Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 11 (November 1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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72 Wahrheit. Die mathematisch zu erkennende Natur ist nicht die gesamte Natur. Die lebendige Natur, die „geprägte Form, die lebend sich entwickelt". fügt zur anorganischen Natur, in der mechanische Gesetze walten, das Geheimnis des Lebens, des Formenreichtums der organischen Natur, der Kräfte und Gesetze der Entwicklung der Pslanzen- und Tierwelt hinzu. M e n sch e n wird das Leben Geist, bewusst, fähig der Erkenntnis des Wollend, des Handelns, Träger der Wertung, des Ethos, des Rechts, der Kunst, der Religion, der geistigen Welt. Diese M e h r s ch i ch t i g k e i t der Welt lässt sich nicht monistisch aus eine nt Prinzip erklären. Die Religion wurzelt in der Sonderstellung des Menschen in der Natur, die in seinem Geistesleben begründet ist. Spinoza erkennt diese Sonderstellung des Menschen nur sür den Verstand, die Kraft der Naturerkenntnis, die zugleich Gotteserkentnis ist, an. Die sittliche Erkenntnis ist ihm nur sozialpraktisch wertvoll, Ausdruck der m e n schlich e n Vernunft, aber nicht Wille Gottes. Gott steht für Spinoza außerhalb von Gut und Böse, so wie die Natur nicht sittlich bestimmt ist. Daher die Vorliebe Nietzsches sür Spinoza. Daher aber a u ch d e r u n v e r s ö h n l i ch e Gfgensatz Zwischen der Religion Spinozas und der Religion des Iudentu m s. Für das Judentum ist das Reich Gottes nicht das Reich' der mechaulsckjeu Natur, sondern die Menschenwelt, in der Gerechtigkeit und Liebe herrscht. N i ch t der Verstand, sondern d a s Herz verbindet den Menschen mit Gott. Nicht der Philosoph, sondern der Prophet ist der Verkünder Gottes. „Es ist dir gesagt worden, o Mensch, was gut ist und was Gott von dir fordert: nichts anderes als Recht tun. Liebe-üben und in Demut wandeln mit deinem Gotte!" So bleibt fern von aller Gehässigkeit der Intoleranz der tiefe Gegensatz bestehen, den Spinoza selbst zwischen seiner Gotteserkenntnis und der Gotteserkenntnis des Judentums erkannt hat. Nicht die aristokratische Geistesreligion, sondern die s i t t l i ch e M e n s ch h e i t s ° religion.ist die Religion des Judentums. Wie aber könnte echte Religiosität anders als mit Ehrfurcht des einsamen Denkers gedenken, der das jüdische Erbe der Gottesliebe nicht nur in die Welt der mathematischen Naturerkenntnis hinübernahm, sondern in der Naturerkenntnis der Neuzeit den Weg Zur Gotteserkenntnis und selbstlosen Gottesliebe erschloß! So verstehen wir den tiefen Einfluß, den Spinoza auf diejenigen Deuker auZgeübt Hab die um die Einheit der naturwissenschastlich-fn und sittlich-religiösen Weltanschauung gerungen haben - Lei b n i z . L e s s i n g , Herder, Goethe Auch bei der tiefen Verschiedenheit ihres biologischen Naturbegriffs von dem mathemattscheu Naturbegrisf Spinozas waren sie sich dessen bewußt, daß Spinoza erstmalig die Religion bewußt, daß Spinoza erstmalig in Einklang zu setzen bemüht war und sahen in ihrer eigenen Weltanschauung nur den rechtverstandenen Spinozismus. Spinoza hatte die religiösen Begriffe auf die Unendlichkeit der Natur bezogen und hierdurch alles dogmatisch Starre von ihnen genonnnen. So sormuliert Lessing diesen Sachverhalt mit den Worten: „Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht mehr für mich, ich kann sie nicht genießen /E, KrA %&• eins und alles. Ich weiß nichts anderes." Und eben um dieser Befreiung des religiösen Horizonts durch die Gleichsetzung Gottes mit dem Universum feiert S ch l e i e r m a ch e r Spinoza: „Opfert mit mir ehrerbietig eine Locke den Manen des heiligen, verstoßenen Spinoza! Ihn durchdrang der hohe Weltgeist, das Unendliche war sein Anfang und Ende, das Universum seine einzige und ewige Liebe." Aus der Ethik Spinozas Es gibt in der Natur nichts Zufälliges, sondern alles ist gemäß der Notwendigkeit der göttlichen Natur bestimmt, auf gewisse Weise da zu sein und zu wirken. * Die Vollkommenheit der Dinge muß nach ihrer Natur und ihrem Vermögen allein geschätzt werden, und die Dinge sind deshalb nicht mehr oder'minder vollkommen, weil sie den Sinn der Menschen ergötzen oder