtenbüros eine Protesterklärung des Centrolvereins, in der es u. n. hieß: Dieses Rundschreiben ist eine plumpe Fälschung mit durchsichtiger Tendenz. Der Centrolverein deutscher Staatsbiirger jüdischen Glaubens e. B., der parteipolitisch neutral ist, hat weder dieses noch ein ähnliches Rundschreiben heransgegeben; eine Ortsgruppe Berlin des Centralvereins, von der dieses Rundschreiben ansgehen soll, existiert überhaupt nicht. Der Centralverein protestiert ans das schärfste gegen derartige unsaubere Machenschaften. Ans welchem Lager sie stammen, ist nach der Tendenz der Fälschungen klar zu erkennen. Die Zeitungen haben in sehr großer Zahl den Protest des C. V. gegen die plumpe Wahllüge veröffentlicht. Er erschien u. a. in F r a n k - f u r t a. M., Dortmund, Köln und Bremen, um nur einige wenige Städte zu nennen, vor allem aber in sehr vielen Provinzblättern in den ländlichen Bezirken Pommerns und Ostpreußens. Der Centralverein schickte sofort an diejenigen nationalsozialistischen Zeitungen, die das Flugblatt veröffentlicht hatten, prestgesetzliche Berichtigungen. Er erwirkte an mehreren Orten, wie in B e l g a r d (Pommern), Bochum und Esten einstweilige Verfügung gegen den öffentlichen Aushang des angeblichen Rundschreibens des C. B. in Schaufenstern nationalsozialistischer Lokale. In der Antragsbegründung wurde jedesmal u. a. auf folgendes hingewiesen: Die Tendenz des gefälschten Briefes ist ganz offensichtlich die, die gegenwärtige Negierung als im Bund mit den deutschen Juden stehend zu charakterisieren und ebenso den Centralverein zu verdächtigen, mit dieser Negierung auf geheime Weise zu seinem Vorteil in Verbindung zu stehen. Damit wird auch der Centralverein in der Oeffentlichkeit in verächtlicher Weise angeprangert, ganz abgesehen davon, daß schon die Veröffentlichung eines gefälschten Briefes an sich unsittlich ist. Ueberdies ist der Centralverein parteipolitisch neutral. Zn seinen Mitgliedern gehören Angehörige aller politischen Richtungen, so daß also durch die Veröffentlichung des gefälschten Briefes der Anschein erweckt wird, als ob der Centralverein satzungswidrig seine Grundsätze verleugne. Damit wird er in den Augen seiner Mitglieder herabgesetzt und in seinen Bestrebungen gehindert und beeinträchtigt. Die Veröffentlichung des gefälschten Briefes bedeutet daher einen sittenwidrigen Eingr'ff in die geschützten Rechte des Centralvereins. Den Deutschnationalen selbst, deren Hauptgeschäftsstelle der Centralverein eine eidesstattliche Versicherung über die Fälschung des Rundschreibens zur Verfügung stellte, haben sich, was wir in der vorigen Nummer bereits kurz andeuteten, mit dem Rundschreiben als einem Produkt einer „systematisch arbeitenden Lügenfabrik" beschäftigt, lieber die Breslauer Rede Hugenbergs vom 1. November haben vor allein außerordentlich zahlreiche rechtsgerichtete Zeitungen in allen Teilen des Reiches berichtet und dabei jedesmal, auf das dein Centralverein angedichtete Flugblatt als eine Fätfchllng ausdrücklich hingewiesen. Außerdem hot die' Deutschnationale Bolkspartei durch ihre Parteigeschäftsstellen Richtigstellungen und Proteste in die Tagespresse lanciert, preßgesehliche Berichtigungen erlangt, sogar mancherorts die Protesterklärungen des Centralvereins im Nahmen von Inseraten veröffentlicht. In Berlin 71 sah man an den Anschlagsäulen große Wahlplakate, ferner von Flugzellgen abgeworseue Flugblätter, in denen sich die Detitschmtlmnalen gegen die Fälschung wandten. E. G. L. Die Religion Spinozas Zum 300. Geburisiage -es Philosophen Von Dozent Or. Albert Lewkowih (Breslau) Int Jahre 1600 wurde GiordattoBruno ans dem Campo di Fiore in Nom verbrannt, weil er „nicht in einent ägyptischen, syrischen, griechischen, römischen Individuum," sondern „in der erhabenen Köntgsburg der Allmacht, in der unermeßlichen Tiefe der Aethers, in der Allfahigkeit der vermöge ihrer Keimkraft alles iverdenden und alles schaffenden Natur" Gott allein verehren konnte. Der Tod Giordano Brunos hat mehr als eine Persönliche Bedeutung. Er offenbart, daß nicht allein die kopernikanische Naturerkenntnis mit der Weltanschantlng der Kirche in Konflikt geraten, sondern daß auch die Religion der Neuzeit im Bunde mit drr ttetteit Naturerkeuntnis dem kirchlichen Dogma entwachsen war. Die künstlerisch-religiöse Weltanschauung der Renaissance sieht in der Natur die allein wahrhafte Offenbarung Gottes, wie sie auch in Goethes „Faust" sich ausspricht: „Wie Himmelskräfte auf und niedersteigen und sich die goldenen Eitner reichen! Mit Segen duftenden Schwingen vont Himmel durch die Erde dringen, harmonisch all' das All durchdringen!" Nur ein Menschenalter später, im Jahre 1632, ist Spinoza geboren, der die Naturreligion der Renaissance nicht auf die künstlerische Verklärung der Natur, sondern aus die strenge Wahrheit der mathematischen Erkenntnis gründete. Alle Versuche, Spinozas Gestalt unb Werk dadurch zu verdeutlichen, daß er den Künstlern der Renaissance oder des Barock zur Seite gestellt wird, gehen an seinem Wesen vorüber. Der einsame Denker verehrte die Natur als Offenbarung Gottes iticht von einem seherischen Gefühl erleuchtet, sondern in der tiefen Gewißheit, in erkennender Liebe, die Einheit Gottes und der Natur erkannt zu haben. Spinozas Natur ist nicht der Kosntos, den Giordano Bruno besingt oder dem der jüdische Denker Leone Ebreo seine Dialoghi di Amore widmete. Nicht die Schönheit und Güte der Welt bekunden Spinoza Gott in seinen Werken, fonbern das in mathematischer Methode geschulte Dettken begreift Gott als erste Ursache alles Seienden, als die unendliche Substanz, deren Wesensfülle in unendlichen Attributen sich ausdrückt. Die Unendlichkeit Gottes gestattet es nicht, daß es ein Sein außerhalb seiner Unendlichkeit gäbe. Alles ivas ist, ist in ihm und kann ohne ihn nicht gedacht werden. So wie aus der Unendlichkeit des mathematischen Raumes die geometrischeit Figuren und die von ihnen geltenden mathematischen Lehrsätze mit logischer Notwendigkeit abgeleitet werden, geht ans Gottes Wesenheit Unendliches auf unendliche Weise hervor. Und wie eine eherne Kette logischer Beweise von ben Grundsätzen der Mathematik bis zu ihren letzten Konsequenzen führt, reicht ein unverbrüchlicher Kausalzusamtnenhang von der Unendlichkeit Gottes bis zum letzten flüchtigen Wellettspiel der Erscheinungen. Die strenge G e s e tz l i ch k e i t d e r Natur ist der Ansdruck der Erhabenheit und Ewigkeit des g ö t t l i ch e n D e n f e n s. Die Natur ist die Einheit des göttlichen Gedankens und der Wirklichkeit. Die Ordnung und Folge der Gedanken Gottes ist die gleiche wie die Ordnung und Folge der Dinge. So wenig es aber einen Sinn hat ztl fragen, zu welchem Zweck dieWinkelsumute eines Dreiecks gleich zwei Rechten sei, so wenig ist es berechtigt, die Natur oder Gott auf einen Zweck hinwirken zu lassen. Nur in der strengen, logischen Notwendigkeit liegt der Prüfstein der Wahrheit. Die Wahrheit ist Ausdruck ihrer selbst, nicht ein Mittel für einen ihr fremden Zweck. Gott ist die Wahrheit; die Wahrheit ist die Natur: Oeu8 8ive natura! Und was ist der Mensch? Gottes Unendlichkeit und Ewigkeit gegenüber ist der Mensch eine endliche Weise des Seins, mit tausend Bmtden unter die Gesetze der Natur gebunden, in seinen Trieben ans seine Selbsterhaltung^und Selbstbehauptung gerichtet. . Daher die Ruhelosigkeit des menschlichen Herzens, die ewige Gefährdung seines Seins, das Meer der Leidenschaften, die unaufhörlich brausen wie die Wellen des Meeres, daher das intmer neu sich webende Geflecht aus Liebe und Haß. das den Menschen an den Menschen bindet. Der Mensch, ein Sklave der Natur, in Knechtschaft unter den Trieben der Selbstsucht, von seinen Hoffnungen und Wünschen genarrt. Gibt es ein Entrinnen aus diesem Wahn des menschlichen Lebens? Die Wahrheit befreit vom Wahn; die Erkenntnis löst das Leben aus dem Krampf der Selbstsucht, erkennt in den sozialen Ordnungen der Menschen die Gesetze utenschlicher Vernunft, die den Kampf aller gegen alle durch einen Friedeuszustaud beenden, erkennt im Wohlwollen, der Güte, der Selbstlosigkeit die wahrhaften Mittel, den Haß zu vernichten mtd durch Frettde Liebe zu weckett. Die E r - k e n n t n i s sprengt die Fesseln des Ich und zeigt in der Natur die Ewigkeit Gottes, in der Erkenntnis Gottes den Weg ztlr Vollendung des Menschen, den Weg zur Freiheit und Ewigkeit und Seligkeit in der selbstlosen erkennenden Liebe Gottes. Wahrheit, Freiheit, Unsterblick)- keit, Seligkeit werden dem Denker zttteil, der die Welt unter dent Gesichtspunkt der Eivigkeit erkennt tmd sich als Teil der göttlichen Unendlichkeit, Wahrheit und Ewigkeit begreift! „Schild der Notwendigkeit, höchstes Gestirn des Seins! — das kein Wunsch erreicht, das kein Nein befleckt, ewiges Ja des Seins, ewig bin ich dein Ja! Denn ich liebe dich, o Ewigkeit!" (Nietzsche). Diese selbstlose Gottesliebe, die zttgleich amoi* fati ist, ist Spinozas Religion. In ihr verbindet sich die Demut der Frömlnigkeit mit dem Stolz der Erkenntnis. Diese Erkenntnis ruht auf dem Fundament der exakten Naturerkenntuis, welche Spinoza zur Weltanschauung erweitert. Daher die tiefe Anziehung, die Spinozas Religion besonders mtf Naturforscher ausgeübt hat. Und so bekdnnt sich attch Albert Einstein zu Spiitozas kosmischer Religiosität. Gerade die Geschlossenheit des spinozistischen Systems, das den Menschen als Teil der Natur begreift und ihm in der Unendlichkeit der Erkenntnis den Weg zur Freiheit des menschlichen Geistes eröffnet, aber ist die Schranke seiner