beleidigen, weil sie der menschlichen Natur Zusagen oder ihr entgegen sind. Denen aber, die fragen' warum Gott nicht alle Menschen so geschaffen hat. daß sie bloß durch die Führung der Vernunft geleitet werden, antworte ich nur: weil er Stofs hatte, alles zu schassen von der höchsten bis zur niedrigsten Stufe der Vollkommenheit... * Die geistige Liebe zu Gott ist ewig, v Die Ewigkeit ist das Wesen Gottes. * Unter „gut" werde ich das verstehen, wovon wir gewiß wissen, daß es ein Mittel ist, uns dem Urbrlde der menschlichen Natur, das wir uns vorsetzen, mehr und mehr zu nähern; unter „böse" aber das, wovon wir gewiß wissen, daß es uns hindert, eben diesem Urbild zu entsprechen. * . Das höchste Gut des Geistes ist die Erkenntnis Gottes, und die höchste Lugend des Geistes ist, Gott zu erkennen. Insofern die Menschen den Leidenschaften unterworfen sind, sofern kann man nicht sagen, daß sie von Natur übereinstimmen. * Es gibt in der Natur nichts einzelnes, was dem Menschen nützlicher wäre als der Mensch, der nach der Leitung der Vernunft, lebt. * Die Menschen werden die Erfahrung machen, daß sie durch gegenseitige Hilseleistung sich das, was sie bedürfen, viel leichter verschaffen, und nur durch vereinte Kräfte die Gefahren, die ihnen überall drohen, vermeiden können. * Die Begierde, gut zu handeln, die daraus hervorgeht, daß wir nach der Leitung der Vernunft leben, nenne ich Frömmigkeit. Die Begierde, wodurch der Mensch, der gemäß der Leitung der Vernunft lebt, gehalten ist, sich die übrigen durch Freundschaft zu verbinden, nenne ich Ehrbarkeit. * Haß kann nie gut sein. * Wahrlich nur ein düsterer und trübseliger Aberglaube verbietet, sich zu erfreuen. Denn weshalb ziemt es sich mehr, Hunger und Durst zu stillen, als den Mißmut zu verjagen? . . . * Wer nach der Leitung der Vernunft lebt, strebt, soviel er kann. Haß, Zorn, Verachtung usw. eines anderen gegen ihn durch Liebe oder Edelmut zu vergelten. Wer Beleidigungen mit Haß erwidern und rächen will, hat gewiß ein trauriges Leben. Wer hingegen Haß mit Liebe zu bekämpfen trachtet, der kämpft gewiß mit Freude und Zuversicht. * Wer von Furcht geleitet wird und das Gute tut, um das Böse zu vermeiden, der wird nicht von der Vernunft geleitet. * Der freie Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod. und seine Weisheit ist nicht ein Nachdenken über den Tod, sondern über das Leben. * Wenn die Menschen frei geboren würden, würden sie, solange sie frei wären, keinen Begriff von Gut und Böse bilden. Der freie Mensch trachtet danach, sich die übrigen durch Freundschaft zu verbinden. Der von der Vernunft geleitete Mensch ist im Staate, wo er nach gemeinsamem Beschlüsse lebt, freier als in der Einsamkeit, wo er sich allein gehorcht. * , Es ist für das Leben vor allem von Nutzen, den Verstand oder die Vernunft soviel als möglich zu vervollkommnen, und hierin allein besteht das höchste Glück oder die Glückseligkeit des Menschen; denn die Glückseligkeit ist nichts anderes als eben die Zufriedenheit der Seele, die aus der intuitiven Erkenntnis Gottes entspringt; den Verstand vervollkommnen ist aber auch nichts anderes, als Gott und Gottes Attribute und Taten verstehen; die aus der Notwendigkeit seiner Natur entspringen^ * Die Herzen werden nicht durch Waffen, sondern durch Liebe und Edelmut überwunden. * Je mehr Vollkommenheit jedes Ding hat, um so mehr ist es tätig und um so weniger leidet es, und anderseits, je mehr es tätig ist, um so vollkommener ist es. * Wenn nun auch der Weg, der, wie ich gezeigt habe, zur Seelenruhe führt, sehr schwierig zu sein scheint, so läßt er sich doch finden; allerdings muß etwas schwierig sein, was so selten angetroffen wird. Denn, wie wäre es möglich, wenn das Heil so zur Hand wäre und ohne große Anstrengung gefunden werden könnte, daß es fast von allen vernachlässigt würde? Aber alles Erhabene ist ebenso schwer wie selten. Verlag: Cenlralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. B., Berlin W 15, Enger Str. 42 Tel ° Adr.: „Lentralglauben Berlin". Postscheck: Berlin 30472. Hauptschriftleiter: Dr. Ludwig Holländer. — Berai'twortlich: Dr. Margarete E d e l t) e i nt. Beide Berlin W 15. — Druck: St u d o l f Moste, Berlin SW 100.